KolumneWarum noch keine Wirtschaftskrise droht

Symbolbild Konjunktur
Symbolbild Konjunktur dpa

Die Aktienmärkte sind in diesem Jahr ordentlich durchgeschüttelt worden. Zunächst sorgten Inflationssorgen für steigende Zinsen und eine Diskussion um den weiteren Weg der Geldpolitik der amerikanischen Notenbank. Dann sorgte US-Präsident Donald Trump mit der Einführung von Strafzöllen auf Stahl und Aluminium sowie der Ankündigung von Einfuhrbeschränkungen für chinesische Waren für Aufregung. Und schließlich gab es in den vergangenen Wochen eine Reihe enttäuschender Konjunkturdaten, die den Börsianern die Stimmung verdarben. Dank der im Handelsstreit versöhnlich klingenden Töne aus Peking und der bislang sehr guten Ergebnisse der US-Berichtssaison haben sich die Kurse zuletzt zwar wieder etwas erholen können, die weitere Entwicklung wird aber vor allem vom Konjunkturszenario bestimmt werden.

Nach dem überraschend kräftigem Wachstum der Weltwirtschaft im vergangenen Jahr haben sich die Perspektiven für 2018 zuletzt etwas eingetrübt. So verzeichneten fast alle wichtigen konjunkturellen Frühindikatoren Rückgänge. Vor allem in der Eurozone haben die meisten Wirtschaftsdaten enttäuscht. Dies gilt vor allem für die Frühindikatoren, aber auch die realwirtschaftlichen Daten hielten nicht den Erwartungen stand.

Besonders deutlich wird dies an dem von der Citigroup täglich ermittelten Economic Surprise Index, der die Entwicklung der veröffentlichten Daten im Vergleich zu den Erwartungen misst. Fast zeitgleich mit dem beginnenden Rücksetzer am Aktienmarkt ging dieser Index Ende Januar in den Sinkflug über. Ebenso wie die schwachen realwirtschaftlichen Daten hat der Rückgang von Frühindikatoren, wie den Einkaufsmanagerindizes oder dem Ifo-Geschäftsklimaindex, Zweifel der Investoren an der wirtschaftlichen Dynamik geweckt. Insbesondere in Deutschland haben fast alle wichtigen Konjunkturdaten seit Jahresbeginn den Rückwärtsgang eingelegt, sei es die Industrieproduktion, die Einzelhandelsumsätze oder die Ausfuhren.

 

Handelskonflikt schürt Unsicherheit

Es fällt schwer, eine plausible Antwort auf die Frage zu finden, worauf diese plötzlich auftretende Schwäche beruht. Abrupte Veränderungen im Konjunkturzyklus wurden in der Vergangenheit in erster Linie durch exogene Schocks (etwa bei starken Veränderungen der Rohstoffpreise) oder durch eine restriktivere Geld- beziehungsweise Fiskalpolitik ausgelöst. Doch diese Faktoren können dieses Mal nicht zur Erklärung der derzeitigen Entwicklung beitragen, da es hier in den vergangenen Monaten nur wenig Bewegung gegeben hat.

Angesichts der Drohungen Washingtons mit einem Handelskrieg sind die negativen Reaktionen der Frühindikatoren aber auch wenig überraschend. Auch wenn man davon ausgeht, dass es sich dabei um eine Verhandlungstaktik Trumps handelt, der seine Partner beziehungsweise Gegner mit viel Druck an den Verhandlungstisch zwingen will, schürt diese Vorgehensweise doch die Unsicherheit. Unsicherheit wirkt sich fast immer negativ auf die Erwartungen aus. Insofern müssen sowohl die Frühindikatoren, in denen die Erwartungen der Unternehmen abgefragt werden, als auch die Aktienkurse, die ebenfalls auf der künftigen Entwicklung von Unternehmensgewinnen, Cashflows oder Dividenden beruhen, negativ reagieren.

Wesentlich schwieriger ist es jedoch, vernünftige Gründe für den in den letzten drei Monaten zu beobachtenden Abriss der realwirtschaftlichen Daten zu finden. So sind die Einzelhandelsumsätze sowohl in den USA als auch in Deutschland seit Dezember 2017 drei Monate in Folge gesunken und das, obwohl beide Volkswirtschaften einen Beschäftigungsboom mit höheren Löhnen und Gehältern verzeichnen. Auch die deutschen Exporte sind zuletzt drei Monate in Folge nicht gewachsen, und die Industrieproduktion verzeichnete im Februar den stärksten Rückgang seit Sommer 2015.

