FinanzevolutionWenn das Internet der Dinge automatisch bezahlt

Symbolbild: Internet der DingePixabay

Als ich vor mehr als 30 Jahren mit einem 1200 Baud Modem das erste Mal online ging (ältere Semester erinnern sich noch an den Bildschirmtext der Deutschen Bundespost), konnte sich kaum jemand vorstellen, welchen Einfluss die Verbindung von Computern über Datenleitungen einmal haben werden. 1989 verzeichnete der Post-Dienst gerade einmal 150.000 Nutzer, so dass manche vom größten Technik-Flop der Bundespost sprachen. Heute rümpfen wir die Nase, wenn wir an einem Computer ohne Zugang zum Internet sitzen.

Unsere begrenzte Vorstellungskraft hat uns aber nicht verlassen. Heute wissen wir zwar, dass Computer und Telefone mit dem Netz verbunden sind, viele können sich aber nicht vorstellen, dass dies für alle möglichen technischen Geräte gilt. Die kommunizieren nicht nur untereinander (von Maschine zu Maschine sozusagen), sondern können sich künftig gegenseitig für Leistungen bezahlen. Fachleute wie Volker P. Andelfinger und Till Hänisch prognostizieren, dass dieses „Internet der Dinge“ unser Leben vollständig verändern wird. Sie schreiben im Vorwort ihres Buches, das Internet der Dinge (englisch „Internet of Things“, abgekürzt IoT) werde „Einfluss auf unsere Arbeit, unser Zusammenleben, auf Transport, Produkte und deren Herstellungsprozesse, Dienstleistungen, auf Gesellschaft und Politik gleichermaßen“ nehmen. Nichts bleibe ausgenommen, alles werde vernetzt.

Der Begriff „Internet der Dinge“ wurde bereits 1999 am Massachusetts Institute of Technology (MIT)  geprägt. Technisch, vereinfacht erklärt, werden Geräte mit Sensoren ausgestattet, die Daten aufnehmen, und mit Aktoren, die Aktionen auslösen. Zusätzlich kommunizieren sie über das Internet. So können vernetzte Geräte Umgebungsinformationen (z.B. Temperatur, Helligkeit, Bewegung oder Standort) aufnehmen und Aktionen von anderen Geräten auslösen.

Welche Rolle wird das Internet der Dinge im Banking spielen?

Ein aktuelles Beispiel  ist ein Sensor, der die Temperaturen in einem Haus misst, darauf selbstständig die Leistung der Heizung verändert und diese Informationen an das Smartphone des Hauseigentümer sendet. Ein anderes oft strapaziertes   ist der vernetzte Kühlschrank, der laufend die Lebensmittel überprüft und bei Bedarf selbstständig Milch nachbestellen kann und bezahlt.

Eine Rolle wird das IoT bei immer mehr Geschäftsanwendungen für die Kommunikation von Maschinen untereinander spielen. Ein Einsatzgebiet für diese machine-to-machine -communication ist z.B. das Precision Farming genannte Konzept. Hier messen Sensoren die Ergiebigkeit einer Ackerfläche, um präzise die Aussaat und Düngung landwirtschaftlicher Flächen steuern zu können. Durch eine verbesserte Informationslage können so Vorhersagen verbessert und Ressourcen effizienter eingesetzt werden.

Ob das Internet der Dinge, wie der Bank-Blog im vergangenen Jahr schrieb, auch „eine bedeutende Rolle bei den Strategien der Banken zur digitalen Transformation“ spielt, kann ich derzeit noch nicht erkennen, es sei denn man rechnet auch das kontaktlose Bezahlen zu den IoT-Anwendungen. Dabei handelt es sich zwar um einen modernen Bezahlvorgang, allerdings für einen eher klassischen Anwendungsfall, wenn Menschen an der Kasse eines Geschäfts bezahlen.

Zu einem modernen Anwendungsfall gehört das sogenannte „machine-to-machine-payment“. Die ist dann erforderlich, wenn über IoT vernetzte Geräte Leistungen und damit verbundene Zahlungen auslösen ohne dass ein Mensch eingreift. Ein Beispiel  dazu aus einer nicht mehr fernen Zukunft wäre, wenn ein selbstfahrendes Autos allein einen Parkplatz findet und im Rahmen eines vorgegebenen Budgets dafür ohne separate Freigabe bezahlt. Schon heute Realität sind die kassenlosen Geschäfte von Amazon Go, bei der Sensoren die in den Einkaufswagen gepackte Waren im Supermarkt registrieren und den Bezahlvorgang beim Verlassen des Geschäfts ohne Kassierer auslösen.

Ob für solche und industrielle IoT-Anwendungen die aktuellen Instrumente im Finanzwesen ausreichen und hinreichend kostengünstig sind, ist bisher nicht beantwortet. Natürlich kann man hinter einen Einkauf bei Amazon Go, eine Zahlung per Kreditkarte, Apple oder Google Pay oder Instant Payment setzen. Ich hatte aber in meiner Kolumne im September darauf hingewiesen, dass an einem Zahlungsprozess  wie Google oder Apple Pay mindestens acht (Finanz-)Dienstleister beteiligt sind. Hier muss mir noch einmal jemand erklären, warum das ein effizienter Prozess sein soll, wenn jedes beteiligte Unternehmen etwas verdienen will.

