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Geldanlage Warum nachhaltige Geldanlage so kompliziert ist

Nachhaltige Fonds investieren oft in Öl, Kohle und Luftfahrt. Die Branchen sollen so nachhaltiger werden
Nachhaltige Fonds investieren oft in Öl, Kohle und Luftfahrt. Die Branchen sollen so nachhaltiger werden
© IMAGO / Zoonar
Jeder zweite grüne Fond investiert in Kohle, Öl oder Luftfahrt. Das klingt nicht besonders nachhaltig. Wie man eine wirklich nachhaltige Anlage findet, erklärt Anke Behn, Expertin für nachhaltige Geldanlagen bei der Verbraucherzentrale Bremen im Interview

Frau Behn, jeder zweite sogenannte nachhaltige Fonds investiert laut einer Auswertung mehrerer Medien in Öl, Kohle und Luftfahrt. Deckt sich diese ernüchternde Bilanz mit Ihren Erfahrungen?

ANKE BEHN: Das Problem ist, dass Nachhaltigkeit nicht einheitlich definiert ist, der Begriff ist nicht geschützt. Jeder Anbieter nachhaltiger Fonds kann mit unterschiedlichen Anforderungen arbeiten und so neben Umweltschutz etwa soziale Kriterien oder gute Unternehmensführung anwenden. Da es noch keine Mindeststandards gibt, dürfen auch Produkte als nachhaltig bezeichnet werden, die nur geringe Anforderungen erfüllen. Mehr Klarheit könnte die Taxonomie der EU bringen. Dies ist ein Klassifizierungssystem, durch das erkennbar sein soll, ob eine Wirtschaftsaktivität als ökologisch nachhaltig einzustufen ist oder nicht.

Wie wählen Anbieter nachhaltiger Fonds aus, welche Unternehmen sie in ihr Portfolio nehmen?

Einer von mehreren Ansätzen ist „Best-in-Class“, das heißt, alle Branchen kommen infrage, allerdings nur die jeweils besten Firmen. Daher landen beispielsweise auch Unternehmen der Ölbranche in solchen Fonds. Die Befürworter argumentieren, dass so auch Branchen mit Nachholbedarf ermutigt werden, sich zu verbessern; Kritiker beanstanden bestimmte Firmen in solchen Portfolios. Für die Entscheidung, wer zu den „Besten“ gehört, nutzen Anbieter die Bewertung von speziellen Rating-Agenturen. Diese kommen jedoch oft zu abweichenden Ergebnissen, denn sie ziehen unterschiedliche Kriterien und Gewichtungen heran. Außerdem fehlen viele Unternehmensdaten schlichtweg. Daher will die EU einen größeren Kreis von Firmen verpflichten, mehr Daten zu Nachhaltigkeitsanforderungen zu veröffentlichen.

Wie können Anleger Angebote oder ihre schon abgeschlossenen Geldanlagen auf den Prüfstand stellen?

Anke Behn, Teamleiterin Finanzdienstleistung, berät zu nachhaltigen Geldanlagen.
Anke Behn, Teamleiterin Finanzdienstleistung, berät zu nachhaltigen Geldanlagen.
© Verbraucherzentrale Bremen

Das ist sehr schwer. Der Blick ins Portfolio eines Aktienfonds kann sinnvoll sein, hilft vielen aber nicht weiter, da sie einige Unternehmen sicherlich nicht kennen. Manche Firmen werden auch nicht richtig eingeschätzt. Helfen kann ein Blick in die Datenbank faire-fonds.info, die zahlreiche Fonds unter die Lupe nimmt. Anleger können dort einsehen, in welche kontroversen Unternehmen ein Fonds investiert und warum diese so eingestuft werden. Außerdem empfehle ich, den Berater zu fragen, welche Firmen oder Branchen in dem Fonds enthalten sind.

Kann ich mich vor Green- und Impact-Washing schützen, also dem Vorgaukeln ökologischer Kriterien oder einer positiven Wirkung?

