PapiermarktWarum Papier derzeit immer teurer wird

Papierstapel: Der Preis ist zuletzt stark gestiegenIMAGO / Westend61

Ersetzt der E-Book-Gutschein dieses Jahr das weihnachtliche Buchgeschenk? Das E-Paper das Hochglanzmagazin? Werden Werbewurfsendungen nun vollends elektronisch verdrängt? Buchhandel und Drucker, Händler und Hersteller von Papier, sie alle schlagen Alarm: Es herrscht Papiermangel – wenn auch noch kein dramatischer. Die Preise sind jedoch schon zum Teil astronomisch gestiegen. Wer einen berechenbaren Markt bei Kosten, Lieferzeiten und Flexibilität gewohnt war, muss sich umstellen.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Lieferketten für die Rohstoffe mögen international nicht so weit verzweigt sein, wie die von Autoteilen. Aber auch sie wurden durch die Corona-Pandemie und unterschiedlich schnell wieder anspringende Volkswirtschaften durcheinandergewirbelt. Papierfirmen hatten zum Teil auf Kartons umgestellt und kommen nun mit der Produktion nicht nach. Rückläufige Sammelquoten von Altpapier aus Handel und Gewerbe bringen Druckereien durch fehlende Mengen und Preisdruck in die Bredouille. Liefertermine sind nicht zu halten.

Im Buchhandel sollten deswegen allerdings nicht weniger Titel in die Regale kommen. Doch womöglich lässt sich der eine oder andere Bestseller nicht so kurzfristig nachdrucken wie gewohnt. Auch bei Normalpapier sorgen Engpässe für Lieferzeiten bis zu vier Monaten. Das Nachdruckmanagement werde riskanter mit Wartezeiten bis sieben Monate, heißt es vom Börsenverein des deutschen Buchhandels, Termindrucke seien fast unmöglich. Verlagsgruppen, die mit standardisierten Produkten und langfristigen Rahmenverträgen arbeiten, trifft der Mangel an Nachschub weniger als bei Aufträgen für kurzfristige Sonderformate.

So klagen Einkäufer der Verlage vor allem über das Ringen um Liefermengen und über Preise von Papier und Pappen, die für Buchdeckel und Broschuren-Umschläge gebraucht werden. Aber auch der Anteil der grafischen Papiere, aus denen Bücher, Magazine und Zeitungen entstehen, ist seit Jahren schon rückläufig. Die stärkere Verwendung für Verpackungspapiere und Pappen hat der Aufschwung im Online-Handel in der Corona-Krise noch verstärkt – wie übrigens auch der Bedarf der Pharmaindustrie an Verpackungsmaterial.

Papierfabrik Europas

Für den Buchdruck produziert die heimische Papierindustrie nur in geringem Umfang. Doch ansonsten ist Deutschland die Papierfabrik Europas. Auch der große Teil des benötigten Rohstoffs kommt aus Europa. Trotz der gestiegenen Recyclingquote ist Deutschland bei Altpapier Nettoimporteur und kauft vor allem in Benelux und Frankreich zu. Lieferengpässe bestätigt der Herstellerverband vor allem bei Altware für grafisches Papier. Altpapier kostet derzeit etwa 200 Euro pro Tonne und so viel wie nie; es hat sich seit Jahresbeginn um 75 Prozent verteuert. Im Corona-Jahr 2020 fiel weit weniger Altpapier an – und es wurde auch weit weniger grafisches Papier produziert.

Die grafischen Papiere sind nach den Verpackungsmaterialien – auch umfangreich für die Logistik der Exportnation Deutschland – das mengenmäßig wichtigste Papiersegment. Darunter fallen neben Zeitungen und Zeitschriften auch Schreib- oder Kopierpapiere. Übrigens spart, wer beim Kauf von 500 Blatt zu Recyclingqualität greift, 5,5 kg Holz, so das Umweltbundesamt.

 

Weil nach dem Lockdown in Printmedien wieder mehr geworben wird, brauchen Tageszeitungen, Anzeigenblätter, Prospekte mehr Papier. Dabei sind die Kapazitäten der Hersteller – seit 15 Jahren in stetigem Sinkflug – wenig flexibel. Zahlreiche Produzenten haben in ganz Europa den Betrieb eingestellt oder auf Rohmaterial für Wellpappe umgestellt – dem Verkaufsschlager im boomenden Online-Geschäft. Seit 2016 sind im Strukturwandel Kapazitäten von 8,2 Millionen Tonnen abgebaut worden. Allein der schwedische Papierriese Stora Enso nahm in Finnland 2020 über eine Million Tonnen holzfreies Papier vom Markt und will weitere Fabriken auf Verpackungskartons umstellen.

China saugt den Markt für Zellstoff leer

Bei Corona-bedingten Produktionsrückgängen von rund 60 Prozent fiel das 2020 nicht so auf, erläutert der Großhändler Ralph Kirchbeck von der IGEPA-Group. Heute dagegen schon. In der Wertschöpfungskette hake und stocke es überall. So auch bei Zellstoff, für den je nach Beschaffenheit Skandinavien und Lateinamerika (vor allem Brasilien und Uruguay) Weltmarktführer sind.

Hundert Tonnen Papier bestanden hierzulande im Jahr 2020 zu 79 Prozent aus Altpapier, der Rest ist Zellstoff oder Holz. Hier decke China gerade seinen gestiegenen Eigenbedarf und sauge den Weltmarkt ab, sagt der Sprecher des Verbands Papierindustrie. Es zahle eben höhere Preise. Zudem bevorzuge der größte Wachstumsmarkt Frischfasern gegenüber Altpapier.

Während die Hersteller die Engpässe bei Druckpapier für ein „vorübergehendes Problem“ halten, ist die Druckindustrie aufgebracht. In zahlreichen Druck- und Medienbetrieben sorgten die Engpässe auf den Papiermärkten für „alarmierende Produktionsbedingungen“, beklagt ihr Verband BVDM. Dies seien zum einen Ungewissheiten über Liefermengen und -termine, erläutert Sprecherin Bettina Knape. Verlage könnten Umfänge nicht so drucken, wie sie es gerne hätten. Zum anderen blieben viele Druckereien auf den explodierenden Altpapierpreisen sitzen.

Besonders schwierig seien zeitkritische Druckaufträge, wie die wöchentlichen Werbeprospekte von Discountern, betont Knape. Wenn sie nicht rechtzeitig in den Briefkästen landeten, könne das dem Einzelhandel bis zu 30 Prozent Einbußen bescheren. Schlimmstenfalls werde das in Form von Strafen an die zuliefernden Druckbetriebe weitergegeben.

Eine schnelle Entspannung erwartet keiner auf dem Markt, wohl aber bereiten der Papierbranche vor dem Hintergrund einer wachsenden Nachfrage weiter steigende Preise für Energie und Rohstoffen sowie Versorgungsengpässe bei Roh- und Hilfsstoffen Sorgen. Die Rohstoffknappheit werde zudem durch die weltweiten Probleme im Seeverkehr und der damit verbundenen Knappheit von Containern samt massiv steigenden Frachtraten befeuert. Für Druckereien und Verlage heißt das, ihre Einkaufs- und Produktionskosten werden weiter steigen. Das werden sie zwangsläufig auf die Kunden abwälzen müssen.

 


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