GastbeitragWarum wir einen neuen Marshallplan brauchen

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Es werden nicht die Deutschen sein

Dieser iPhone-Moment ist für Autos noch nicht gekommen. Aber es ist leicht vorzustellen, wie er aussehen wird: Ein elektrisches, sich selbst steuerndes ‘Wohnzimmer auf Rädern‘, sicher verbunden mit dem World Wide Web, das deutlich mehr geteilt wird unter den Nutzern, als das sie es kaufen. Es ist noch unklar, wer dieses Auto bauen wird, aber die Investoren an der Börse sind sich einig: „Es werden nicht die Deutschen sein.“

Der frühere Opel-Chef Karl-Thomas Neumann scheint dieses Fazit zu unterstreichen. Laut Handelsblatt sagt Neumann, dass die deutsche Autoindustrie schlecht aufgestellt sei, um den Wandel zur Elektromobilität zu schaffen. „Die Spitze der deutschen Branche kann nicht offen sagen, dass die Zukunft elektrisch ist. Die Auto-Vorstandschefs trügen Verantwortung für hunderttausende Arbeitsplätze und für Milliarden-Investitionen in bestehende Fabriken. Es ist eben sehr, sehr schwer, den ganzen Tag sehr effizient zu sein und sein altes Geschäft mit vollem Ehrgeiz weiter zu betreiben und sich abends um fünf Uhr zum Start-up-Unternehmer zu machen.“

Wann waren wir zuletzt Vorreiter für neue Standards, neue Industrien, neue Ideen?

Wie zum Beispiel die Idee von Tim Berners-Lee, dem Erfinder des Internets. Auf der Web-Summit in Lissabon forderte er „eine Magna Carta fürs Netz“. Die „Vernetzung“, resümierte er, „hat nicht automatisch zu mehr Verständigung geführt.“ Dann lieferte er eine Lösung zum Problem. Und stellt eine Art Gesellschaftsvertrag fürs Internet vor, der für Politik, Wirtschaft und Zivilbevölkerung bindend sein soll.

Seine Idee, von Wladiwostok bis Punjabi wohlwollend aufgenommen, beinhaltet (grob zusammengefaßt): Regierungen müssen Internet für alle schaffen, niemanden ausschließen und den Datenschutz als fundamentales Recht anerkennnen. Firmen sollen den Zugang bezahlbar gestalten, den Datenschutz anerkennen und Technologien entwickeln, die das Beste im Menschen fördern. Der Webnutzer soll sich respektvoll verhalten, die Menschenwürde achten und sich für ein offenes Web einsetzen.

Die „Magna Carta fürs Netz“ soll kommen

Man spürt das Aufatmen. Endlich bietet jemand eine klare Lösung für ein wichtiges Problem. Google, Facebook und die französische Regierung haben sofort ihre Unterstützung angeboten; was bedeutet, die „Magna Carta fürs Netz“ hat gute Chancen, umgesetzt zu werden.

Warum kommt der Vorschlag nicht von der Europäischen Union, Deutschland oder dem Digitalministerium? Ach richtig, wir haben keines. Ist der deutsche Staat Motor der digitalen Transformation oder Verwalter des Abgesangs? Man wünscht sich von der künftigen Regierung, dass sie die Tür sehr weit aufmacht, wenn die Zukunft anklopft.