FinanzevolutionWarum Tech-Riesen kein Vorbild für den Finanzsektor sind

Bezahlen per Smartphone
In Japan startete der Bezahldienst ApplePay vor gut einem JahrGetty Images

Mitte September hat Apple in Cupertino das zehnte iPhone vorgestellt. Im Reigen der Neuvorstellung des kalifornischen Technologiekonzerns ging unter, wie das von Apple zuerst eingeführte Smartphone in den letzten Jahren unser Leben und auch den Umgang mit Finanzdienstleistungen verändert hat. Längst ist das Gerät, egal von welchem Hersteller, zum wichtigsten Kontaktpunkt für viel Kunden zur ihrer Bank geworden.

Heute hören Finanzdienstleister immer wieder, dass sie sich wahlweise vor Technologieunternehmen wie Google, Amazon, Facebook oder Apple (im „Volksmund“ GAFA genannt) fürchten oder sie als Vorbild nehmen sollten. Manche Fachautoren sehen gar eine eigene „GAFA-Ökonomie“, weil diese Konzerne Teile der Wirtschaft dominieren, stark spezialisiertes Wissen aufsaugen, viel Kapital einsammeln und vor allem den Zugang zum Kunden bestimmen. Fürchten sollen sich Banken nach Auffassung mancher Experten weil die GAFAs vielleicht sogar die besseren Banken werden könnten.

Kevin Knitterscheidt schrieb jüngst im Handelsblatt unter Berufung auf eine Studie des World Economic Forums (WEF), die Riesen aus dem Silicon Valley könnten nach dem Werbegeschäft und dem Einzelhandel nun auch die globale Finanzbranche überrollen und sich zu offenen Vertriebsplattformen auch für Finanzdienstleistungen entwickeln. Als Indiz dafür werten sie die bereits seit Jahren angebotenen Finanzdienstleistungen wie Facebook Payments, Google Wallet oder Apple Pay.

Ist ApplePay ein Misserfolg?

Aber schon 2012 fragten wir uns, „Kommt nun die iBank“? Hintergrund der Spekulation waren und sind viele mit Finanzdienstleistungen zusammenhängende Patente, die sich Apple sichern lässt. Die Vermutungen über den breiten Einstieg der GAFAs in das Finanzbusiness werden seit Jahren reanimiert ohne sich bisher materialisiert zu haben. Die Zahlungsdienste fristen bislang eher ein Nischendasein. Apple selbst schweigt zu den Transaktionszahlen seines mobilen Bezahldienstes und öffnet damit Raum für Spekulationen über einen möglichen Misserfolg.

Unternehmensberatungen befeuern die Überhöhung der GAFAs durch Studien. So wollen Analysten von Accenture laut der Fachwebseite Banking Exchange in einer aktuellen Untersuchungen herausgefunden haben, dass Verbraucher weltweit mehr Affinität für automatisierte Beratung (Robo-Advisory) und potenzielle Geschäfte mit der „Bank of GAFA“ hätten als mit Banken.

Ich habe in der Finanzszene noch nicht gehört, dass sich Banken vor den GAFAs fürchten. Aber sie haben viel Respekt vor ihnen und unterschätzen sicher nicht das Potenzial dieser Unternehmen. Und natürlich lässt sich die Finanzbranche inspirieren von den Produkten und Arbeitsmethoden der Fintechs und GAFAs, von denen Unternehmen viel über verbesserte Benutzererfahrung (in der Tech-Sprache User Experience genannt) und Kostensenkung bei gleichzeitiger Verbesserung von Leistungen lernen können.

Die oben zitierten Studien vom WEF und von Accenture sind übrigens wie viele weitere Analysen auf die GAFAs fixiert und übersehen das asiatische BAT-Trio, das aus den Technologie- und mittlerweile Finanzkonzernen Baidu (ursprünglich nur eine Suchmaschine), Alibaba beziehungsweise Ant Financial und Tencent Technologies besteht. Ant Financial und Tencent Technologie sind nicht nur sehr groß gewordene Tech-Unternehmen, sie haben in China längst Finanzökosysteme geschaffen, die Banken einen beachtlichen Teil des Geschäfts im Zahlungsverkehr, Kredit- und Anlagegeschäft entreißen konnten.

