Capital erklärtWas Sie über Nord Stream 2 wissen müssen

Nord Stream 2 ist nicht nur energiewirtschaftlich umstritten
Nord Stream 2 ist nicht nur energiewirtschaftlich umstritten dpa


In unserer Reihe Capital erklärt geben wir einen komprimierten Überblick zu aktuellen Wirtschaftsthemen. Diesmal: Nord Stream 2 – mit Redakteur Thomas Steinmann, der bei Capital für Energie- und Sicherheitspolitik zuständig ist.


Was ist das Projekt Nord Stream 2?

Nord Stream 2 ist eine rund 1200 Kilometer lange Gaspipeline, die quer durch die Ostsee verlaufen soll. Sie ist das Folgeprojekt der bereits existierenden Leitung Nord Stream, die 2011 in Betrieb gegangen ist. Beide Pipelines sollen zusammen bis zu 110 Milliarden Kubikmeter Erdgas liefern. Beginn der Gaspipeline ist im russischen Ust-Luga, enden wird sie in Lubmin bei Greifswald. Eigentümer ist der russische Staatskonzern Gazprom. Als Finanzinvestoren, die bis zu 50 Prozent des ursprünglich auf 8 Mrd. Euro bezifferten Investitionsvolumens finanzieren, sind fünf europäische Energiekonzerne beteiligt: die französische Engie, die österreichische OMV, die britisch-niederländische Shell sowie Wintershall und Uniper aus Deutschland. Die Bauarbeiten haben im vergangenen Jahr begonnen und sollen nach bisheriger Planung Ende 2019 beendet werden.

Verlauf der Nord Stream 2

 

Wer sind die Befürworter, wer die Gegner dieses Projekts?

Der größte Befürworter des Projektes innerhalb der EU ist Deutschland. Im Zuge der Energiewende wird Deutschland für eine gewisse Zeit mehr auf Gas angewiesen sein, welches als wichtige Brücke zwischen fossilen und erneuerbaren Energieträgern gilt. Dabei ist Deutschland stark von Gasimporten abhängig – und russisches Pipelinegas ist die günstigste Bezugsquelle. Natürlich würde auch Russland massiv profitieren, da das Land stark auf Einnahmen aus Rohstoffexporten angewiesen ist. Nord Stream 2 würde zudem die Marktmacht des russischen Staatskonzerns Gazprom in der EU stärken. Die größten Gegner des Projekts sind Länder in Mittel- und Osteuropa wie Polen. Sie befürchten eine wachsende Abhängigkeit Europas von Russland. Darüber hinaus fürchten sie um ihren Status als Transitländer, da Nord Stream 2 die Bedeutung der auf dem Landweg existierenden Pipelines weiter reduzieren würde. Damit einher geht nicht nur der Verlust von Einfluss, sondern auch von wichtigen Einnahmen. Das gilt in besonderem Maße für die Ukraine, die jährlich Transitgebühren in Höhe von 2 Mrd. Euro verlieren könnte. Offen gegen die Pipeline haben sich zudem auch die USA positioniert. Die Amerikaner sehen Gaslieferungen als potenzielle politische Waffe des Kreml. Zudem wollen sie verstärkt US-Flüssiggas, das sogenannte LNG, nach Europa verkaufen.

Warum ignoriert Deutschland die Bedenken der osteuropäischen Länder und der USA?

Die Bundesregierung betont stets, dass es sich bei Nord Stream 2 um ein rein wirtschaftliches Projekt handele. Zudem habe Russland selbst in Zeiten des Kalten Krieges zuverlässig Gas geliefert und sich an vertragliche Verpflichtungen gehalten. Entsprechend lässt die Bundesregierung auch alle geopolitischen Argumente gegen die Pipeline, wie sie von Osteuropäern und Amerikanern vertreten werden, nicht gelten. Daher spielen fürsie im Kontext von Nord Stream 2 auch andere außenpolitische Fragen keine Rolle – etwa die russische Annexion der Krim, die Intervention in Syrien oder die mutmaßliche Verwicklung russischer Agenten in Giftanschläge in Großbritannien.