KolumneWerden deutsche Sparer tatsächlich enteignet?

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Aber die EZB könnte doch die Zinsen erhöhen!

Das könnte Sie zwar, aber schon bei dem jetzigen Zins von Null wollen zu wenige investieren, liegen Inflation und Wachstum zu niedrig. Die Zinsen zu erhöhen würde nur dazu führen, dass sich die Wirtschaft noch weiter abschwächt, die Inflation noch weiter zurückgeht, und die EZB sich gezwungen sähe, die Zinsen wieder zu senken. Für die Sparer kämen dabei vermutlich noch niedrigere Zinsen heraus. Glaub mir, das haben Zentralbanken auf der Welt schon ausprobiert. Es wurde nicht zur Nachahmung empfohlen.

Mein Kopf tut weh.

Wie man es dreht und wendet: ordentliche Zinsen gibt es nur bei Wachstum und Vollbeschäftigung. Die EZB versucht, im Moment das ihre zu tun, dass wir beides wiederbekommen.

Du willst sagen, die EZB ist der falsche Sündenbock?

Wenn man ihr einen Vorwurf machen kann, dann, dass sie zu vorsichtig war! Milton Friedman hat mal gesagt: Niedrige Zinsen sind ein Zeichen, dass die Geldpolitik zu straff war. Hätte die EZB also früher und aggressiver gegengesteuert, wäre die Wirtschaft vielleicht nicht so tief gefallen und es gäbe heute schon höhere Zinsen.

Wie bitte? Die EZB war zu vorsichtig?

Die EZB hat zum Beispiel systematisch die Inflation überschätzt: Immer dachte sie, die Inflation wäre gleich um die Ecke. Die Folge: Die EZB sah keinen Grund, die Geldpolitik zu lockern, Besserung war ja in Sicht. Aber hinter der nächsten Ecke war nur noch niedrigere Inflation. Die EZB lief also jahrelang der Musik hinterher, statt wie Zentralbanken es sollten, vorneweg. So schafft man japanische Verhältnisse, also dauerhaft niedrige Zinsen.

Wird es denn mit Christine Lagarde besser?

Sie ist auf jeden Fall nicht zu beneiden. Mario Draghi hinterlässt ihr eine schwächelnde Wirtschaft, kaum Inflation und Zinsen von Null. So schwer hatte es vor ihr noch kein EZB-Präsident.

Es ist also wie immer, wenn es schwierig wird, holt man eine Frau an Bord.

Genau. Doch Lagarde braucht vor allem Hilfe von zwei anderen Frauen, beide Deutsche.

Angela Merkel und …

… Ursula von der Leyen. Denn die EZB wird es kaum schaffen, das Ruder allein rum zu reißen. Lagarde muss alles versuchen, Zinsen weiter senken, vermutlich weitere Staatsanleihen kaufen, vielleicht sogar Bankanleihen oder Aktien, und sie muss zudem aggressiver auftreten. Aber ohne Hilfe der Fiskalpolitik wird es schwer.

Das heißt Deutschland soll wieder mehr Geld ausgeben?

In Europa müssen gerade die, die mehr investieren könnten, wie Deutschland, auch mehr investieren. Das zieht auch private Investitionen nach sich. Schulden zu reduzieren und zu Sparen ist jetzt nicht angezeigt. Die europäischen Regeln und die Schuldenbremse müssen reformiert werden, damit schuldenfinanzierte Investitionen möglich werden. Wenn der deutsche Sparer wieder Zinsen haben will, müssen Staat und Unternehmen investieren. Sonst wird das nichts.


Christian Odendahl ist Chefvolkswirt des Londoner Centre for European Reform (CER). Vorher arbeitete er als leitender Ökonom für Roubini Global Economics und als Marjorie Deane Financial Journalism Fellow beim Wirtschaftsmagazin The Economist.