Man sollte sich vor Abschluss eines Vertrags gut informieren und kritisch nachfragen. Also genau hinschauen, ob die schönen Werbebilder halten, was sie versprechen. Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hat dazu bereits einiges aufgedeckt. Ob die versprochene Wirkung wirklich erzielt werden kann, ist schwer zu erkennen, und Produkte haben unterschiedliche Wirkungsweisen. Wenn ich beispielsweise in Fonds oder Aktien investiere, passiert in der Regel erst einmal nichts, denn mein Geld erhält ja meist der Verkäufer der Aktie und nicht das Unternehmen. Wenn man dagegen direkt in eine Windkraftanlage investiert, ist dort vermutlich eine direkte Wirkung vorhanden. Das ist jedoch für Anleger, die kein hohes Risiko eingehen wollen, nicht die richtige Wahl.

Dadurch, dass immer mehr Menschen nachhaltige Produkte wünschen, steigt immerhin das öffentliche Interesse und damit der Druck auf die Unternehmen. Die Branchen werden vorsichtiger. Es wird näher hingeschaut und deshalb ist zu hoffen, dass das in der Realwirtschaft ankommt, also Firmen tatsächlich nachhaltiger agieren und zum Beispiel ihre Produktion anpassen. 

Wo können Verbraucher ihr Geld tatsächlich nachhaltig anlegen?

Darauf gibt es heute keine eindeutige Antwort. Denn - wie gesagt - es fehlt die Definition, die gesetzlichen Regelungen auf EU-Ebene entstehen gerade, es gibt daher noch unterschiedliche Auffassungen von Nachhaltigkeit. Veröffentlichte Unternehmensdaten sind unvollständig und oft ist die Frage ungeklärt, ob und wie das eingesetzte Geld tatsächlich wirkt. Interessierte sollten ihre Erwartungen klären und sich dann dementsprechend gut informieren. 

Wo können sich Interessierte informieren?

Neben den Informationen der Anbieter findet man im Internet zahlreiche Quellen, die unabhängiger darauf schauen. Allerdings haben auch diese in der Bewertung der Nachhaltigkeit der einzelnen Produkte Grenzen und Schwächen. Auch die Interessen der Herausgeber sind zu beachten. Manche schauen eher kritisch, manche eher positiver auf das Thema. Trotzdem kann ein Mix dieser Quellen für Verbraucher hilfreich sein, um entweder eigenständig nach passenden Produkten zu suchen oder Aussagen von Anbietern zu Produkten zu überprüfen. Zu nennen wäre hier zum beispielsweise das Portal MeinFairMögen; der „Fair Finance Guide“, der Banken unter die Lupe nimmt; die Nachhaltigkeitsprofile für Investmentfonds des Forums für Nachhaltige Geldanlage, die Datenbank Faire Fonds oder die regelmäßigen Untersuchungen von Finanztest  zu Investmentfonds.

Welche Rendite kann ich mir von nachhaltigen Anlagen erhoffen?

Ältere Studien besagen, dass es keinen Unterschied zu Angeboten, die keine Nachhaltigkeitskriterien beachten, gibt. Kosten, Risiko und Rendite hängen vom Produkt ab. Je höher die Rendite, desto höher ist in der Regel das Risiko. Grob gesagt steigt das Risiko von Sparanlagen über Renten- und Aktienfonds bis zu Aktien. Bei Anlagen in Investmentfonds oder Aktien ist ein langer Anlagehorizont empfehlenswert. Auch bei breit gestreuten Fonds ist das Risiko im Schnitt geringer, weil das Schwankungsrisiko sinkt. Wenn ich in nur eine Branche oder Region investiere, steigt das Risiko. Noch risikoreicher sind Direktinvestitionen wie geschlossene Fonds, Genussrechte oder Nachrangdarlehen.

Welche nachhaltigen Anlageformen gibt es neben Fonds?

