KommentarWas die Wirtschaft für Flüchtlinge tun kann

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Mittel Nummer Zwei: Qualifikation und Jobs

Auch hier gibt es verschiedene Ansätze. Eine Kombination von Betriebspraktikum mit intensivem Sprachkurs kann ein sehr guter Einstieg sein. Daimler beispielsweise hat gemeinsam mit der Bundesanstalt für Arbeit ein Modell entwickelt bei dem die Flüchtlinge während drei Monaten vormittags an verschiedenen Stationen im Betrieb arbeiten und nachmittags intensiv Deutsch lernen. Das ermöglicht dem Betrieb eine Beurteilung vorhandener Fähigkeiten. Auf dieser Grundlage kann entschieden werden, ob und welches weiterführende Angebot dem Geflüchteten gemacht werden kann. Gleichzeitig stellt es für alle Teilnehmer einen wichtigen ersten Qualifikationsschritt dar. Die Jobcenter können bei der Vermittlung von Flüchtlingen hilfreich sein, sind aber unterschiedlich gut aufgestellt. Es lohnt sich auf jeden Fall nachzufragen, welche Art von Unterstützung Betriebe in Ihrer Region bekommen können.

Ein anderer großer deutscher Konzern mit viel Erfahrung in der arabischen Welt führt mit seinen arabisch-sprachigen Mitarbeitern ein Assessmentcenter mit Flüchtlingen durch. Diejenigen, die sich behaupten, werden in ein Traineeprogramm mit der Aussicht auf Festanstellung übernommen. Das Assessmentcenter dient dazu, Qualifizierungen zu überprüfen. Viele Flüchtlinge können ihre Abschlüsse nicht belegen und selbst wenn, ist ihr Wert oft schwer zu beurteilen. Anstatt hier auf irgendwelche staatlichen Anerkennungsprozeduren zu warten soll der Assessmentprozess prüfen, inwieweit eine relevante Qualifikation vorliegt. Das Unternehmen bietet den Geflüchteten damit eine echte Perspektive und kann einen Teil seines steigenden Personalbedarfs decken.

Gerade für die vielen jungen Flüchtlinge sind Ausbildungsplätze von großer Bedeutung. Damit auch kleinere Betriebe hier ein sinnvolles Angebot machen können, ist es wichtig, dass die Kammern in speziellen Kursen die nötigen Start- und Sprachkenntnisse vermitteln. Diese Unterstützung sollten die Mitgliedsunternehmen bei ihren jeweiligen Kammern einfordern.

Eine Reihe von Flüchtlingen sind im Übrigen so qualifiziert, dass sie direkt eingesetzt werden können. Insbesondere Unternehmen, in denen viel Englisch gesprochen wird, können hier Perspektiven bieten. Neben ihrer jeweiligen fachlichen Qualifikation bringen Syrer und Iraker logischerweise sehr gute Kenntnisse von Kultur und Sprache des gesamten arabischen Raumes mit. Für weltweit vernetzte Unternehmen liegen hier große Chancen.

Angesichts von Ängsten und Vorbehalten zeigen meine Gespräche mit Unternehmern und Betriebsräten, wie wichtig es ist, die Arbeitnehmervertretungen in die Gestaltung der Angebote einzubinden. Die Geflüchteten sollten weder als Lohndrücker eingesetzt werden, noch sollten sie Mitarbeiter – gerade auch von Zeitarbeitsfirmen – verdrängen oder Ausbildungsplätze besetzen, auf die sich andere Chancen ausgerechnet haben. Um den Betriebsfrieden zu erhalten ist hier Umsicht notwendig.

Viele der Geflüchteten bringen einen starken Willen mit, sich durch harte Arbeit ein neues Leben aufzubauen. In allen Gesprächen, die ich in den letzten Jahren mit Flüchtlingen geführt habe, standen der Wunsch nach Deutschkursen und Arbeit ganz oben auf der Liste. Endlich schreckliche Erinnerungen hinter sich zu lassen und den eigenen Kindern eine bessere Zukunft zu bieten ist eine enorm starke Motivation.

Mittel Nummer Drei: Mitreden

Ärmel hochkrempeln und Lösungen zu finden hat Sie als Unternehmer erfolgreich gemacht. Wenn Sie sich engagieren, sollten sie das öffentlich machen. Zunächst gilt das für die eigenen Mitarbeiter. Sorgen müssen aufgegriffen und Lösungswege aufgezeigt werden. Wer Flüchtlingen in seinem Betrieb eine Perspektive bieten will, braucht dafür den Rückhalt der eigenen Mitarbeiter. Viele Belegschaften stehen der Aufnahme von Flüchtlingen positiv gegenüber. Führungskräfte sollten intern Mut machen und so auch das Gemeinschaftsgefühl stärken.

Gleichzeitig ist es wichtig, dass Unternehmen ihr Engagement öffentlich machen. Praktische Beispiele und persönliche Geschichten zeigen überzeugend, dass wir es schaffen mit dieser Situation umzugehen und Lösungen zu finden. Der Diskurs darf nicht den Ängstlichen und vor allem nicht den Brandstiftern überlassen werden. Dazu können gerade Unternehmer einen sehr glaubwürdigen und wichtigen Beitrag leisten.

Zur Überwindung der derzeitigen Flüchtlingskrise sind außergewöhnliche Anstrengung nötig. Nur wenn Unternehmen tatkräftig helfen, kann die Gesellschaft insgesamt sie meistern. Politik und Verwaltung alleine sind dem nicht gewachsen. Deutschland wird erfolgreich sein, wenn es gelingt, möglichst vielen Menschen möglichst schnell durch Arbeit neue Hoffnung und eine echte Perspektive zu bieten.