GastkommentarWarum Trumps Kritik an Nord Stream 2 falsch und doch richtig ist

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#2 Langfristige Bindung ohne langfristigen Bedarf

Gas wird in Deutschland gerne als sauberer Energieträger dargestellt – das klappt aber nur, weil wir mit Kohle einen noch dreckigeren haben. Aber auch Gas ist ein fossiler Energieträger, und die Erfüllung der Pariser Klimaziele erfordert eine vollständige Dekarbonisierung der Wirtschaft. Das betrifft auch die Energiewirtschaft. Auf den Kohleausstieg, der in diesen Tagen besiegelt werden soll, folgt ganz sicher der Gasausstieg.

Perspektivisch wird Gas durch klimaneutrale Energien ersetzt werden, die schon jetzt immer preiswerter werden und bereits heute eine ernsthafte Konkurrenz zum Gas darstellen. Für eine Übergangszeit wird Gas natürlich noch eine bedeutende Rolle spielen, und zwar sowohl für die Stromerzeugung, als auch für die Wärmeherstellung und als Treibstoff in der Mobilität. Aber dauert das Jahrzehnte? Und selbst: Auch für den Übergang brauchen wir keine zusätzliche Pipeline.

#3 Überkapazität

Nord Stream 2 ist energie- und betriebswirtschaftlich unnötig. Schon der erste Strang ist in weiten Teilen nicht ausgelastet. Will man unbedingt russisches Gas importieren, gibt es andere Transportrouten, zum Beispiel durch Polen verlaufende Pipelines. Entgegen der Prognosen der Befürworter der Pipeline würde es ohne sie keine „Gaslücke“ geben, im Gegenteil. Es gibt derzeit ein Überangebot an Gas auf den internationalen Märkten, auch ausgelöst durch das bereits erwähnte US-amerikanische Fracking-Gas.

#4 Deutscher Alleingang, hohe Preise

Viele Länder, auch in Europa, setzen auf eine Diversifikation ihrer Gasimporte, vor allem mittels Flüssiggas, das flexibel per Schiff transportiert werden kann. Nur Deutschland verzichtet bisher auf den Bau eines LNG-Terminals und setzt stattdessen auf die Erweiterung der Nord-Stream-Pipeline. Das ist nicht nur politisch fragwürdig, sondern hat auch spürbare Konsequenzen auf die Energiepreise. Indem sich Deutschland aus dem freien Wettbewerb der Zulieferer verabschiedet, zahlen deutsche Verbraucherinnen und Verbraucher unnötig hohe Preise – auch wenn die Pipelinebetreiber das Gegenteil behaupten.

So berechtigt der skeptische Impuls gegenüber Trumps Ablehnung von Nord Stream 2 ist, so wichtig ist auch die Skepsis gegenüber den Befürwortern der Pipeline. Auch sie sind keine altruistischen Engel, sondern durchaus auf ihren jeweiligen Vorteil bedacht.

Angesichts der – auch ökonomischen – Auswirkungen des ungebremsten Klimawandels wären die deutsche Wirtschaft und die deutsche Politik gut beraten, endlich die Energiewende entschlossen in Angriff zu nehmen. Ausgerechnet in unserer Paradedisziplin, der Automobilindustrie, spüren wir gerade – und zwar bis zum letzten Fließbandarbeiter in der Provinz – was es bedeutet, das Megathema Umwelt- und Klimaschutz zu ignorieren.

Energieversorgung betrifft unsere gesamte Wirtschafts- und Lebensform. Der Bau von Nord Stream 2 behindert den Umstieg auf erneuerbare Energien und kommt uns alle teuer zu stehen. Deutschland täte gut daran, den Ausbau heimischer erneuerbarer Energien und Energieeffizienz zu beschleunigen – und zwar als gemeinsames europäisches Projekt inklusive der Ukraine. Das unsinnige Pipelineprojekt ist ein Klotz am Bein – für eine zukunftsgewandte Energiepolitik, für ein erfolgsversprechende Europapolitik und, ja, auch für ein freundschaftliches transatlantisches Verhältnis.