Das kann auch ein klassisches Sparprodukt bei einer Bank sein, deren gesamtes Geschäftsmodell nachhaltiger ausgerichtet ist. Bei den Fonds gibt es eine riesige Palette. ETFs zum Beispiel sind kostengünstiger, weil sie computerbasiert einem Index folgen. Andererseits sind sie wahrscheinlich nicht die allernachhaltigsten Fonds. Daneben werden verschiedenste Anlageformen angeboten, wie geschlossene Fonds, Genossenschaftsbeteiligungen oder Genussscheine. Diese Produkte des Grauen Kapitalmarkts haben ganz unterschiedliche Vertragskonstellationen, die man sich genau anschauen sollte; denn teils ist ein Totalverlust möglich. Oft sind hohe Einstiegssummen zu zahlen und die Laufzeiten lang, teilweise muss Geld nachgeschossen werden. Bei kleinen Projekten ist das Risiko natürlich größer als bei einem Investmentfonds mit zahlreichen Unternehmen - wenn eines strauchelt, macht das nicht so viel aus. Wer also zum Beispiel 30.000 Euro anlegen möchte, sollte besser nicht 10.000 in ein Projekt des „Grauen Kapitalmarkts“ stecken, das wäre nicht gut verteilt.

Sollte ich mein Depot einem Profi anvertrauen?

Wer sich selbst darum kümmert, kann Kosten sparen. Für wen das nichts ist, der sollte mehrere Gespräche führen, also nicht nur mit einem Anbieter. Dadurch lernt man dazu, kann Punkte hinterfragen und vor allem vergleichen. Inzwischen bieten alle Banken nachhaltige Anlagen an. Wir haben Banken, die umfangreichere Kriterien anwenden, im Jahr 2020 untersucht. 

Wie gehen Anleger am besten bei der Auswahl vor?

Eine Grundregel ist, sein Geld gut zu verteilen, um die Schwankungsrisiken zu senken. Als erstes sollte ich meine Ziele und meinen Bedarf klären: Wie lange kann mein Geld angelegt sein, und wie groß ist mein Sicherheitsbedürfnis? Dann kann ich meine Erwartungen an die Nachhaltigkeit abstecken: Reicht mir der Ausschluss bestimmter Branchen oder Verhaltensweisen, oder will ich mehr? Bevor ich schließlich mehrere Beratungsgespräche führe oder selbst eine Auswahl treffe, sollte ich mich eingehend informieren. Helfen kann dabei zum Beispiel das Portal geld-bewegt.de der Verbraucherzentrale Bremen. 

Wo kann ich mein Geld anlegen, wenn mir soziale Gerechtigkeit besonders wichtig ist?

Es gibt spezielle Produkte, die einen Fokus darauf haben. Auch hier fehlt es aber an einer Definition. Mikrofinanzfonds zum Beispiel vergeben Mikrokredite in Dritte-Welt-Länder. Solche Fonds sind allerdings auch nicht für jeden Anleger das Richtige. Das muss man sich genau anschauen.

Wie beliebt sind nachhaltige Anlageformen inzwischen?

Lange sprach man bei nachhaltigen Geldanlagen von einer Nische, das ist jetzt nicht mehr so. Die Absatzzahlen und Anzahl solcher Produkte sind in den letzten Jahren rasant gestiegen. Und laut einer von uns durchgeführten Umfrage interessieren sich auch mehr Menschen, die so noch nicht anlegen, dafür. Allerdings ist das Empfinden von Nachhaltigkeit auch ein Prozess: Bei unserer Umfrage in 2013 war zum Beispiel die Ablehnung von Atomkraft größer als jetzt, aber von fossilen Energien noch nicht so. Damals hatte Fukushima die Menschen erschreckt, und heute ist vielen klar, dass Deutschland aus der Atomenergie aussteigt. Dafür wird inzwischen viel mehr über den Klimawandel und CO2-Einsparung geredet.

Dieser Artikel ist zuerst auf ntv.de erschienen 

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