ZahlungsverkehrWestern Union - das alte Geldreich

Eine historische Aufnahme einer Western Union Filiale
Eine historische Aufnahme einer Western Union FilialeGetty Images

Schon ein Jahr bevor die Zahl der neu eintreffenden Flüchtlinge Europa 2015 kalt erwischte, ahnte man bei Western Union, dass etwas im Gange war. Am Unternehmenssitz in Denver klingelte das Telefon von Hikmet Ersek, CEO des Geldversenders. In der Leitung war ein Grieche, der mehr als 1000 Western-Union-Filialen betreibt. „Du glaubst nicht, was gerade auf den Inseln passiert“, sagte er. Er hatte auf den griechischen Inseln die Schleuserboote ankommen sehen. „Die Leute brauchen alle 50, 60, 70 Euro, damit sie Bustickets und so etwas bezahlen können. Wir müssen was tun.“ Es war Frühsommer 2014. In Europa machte sich noch kaum einer Gedanken über Flüchtlinge.

„Wenn es irgendwo auf der Welt Hurrikane, Erdbeben oder Flüchtlingskrisen gibt, merken wir das sehr schnell“, erklärt Ersek heute. „Die Leute verwenden Western Union als Erstes.“ 2014 auf Samos oder Lesbos kletterten die Menschen an Land und hatten kaum Gepäck dabei. Fast alle brauchten Geld. Also ließen sie es sich von Verwandten schicken – und zwar mit Western Union.

Die Geldströme der Welt überblickt der Traditionskonzern wie kaum ein anderer – vor allem die der Armen. Sein Geschäft dokumentiert die Geschichte der Globalisierung – und ist gleichzeitig ein Seismograf für die Krisen, die Menschen aus ihrer Heimat wegzwingen. Das Unternehmen kennt ihre Wege und sieht, wie sie später wieder Geld nach Hause überweisen. „Die Flüchtlingskrise in Europa haben wir voll mitbekommen“, sagt Ersek. „In Deutschland, Schweden, Österreich und entlang der Balkanroute bis in die Türkei.“

Es ist ein einträgliches Geschäft, das Western Union betreibt: Hunderte Millionen Menschen leben heute fern ihrer Heimat. Fast 600 Mrd. Dollar wurden nach einer Prognose der Weltbank 2017 um den Globus geschickt, 450 Mrd. davon in Entwicklungsländer – fast 90 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Keiner profitiert davon so sehr wie die Amerikaner: 550.000 Standorte hat der Konzern weltweit, in jedem Land außer dem Iran und Nordkorea.

31 Transaktionen werden pro Sekunde abgewickelt, und die Nachfrage wächst weiter. Den Markt des Geldversendens führt Western Union an. Allerdings muss man einschränken: noch. Denn der Anteil von rund 14 Prozent schrumpft. Kleine, schnelle Start-ups haben das Geschäft für sich entdeckt, Smartphones und mobiles Internet völlig neue Möglichkeiten eröffnet, und obendrein verlangen Regulierer stärkere Kontrollen, um Geldwäsche, Betrug und Terrorfinanzierung zu vermeiden. Western Union gibt es seit 166 Jahren, und in seiner Geschichte hat das Unternehmen, das globale Krisen so genau erspürt, selbst viele Krisen und Umwälzungen durchlitten. Wie also geht es mit dieser um?

Bude auf Holzpaletten

Der große Vorteil von Western Unions Dienst war lange seine Einfachheit. Kunden brauchen für die Geldtransfers kein Konto, bloß Bargeld und den Namen des Empfängers. Der Versender trägt das Geld in eine Filiale (wenn er nicht per Kreditkarte oder online zahlen will) und erhält dafür einen zehnstelligen Code. Den gibt er dem Empfänger, etwa per Telefon. Wenige Augenblicke später kann dieser das Geld bei seiner Wes-
tern-Union-Filiale abholen. Fertig.

Auch für das Unternehmen ist die Einfachheit ein Vorteil: Western Union stellt irgendwo einen Computer auf, und schon läuft das System. Als immer mehr Flüchtlinge auf Lesbos ankamen, platzierte man im Kara-Tepe-Lager eine Bude auf Holzpaletten. Als sich das Lager Idomeni füllte, hängte die Firma ihr schwarz-gelbes Schild am Bahnhof auf.