Tracing-AppWas Sie über die geplante Corona Tracing-App wissen müssen

Tracing App gegen Covid-19: In Australien hat die Regierung Ende April eine App zur Nachverfolgung von Kontakten mit Infizierten gestartet.
Tracing App gegen Covid-19: In Australien hat die Regierung Ende April eine App zur Nachverfolgung von Kontakten mit Infizierten gestartet. Deutschland will nachziehenImago / AAP / Dave Hunt


In unserer Reihe Capital erklärt geben wir einen komprimierten Überblick zu aktuellen Wirtschaftsthemen. Diesmal: die Corona-tracing-App – mit Capital-Redakteur Niklas Wirminghaus, der auch unser Fintech-Portal FinanceFWD betreut.


Der Plan, Neuinfektionen mit SARS-CoV-19 über eine App zu verfolgen, läuft auf Hochtouren. Wie genau soll das funktionieren?
Im Prinzip soll damit die Arbeit der Gesundheitsämter digitalisiert und automatisiert werden. Die App registriert mithilfe der Bluetooth-Technologie, welche anderen App-Nutzer sich über einen bestimmten Zeitraum innerhalb eines bestimmten Abstands befunden haben. Begegnen sich zwei Smartphones, speichern die Geräte jeweils die sogenannte Proximity-ID des anderen. Wird dann später einer der Nutzer positiv getestet, werden alle registrierten Kontaktpersonen benachrichtigt.

Uneinigkeit herrschte lange darüber, ob die App zentralisiert oder dezentral funktionieren soll. Was ist der Unterschied?
Der Unterschied zeigt sich in dem Fall, wenn jemand infiziert ist. Wer positiv getestet wird,
lädt seinen Geräteschlüssel auf einen Server. Die anderen App-Nutzer gleichen diesen nun
mit ihrer eigenen Kontakthistorie ab. In der dezentralen Variante findet der Abgleich auf den lokalen Smartphones statt – die App berechnet sozusagen selbst, ob der Nutzer einer
Ansteckungsgefährdung ausgesetzt war. Der zentrale Ansatz sähe vor, dass der Abgleich auf einem zentralen Server passiert, dort ist dann die Begegnungshistorie einsehbar, potenziell gefährdete Kontaktpersonen können zentral benachrichtigt werden.

Was sind Vor- und Nachteile der beiden Varianten?
Einfach gesagt: Dezentral bedeutet besseren Datenschutz und weniger Möglichkeit für
Missbrauch – aber zentral hieße auch, dass Datenmengen entstünden, die Forscher und
Behörden für die Bekämpfung der Seuche gut brauchen könnten. In Deutschland sah es
lange so aus, als würden wir die zentrale Lösung wählen – allerdings gab es deutliche Kritik
von Datenschützern.

Die Angst vor Datenmissbrauch ist groß

Entschieden hat die Bundesregierung sich nun aber für ein dezentrales System. Warum?
Das lag an den großen Tech-Konzerne Google und Apple – dennn die favorisierten ebenfalls eine dezentrale Variante. Weil die Bundesregierung irgendwann erkannt hat, dass es fast
unmöglich ist, eine Tracing-App ohne diese beiden Player auf den Markt zu bringen und zu
verbreiten, ist sie auf den dezentralen Kurs eingelenkt. Nun genießt insbesondere Google nicht gerade den Ruf, besonders datenschutzfreundlich zu sein. Trotzdem haben auch diese Player im Blick, dass die geplante App ja nicht nur in demokratischen Staaten wie Deutschland genutzt würde, sondern auch in autoritären Systemen. Die Angst vor Datenmissbrauch durch staatliche Behörden ist da groß. Das dürfte der Grund sein für Apples und Googles Präferenz der dezentralen Variante.

Wird die Installation einer solchen App dann verpflichtend?
Danach sieht es nicht aus, mit der aktuellen Rechtslage ist das auch nicht vorstellbar. Man
darf auch nicht vergessen, dass längst nicht jeder Bürger ein Smartphone besitzt. Szenarien wie „Nur wer die App installiert hat, darf Bahn fahren“ oder „Zutritt ins Restaurant nur mit Tracing-App“ halte ich daher für höchst unwahrscheinlich.

Keine zu großen Illusionen

Besonders im Netz werden viele Gegenstimmen zu Tracing-Apps laut. Sind diese Einwände, die sich meist um Datenschutz und Wirksamkeit drehen, berechtigt?
Die Sorgen um den Datenschutz halte ich für berechtigt. Wir räumen dem Thema nicht ohne Grund in Deutschland einen großen Stellenwert ein. Aber natürlich durchleben wir
momentan eine Ausnahmesituation. In den vergangenen acht Wochen haben wir einige
Grundrechte bereits komplett aushebeln müssen – weil der Gesundheits- und
Seuchenschutz wichtiger waren. Das ist individuell abzuwägen.

Was die Wirksamkeit der App angeht, darf man sich keinen zu großen Illusionen hingeben.
Zum einen ist das System nicht perfekt, potenziell Infizierte können immer nur mit zeitlicher Verzögerung gewarnt werden – und in der Zwischenzeit viele andere angesteckt haben. Zum anderen ist sie einfach kein Allheilmittel, sondern nur ein Baustein der gesamten Eindämmungsstrategie. Klar ist: Je mehr Leute die App installieren, desto besser funktioniert sie auch. Wenn jetzt nur zwei Prozent aller Smartphone-Nutzer die App auf ihrem Gerät installieren, kann man sich ausrechnen, dass die Abdeckung zu gering sein. Es braucht also einen starken Appell an die Bevölkerung, die App auch zu nutzen.