Nachahmen ist der falsche Weg

Nach Auffassung der WEF-Forscher sollen Banken entweder eigene Ökosysteme aufbauen oder die Entwicklung und Vermarktung ihrer Produkte so umstellen, dass sie auf den Plattformen von Facebook und Co. künftig möglichst viele Käufer finden. Ich rate zur Vorsicht bei solchen Entweder-oder-Hinweisen, denn mich überzeugt die im Trend liegende Fixierung auf die GAFAs nicht. Manche eloquent vorgetragenen „Erfolgsgeheimnisse“ (hier etwa sind es sieben Lektionen) und deren Vorbildcharakter erinnern mich an die Mutter aller Managementbücher. Die ehemaligen McKinsey-Berater Thomas J. Peters, Robert H. Waterman hatten in ihrem Bestseller „Auf der Suche nach Spitzenleistungen“ in den 80er-Jahren mit angeblich wissenschaftlicher Akribie ermittelt, was man von den damals bestgeführten US-Unternehmen lernen kann und leiteten daraus acht Prinzipien eines guten Managements ab.

Phil Rosenzweig, Professor an der Lausanner Business-School IMD, hat diese und andere „Erfolgs-Studien“ untersucht und im Buch „Der Halo-Effekt: Wie Manager sich täuschen lassen“ zusammengefasst. Er entlarvt die Ratschläge solche Autoren als unbewiesene Behauptungen. Tatsächlich hat der Erfolg der 43 von Peters und Waterman untersuchten Unternehmen nicht lange angehalten. Mit Aktien dieser Unternehmen konnte man keine überproportionale Rendite erzielen. Peters hat übrigens mittlerweile selbst eingeräumt, dass die Unternehmen damals so ausgewählt wurden, dass das bereits vor der Untersuchung feststehende Ergebnis auf die Unternehmen passte (siehe dazu Tom Peters’s True Confessions auf Fastcompany.com).

Trotz der Entlarvung vieler Managementmoden als moderne Mythen wissen heutige Fachleute wieder ganz genau, warum die GAFAs erfolgreich sein mussten und leiten daraus Handlungsempfehlungen ab. Klar, wir sehen mit Amazon, Google, Apple oder Facebook die derzeit Führenden eines evolutionären Spiels (nicht die Sieger, denn die gibt es in der Evolution nicht). Wer sie aber zum Vorbild erklärt, übersieht, dass mit diesen vier Spitzenreitern hunderte, wenn nicht tausende Unternehmen mit ähnlichen Konzepten gestartet und gescheitert sind (oder wer erinnert sich noch an AOL, MySpace oder Yahoo?). Weil von ihnen niemand spricht, vergisst man leicht, dass Unternehmenserfolg sich nicht aus einer Formel ableiten lässt und für den Erfolg erhebliche Risiken eingegangen wurden.

Ich plädiere mit dem Fintech-Fachmann Kilian Thalhammer dafür, die Plattformen nüchtern zu betrachten und nicht zu glorifizieren. Erfolg lässt sich zwar im Nachhinein plausibel erklären, vorhersagen lässt er sich nicht. Unternehmen zu raten, sich so aufzustellen wie Google oder Apple ist unverantwortlich und gefährlich. Das Scheitern vieler von Phil Rosenzweig beschriebener Managementkonzepte rät hier eher zur Zurückhaltung. Das heißt nicht, dass sich der Finanzsektor nicht inspirieren oder gar Aktivitäten der GAFAs ignorieren sollte. Apple, die anderen GAFAs, die BATs und viele andere Unternehmen verändern mit ihren technologischen Evolution das Banking (einen schönen Einblick zum Nachhören gibt da auch der FinTech Podcast #118 von Payment and Banking). Inspiration ja, ernst nehmen in jedem Fall, zusammenarbeiten vielleicht, nachmachen nie.


Dirk ElsnerDirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.