Kein Wunder also, dass die Industrie auch über andere Bezahlverfahren nachdenkt, insbesondere wenn es sich um Kleinstzahlungen (Micropayment genannt) handelt. Es haben sich mittlerweile einige Industriekonsortien gebildet, wie etwa das „Internet of Things Consortium“. Hier haben sich Gründer, Manager und globale Unternehmen zusammengeschlossen, um nach eigener Darstellung das Wachstum des IoT-Marktplatzes anzukurbeln. Dabei konzentriert man sich auf fünf Branchen: vernetzte Haushalte, Autos, Städte, Einzelhandel und Bekleidung. Mit Mastercard und der Bank of America sind hier zwei US-Finanzdienstleister dabei und mit Henkel und T-Mobile zumindest zwei deutsche Unternehmen. Auch in der Trusted IoT Allicance machen zwar mit Bosch und ebenfalls der Telekom zwei deutsche Unternehmen mit, daneben aber nur eine Bank aus den USA.

Das von der EU geförderte CityxChange-Projekt möchte herausfinden, „wie Städte in der Zukunft aussehen könnten, die auf intelligente und innovative Energieversorgung unter Einsatz moderner Technologie setzen. Mit Hilfe digitaler Dienste soll eine kostensparende und gleichzeitig nachhaltige Energieproduktion nah am Verbraucher ermöglicht werden. Wenn ernsthafte IoT-Anwendungen zu einem Austausch von Leistungen verschiedener Beteiligter führt, dann wird man stets auch darüber nachdenken, wie diese abgerechnet werden. Der IT- und Payment Fachmann Ralf Ohlhausen hält es für einen Fehler, wenn Gerätehersteller die Bezahlung erst im Nachhinein als Funktion draufsetzen. Sie müsse vielmehr von Anfang an in die Produktentwicklung einfließen, vor allem auch aus Sicherheitsgründen.

Beim CityxChange-Projekt wird überlegt, ob man künftig zum Bezahlen von Verkaufs- und Handelsdatenströmen IOTA einsetzt, das sind auf blockchainnaher Technologie basierende digitale Münzen (auch Token genannt). IOTA ist übrigens auch Partner der Trusted IoT Allicance. Der IOTA-Token (Internet of Things Applications) wurde mit dem Ziel entwickelt, autonomes Bezahlen zwischen miteinander kommunizierenden Maschinen zu ermöglichen. Nach der Vorstellung von Dominik Schiener, Co-Founder von IOTA, sind damit Micropayments möglich, eine Maschine kann also eine andere Maschine bezahlen. So bräuchte sich etwa ein großes Unternehmen keine Maschine mehr kaufen, sondern könne sie ausleihen und pro Verwendung (beispielsweise pro Sekunde) per Micropayment bezahlen.

Zukunft des Bezahlens

Volkswagen, Audi und Bosch befassen sich mit der Technologie, die sich freilich noch im Laborstadium befindet. So ist beispielsweise künftig denkbar, dass elektrische Fahrzeuge bei einem Ladevorgang direkt über eine sichere, drahtlose IoT-Verbindung mit der Ladesäule die Kosten via IOTA abrechnen. Auch wenn IOTA für autonome Micropayments  und auch andere Verfahren heute noch nicht frei von Mängeln und Kritik ist, so zeigen die Aktivitäten doch eine neue Zukunft des Bezahlens, die keine umfangreiche Zahlungsabwicklungsinfrastruktur benötigt.

Ich habe allerdings Zweifel, ob ein privates, dezentrales Zahlungsinstrument das breite Vertrauen von Unternehmen und Verbrauchern findet. Dazu kommt, dass wir uns hier noch in einer sehr frühen Phase befinden und verschiedene Lösungen um die Gunst der (Geschäfts-)Kunden buhlen. Die für eine breite Akzeptanz notwendigen Standards sind nicht erkennbar. Aber es ist gut möglich, dass wir bald einen durch eine Zentralbank gestützten Token sehen, mit dem man auch im Internet der Dinge bezahlen kann. Zumindest denkt die Schwedische Reichsbank über die Entwicklung einer E-Krona für die Bezahlung auch im Internet der Dinge nach. Erste Tests mit der E-Krona sollen in 2019 erfolgen. Bisher können sich aber nur zwei Länder Krypto-Cash, nämlich Schweden und Uruguay, als alternative Ergänzung zu Bargeld  vorstellen. Nach einer Untersuchung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich nähern sich die meisten Zentralbanken diesem Instrument nur sehr vorsichtig.

Das Bezahlen im Internet der Dinge befindet sich noch nicht auf der Überholspur. Vor allem große Industrieunternehmen zeigen sich jedoch experimentierfreudig. Die Finanzindustrie bringt ihre Kompetenzen bislang kaum ein und kann so kein Know-how bei finanzmarktnahen Services im Internet der Dinge aufbauen. Dabei sind ihre Kompetenzen hier gefragt und das Potential ist durchaus vorhanden. Insbesondere bei Themen wie Betrugsprävention, Geldwäsche und Identifizierung der Berechtigten und sicher auch bei der Setzung sicherer Standards. Daher müssen die Banken aufpassen, dass sie beim machine-to-machine-payment nicht ebenfalls in die Defensive geraten.