Capital erklärtWas Sie über Nord Stream 2 wissen müssen

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Baustelle der Anlandestation von Nord Stream 2 im Ostseeküstenort Lubmin: Die Pipeline soll dieses Jahr fertig werden

Brauchen wir Nord Stream 2 überhaupt?

Hier gibt es selbst unter Experten unterschiedliche Positionen. Einige argumentieren, dass Deutschland seine Gasnachfrage selbst dann mit den existierenden Pipelines und künftig möglichen Importen von Flüssiggas decken kann, wenn der Bedarf durch den Kohleausstieg übergangsweise steigt. Allerdings wäre diese Variante vermutlich teurer. Auffällig ist auch, dass Nord Stream 1 und 2 zusammen auf dieselbe Kapazität kommen wie die Leitungen, die aktuell durch die Ukraine verlaufen. Deshalb vermuten Kritiker, dass es den Nord-Stream-Befürwortern in erster Linie gar nicht um zusätzliche Transportkapazitäten geht, sondern um einen Ersatz der bestehenden – dann ohne Transitstaaten.

Kann Nord Stream 2 überhaupt noch gestoppt werden?

Dass Nord Stream 2 gestoppt wird, ist sehr unwahrscheinlich – auch wenn es noch einige offene Fragen gibt wie die fehlende Genehmigung in Dänemark. Man hat aber das Gefühl, dass selbst die Kritiker eingepreist haben, dass Nord Stream 2 fertig gestellt wird. Worum es nun geht, ist eher, den späteren Betrieb der Pipeline zu regulieren, als den Bau zu stoppen. Dafür hat die EU-Kommission, die Nord Stream 2 kritisch sieht, eine neue Gasrichtlinie vorangetrieben. Diese untersagt unter anderem, dass ein einzelner Konzern wie Gazprom gleichzeitig die Infrastruktur betreiben und das Gas liefern kann.

Hier wird die spannende Frage sein, inwiefern das Nord-Stream-Konsortium versuchen kann, die Regulierung zu umgehen. Theoretisch denkbar ist etwa, dass die Röhre an einen anderen russischen Staatskonzern verkauft wird. Damit würde die Pipeline zwar formal einem anderen Unternehmen gehören, aber weiterhin im Dunstkreis des Kremls verbleiben. Hier könnte es noch zu Konflikten zwischen Deutschland, das für Nord Stream 2 die EU-Regulierung durchsetzen muss, und der EU-Kommission kommen – insbesondere, wenn der Pipelinegegner Manfred Weber nach der Europawahl der neue Kommissionspräsident werden sollte.

Wird sich der Streit um die Pipeline beruhigen, wenn sie erst einmal in Betrieb ist?

Das hängt unter anderem davon ab, ob eine Lösung für die Ukraine gefunden wird. Die Bundesregierung hat sich dazu bekannt, die Interessen der Ukraine zu berücksichtigen und dafür zu sorgen, dass auch künftig Gas über das Land nach Westen fließt. Äußerungen aus Moskau lassen aber Zweifel zu, ob Russland das ähnlich sieht. Entsprechende Verhandlungen zwischen EU, Russland und der Ukraine über eine künftige Regelung scheinen jedenfalls nicht richtig voran zu kommen. Und solange das russisch-ukrainische Verhältnis angespannt bleibt, etwa wegen der Krim-Annexion und der Unterstützung für die Separatisten in der Ostukraine, wird auch der Streit ums Gas und Nord Stream 2 ein Thema bleiben.