„Zero Covid“ Was der Schanghai-Lockdown für Chinas Wirtschaft bedeutet

Polizisten in Schutzkleidung bewachen ein Wohnviertel in Schanghai
Polizisten in Schutzkleidung bewachen ein Wohnviertel in Schanghai
© IMAGO / VCG
Wegen des schlimmsten Covid-Ausbruchs seit Anfang 2020 wird die Millionenmetropole Schanghai abgeriegelt. Chinas Wachstumsziel von 5,5 Prozent könnte damit in Gefahr geraten

Die hohen Infektionszahlen zwingen die Millionenstadt Schanghai in einen strikten zweiphasigen Lockdown. Für Konsumgüterhersteller dürfte die weitreichende Abriegelung ein schwerer Schlag sein – Wirtschaftsexperten sind jedoch der Ansicht, dass der Industriesektor der Stadt der Unterbrechung weitgehend standhalten und so eine Bedrohung für die globalen Lieferketten abmildern kann.

Die gestaffelte achttägige Abriegelung der 25-Millionen-Einwohner-Stadt und die Folgen der Maßnahme könnten das chinesische Wirtschaftswachstum im ersten und zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um bis zu 0,4 Prozentpunkte schmälern, so die Schätzungen der Chinaexpertin Liu Peiqian.

Der schlimmste Covid-Ausbruch seit 2020

Die Beschränkungen gelten jeweils für die Hälfte der Stadt und sollen die Einwohner daran hindern, ihre Häuser zu verlassen, um so den schlimmsten Covid-Ausbruch in China seit Wuhan Anfang 2020 einzudämmen. Am schlimmsten dürften die Auswirkungen auf Beschäftigung im Dienstleistungssektor und die Geschäftsaussichten kleiner Unternehmen sein.

„Covid dämpft die Zuversicht der Menschen und senkt ihre Erwartungen, was sie ausgeben können“, sagte Bruce Pang von China Renaissance Securities Hongkong. Er wies auch auf die Auswirkungen auf Branchen hin, die auf persönliche Zusammenkünfte angewiesen sind, insbesondere auf die Gastronomie.

Liu, deren Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im ersten Quartal bei 4,7 Prozent liegt, sagte, dass eine „allmähliche Erholung“ des Dienstleistungs- und Konsumsektors acht Wochen dauern könnte.

Als wichtiges Finanz- und Handelszentrum trägt Schanghai 3,8 Prozent zum BIP des Landes bei und ist nach Peking die zweitreichste Stadt Chinas, wie aus den jüngsten Zahlen des Nationalen Statistikamtes hervorgeht.

Wirtschaftsexperten haben die Wachstumsprognosen für China für dieses Jahr nach unten korrigiert, da sich die hochinfektiöse Omicron-Variante weiter ausbreitet. Bislang verfügbare Daten deuten darauf hin, dass die industrielle Produktion wahrscheinlich nur vorübergehend beeinträchtigt wird, da die Regierung versucht, die Auswirkungen zu minimieren. Die Beeinträchtigung der Verbraucherstimmung könnte jedoch nachhaltiger sein und das Jahreswachstumsziel der Regierung von etwa 5,5 Prozent gefährden.

Noch bevor die Abriegelung Schanghais bekannt gegeben wurde, warnte der japanische Finanzdienstleister Nomura davor, dass Chinas Wirtschaft dem größten Abwärtsdruck seit Beginn der Pandemie ausgesetzt sei. Die Ökonomen der Bank warnten vor einem Wachstumsrückgang im zweiten Quartal, während sie die vierteljährlichen Prognosen für den Rest des Jahres nach unten korrigierten.

Vorübergehende Auswirkungen auf Lieferketten

Am Donnerstag soll der offizielle Einkaufsmanagerindex des verarbeitenden Gewerbes veröffentlicht werden. Laut Bloomberg Economics ist mit einer Senkung zu rechnen.

Die Auswirkungen auf die Lieferketten werden wahrscheinlich nur vorübergehend sein, solange die Sperrung nicht länger als drei Wochen dauert, so Raymond Yeung, Chefökonom für Großchina bei der Australia & New Zealand Banking Group.

Laut Yeung hat im südlichen Technologiezentrum Shenzhen, wo am Sonntag der Normalbetrieb wieder aufgenommen wurde, ein so genanntes Closed-Loop-System die Auswirkungen des Lockdowns auf die Wirtschaft gemildert. Bei diesem Ansatz leben Fabrikarbeiter in Wohnheimen und arbeiten isoliert von der Öffentlichkeit. Shenzhens 17,5 Millionen Einwohner befanden sich etwa zwei Wochen im Lockdown.

„Ähnlich wie Shenzhen ist Schanghai ein wichtiger Wirtschaftsstandort für China“, sagte Yeung. „Werden Maßnahmen schnell durchgesetzt, gibt es die Hoffnung, dass sich wirtschaftliche Auswirkungen minimieren lassen.“

Der Hafen von Schanghai, der größte der Welt, ist nach Berichten lokaler Medien weiterhin rund um die Uhr in Betrieb. Der chinesische Chiphersteller Semiconductor Manufacturing International hält eine normale Produktion in seinem Werk in der Stadt aufrecht.

Tesla setzte unterdessen die Produktion am Montag aus, wie Bloomberg News berichtete. Der amerikanische Automobilhersteller hat seine Mitarbeiter noch nicht darüber informiert, ob dieser Stopp verlängert wird.

Letzter Verfechter von „Null Covid“

China ist der letzte Verfechter von „Zero Covid“, einer Strategie, bei der die Kontrolle und Ausrottung des Virus durch strenge Beschränkungen wie Abriegelungen und Massentests im Vordergrund steht. Viele Experten glauben immer noch, dass das Regime in Peking die Beschränkungen auch in diesem Jahr nicht lockern wird. Einige hingegen gehen davon aus, dass die Virusstrategie des Landes zumindest weiterhin angepasst werden könnte, um eine gewisse Flexibilität zu ermöglichen.

Die Regierung könnte das Vertrauen stärken, wenn sie einen Plan für die Wiederöffnung des Landes vorstellt, so Zhang Zhiwei, Chefökonom bei Pinpoint Asset Management, einem Investitionsunternehmen mit Sitz in Hongkong.

„Die größte Unsicherheit in Chinas Covid-Kampf besteht darin, dass die Ausstiegsstrategie nicht klar ist“, sagte er. „Die Null-Toleranz-Politik ist wahrscheinlich langfristig nicht haltbar, wenn man die wirtschaftlichen Kosten und die Belastung für das tägliche Leben der normalen Menschen betrachtet.“

Larry Hu, Wirtschaftsexperte bei Macquarie Capital – einem australischen Finanzdienstleister – sagte, dass die politischen Entscheidungsträger „keine andere Wahl haben werden, als die Maßnahmen zur Wirtschaftsförderung in den kommenden Monaten zu verstärken“, wenn das BIP-Wachstumsziel von etwa 5,5 Prozent in diesem Jahr erreicht werden soll.

„Wir rechnen mit weitere Fördermaßnahmen und halten deshalb an unserer jährlichen BIP-Prognose von fünf Prozent fest“, sagte er und prognostizierte eine Senkung des Leitzinses im April sowie eine stärkere Unterstützung für den Infrastruktur- und Immobiliensektor.

Mitarbeit: John Liu, Yujing Liu und Fran Wang

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