Kurzfristige Dämpfer

Da die Aufträge in den vergangenen Monaten aber stark zugenommen haben und diese noch nicht alle abgearbeitet sind (dies zeigt sich am sogenannten Book-to-Bill-Verhältnis, also der Relation von Aufträgen und Produktion), dürfte die Industrieproduktion schon bald wieder anziehen. In diesem Fall ist auch eine Erholung der Exporte wahrscheinlich. So gibt es einen sehr engen Gleichlauf zwischen den Aufträgen aus dem Ausland und den Ausfuhren. Während die Aufträge im Februar um mehr als zehn Prozent über dem Vorjahreswert lagen, stiegen die Ausfuhren nur um gut zwei Prozent. In der Vergangenheit wurde eine derart große Lücke schnell wieder geschlossen, sodass im März oder spätestens im April mit einer positiven Gegenbewegung bei den deutschen Exporten zu rechnen ist.

Zwar ist es für einen Ökonomen unbefriedigend, wenn er sich als Meteorologe betätigen muss, doch wird sich das Winterwetter tatsächlich auf viele Wirtschaftsbereiche negativ ausgewirkt haben. Baumärkte und Modegeschäfte dürften in den vergangenen Monaten weniger Umsatz gemacht haben als sonst zu dieser Jahreszeit üblich. Zudem infizierten sich in Deutschland in diesem Winter deutlich mehr Menschen mit einem Grippevirus als in den Vorjahren, wodurch der Krankenstand zeitweise ungewöhnlich hoch war. Und nicht zuletzt behinderten eine Reihe von Streiks die wirtschaftliche Aktivität in einzelnen Branchen und das öffentliche Leben stark. Kurzfristig können volkswirtschaftliche Daten durch solche Sondereffekte stark beeinflusst werden (insbesondere dann, wenn sie zeitlich parallel auftreten), von Dauer ist ihr Einfluss aber nicht.

Größere Sorgen um die wirtschaftliche Lage Deutschlands und der Eurozone müsste man sich dann machen, wenn es in den beiden größten Volkswirtschaften der Welt, in den USA und China, zu einer größeren konjunkturelle Schwächephase käme. Zwar haben sich auch in diesen beiden Ländern einige Frühindikatoren in der letzten Zeit abgeschwächt, im Vergleich zur Eurozone fiel dieser Rückgang aber wesentlich moderater aus. Zudem kann wohl auch diese Entwicklung vornehmlich auf die mögliche Gefahr eines Handelskrieges zurückgeführt werden.

Eine Krise ist noch nicht in Sicht

China hat in dieser Woche bereits die Zahlen zum Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 2018 veröffentlicht. Mit einem Wachstum von 6,8 Prozent blieb die konjunkturelle Dynamik unverändert hoch. Da das Abbremsen des Immobilienmarktes weit gediehen ist und es schon erste Anzeichen für eine erneute Beschleunigung gibt, dürfte die konjunkturelle Dynamik in China auch in den kommenden Quartalen hoch bleiben.

Und auch in den USA spricht fast alles für eine Beschleunigung und gegen eine Abschwächung des Wirtschaftswachstums. Angesichts der Steuerreform sowie einer noch expansiveren Fiskalpolitik wäre alles andere überraschend. Insofern bleibt festzuhalten, dass ungeachtet der gegenwärtigen Schwächetendenzen auch in der Eurozone in der nächsten Zeit wieder mit besseren Wirtschaftsdaten zu rechnen ist. Eine neue Wirtschaftskrise zeichnet sich noch nicht ab.

Und was ist mit dem schwachen Economic Surprise Index für die Eurozone? Zum einen weist der Index eine Tendenz zur Rückkehr zum Mittelwert auf, sodass der Tiefpunkt so gut wie erreicht sein dürfte. Zum anderen hat dieser kaum Relevanz für das Wirtschaftswachstum. In den USA tauchte der Index beispielsweise im Laufe des zweiten Quartals 2017 kräftig ab, das BIP-Wachstum nahm hingegen kräftig zu.