KommentarWas Kevin Kühnert und Donald Trump gemeinsam haben

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Sollte man Kühnerts Gedanken also als abenteuerliche, aber doch übliche Juso-Folklore belächeln? Das wäre zu einfach. Es gibt für solche Positionen in Deutschland keine Mehrheit, aber die Stimmung kann kippen: Wenn die soziale Marktwirtschaft, die nun viele schleunigst preisen, nicht mehr für den berühmten „Wohlstand für alle“ sorgt.

In Deutschland tut sie das in der Breite immer noch recht gut, einige Aufschwungsjahre sind in den Statistiken über Gleichheit noch gar nicht erfasst. Die Sozialstaatsquote ist hoch, die Staatskassen prall gefüllt. Aber: Auch hier gibt es das Gefühl, dass von dem Boom der vergangenen zehn Jahre nicht alle gleichermaßen profitiert haben.

Das Paradox des Kapitalismus

Was also tun? Und hier enttäuscht Kühnert auf ganzer Linie. Die Nöte von Menschen sind konkret, das sehen wir bei den Gelbwesten (Benzinpreise!), das sind sie auch hier: Da geht es um gute Schulen, gute Ärzte, Sicherheit, ÖPNV, ums Über-die-Runden-kommen, nicht um Eigentumsfragen an Produktionsmitteln.

Wenn der Kapitalismus in einer Krise ist, und dafür gibt es einige Symptome, so sehe ich keine einzige neue Idee auf Seiten der Linken: Vermögenssteuer, Reichensteuer, Enteignung, Kollektivierung. Das war’s. Warum dieser Kapitalismus in Asien Hunderte Millionen in die Mittelschicht hievte, während er im Westen nicht überall mehr die breiten Wohlstandsgewinne erwirtschaftet – über dieses Paradox mal eine kluge Analyse und einen Ausweg zu hören, das wäre spannend.

Und was macht Kevin Kühnert? Spricht kurz nach BMW über das Recht auf Homeoffice, als Beispiel für ein „Sozialstaatsversprechen der 1970er-, 1980er-Jahre in upgedateter Form“. Die Arbeiter, denen BMW dann gemeinsam gehört, können also auch von zu Hause arbeiten. Das klingt nicht vielversprechend.

Die Forderung nach einer Kollektivierung von BMW ist wie ein Hilfeschrei: Da ist nicht mehr, da kommt nicht mehr. Die Linke bleibt in den 60en und 70ern stecken. Die statische Vorstellungswelt eines Kevin Kühnert über Fabriken und was man mit ihnen anstellt, berührt sich hier mit der eines Donald Trump: Der eine will sie zurückholen, der andere enteignen – in einer Welt, die so nicht mehr existiert, die versunken ist, weil sie sich rasend verändert hat und immer noch verändert.