KonjunkturWarum Konjunkturprognosen so ungenau sind

Das Coronavirus erschwert Konjunkturprognosen zusätzlichGetty Images

In einer Krise, die immer neue Überraschungen parat hält, sehnen sich die Menschen nach einem Blick in die Zukunft. Die Konjunkturforscher der großen Wirtschaftsforschungsinstitute bemühen sich, dieser Sehnsucht nachzukommen: Alle paar Monate veröffentlichen sie eine neue Prognose zur Konjunkturentwicklung.  Zuletzt schätzten sie in ihrer gemeinsamen Herbstdiagnose, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dieses Jahr um 2,4 Prozent und im Jahr 2022 um 4,8 Prozent zulegen wird – ein ordentlicher Schub aus der Krise, so scheint es heute.

Doch wer in die letzte gemeinsame Prognose aus dem April schaut, könnte enttäuscht sein. Damals schätzten die Ökonomen, dass das BIP dieses Jahr um 3,7 und im kommenden Jahr um 3,9 Prozent wachsen soll. Aus heutiger Sicht haben sie sich damals also für 2021 um 1,3 Prozentpunkte und für das kommende Jahr um 0,9 Prozentpunkte verschätzt. Solche Fehldiagnosen sind keine Seltenheit. Der britische Economist errechnete für die Jahre 2000 bis 2017, dass die wichtigsten Konjunkturprognosen in Jahren des Aufschwungs 0,6 Prozentpunkte daneben lagen, in Rezessionsjahren sogar 1,8 Prozentpunkte.

Doch wie kommt es dazu und wozu sind Prognosen dann überhaupt gut?

Dazu muss man sich anschauen, wie Konjunkturforscher arbeiten. Ungeachtet der Wirtschaftslage benutzen Ökonomen Indikatoren, an denen sich die Wertschöpfung der Zukunft schon heute gut ablesen lassen sollte. Eine wichtige Rolle spielt etwa der ifo-Geschäftsklimaindex. Für diesen fragt das ifo-Institut tausende Unternehmen nach ihren Plänen und Erwartungen für die kommenden drei beziehungsweise sechs Monaten zur Produktion, Nachfrage und Auftragslage. Steigt der Indikator, erwarten sie eine bessere Geschäftslage. Sinkt er, erwarten sie eine schlechtere. Die Konjunkturforscher nutzen auch Befragungsdaten zur Beschaffung von Rohstoffen und Vorprodukten. Kaufen die Einkäufer befragter Unternehmen weniger Material, ist das etwa ein Hinweis, dass die wirtschaftliche Aktivität bald abnimmt.

Die Corona-Krise erschwert Prognosen

Dutzende solcher Indizes und anderer Indikatoren bilden die Grundlage einer jeden Konjunkturprognose. Denn sie standen in der Vergangenheit in engem Zusammenhang mit der tatsächlichen Entwicklung des BIPs: Sanken die Werte der Indizes, sank mit einer gewissen Verzögerung meist auch das BIP in den folgenden Monaten; stiegen sie, stieg meist auch das BIP mit einer gewissen Verzögerung. Aus diesen Zusammenhängen bilden die Konjunkturforscher ihre Prognosen.

In Krisenzeiten sinkt die Vorhersagekraft, die sich aus diesen Indikatoren ziehen lässt. Zu viele Faktoren können sich kurzfristig ändern, zu viele Unternehmer ihre Meinung ändern. Geschäftsschließungen oder wie zuletzt Lieferengpässe machen den Unternehmen schnell einen Strich durch die Rechnung. Sie müssen ihre Pläne ändern. Das ist zwar teilweise auch erwartbar, jedoch ungleich schwerer und unvorhersehbarer als langfristige Trends fortzuschreiben.

Anstatt sich auf die Aussage der Modelle zu verlassen, müssen die Konjunkturforscher in Krisenzeiten also neue Indikatoren finden, mit deren Interpretation sie weniger Erfahrung haben. Die Folge: Prognosen sind unsicherer, ihre Aussagen weichen stärker voneinander ab.

Manchmal sind Fehlprognosen besser als richtige

Im April etwa ging der größte Wachstumsimpuls davon aus, dass die Geschäfte wieder offen waren und die Industrie erfolgreich produzieren konnte. Mit einer rasch steigenden Impfquote und sinkenden Corona-Infektionen konnten die Konjunkturforscher von einer schnellen Erholung der Wirtschaft ausgehen, zumal es vor allem in der Industrie gut lief; die Auftragseingänge stiegen, es wurde kräftig produziert. Doch jetzt sind zwar die Geschäfte offen, die Auftragsbücher voll, doch die Unternehmen können die Aufträge aufgrund der starken Lieferengpässe gar nicht erfüllen. Das hatte im April so niemand vorhergesehen. Somit gehen die Konjunkturforscher nun davon aus, dass das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr niedriger und dafür im kommenden Jahr höher ausfällt als im Frühjahr erwartet.

Manchmal treten Prognosen auch nicht ein, weil sie selbst einen gewissen Einfluss auf die Wirtschaftsentwicklung haben. Als viele Konjunkturforscher Anfang 2020 einen starken Einbruch des BIPs prognostizierten und von höherer Arbeitslosigkeit ausgingen, war der Bundesregierung das Szenario bewusst, zu dem es ohne Staatseingriffe kommen könnte. Der Staat unterstützte Unternehmen mit Hilfspaketen und Kurzarbeitergeld. Nur wenige Unternehmen gingen pleite, relativ wenige Arbeitnehmer verloren ihre Jobs. Der Einbruch der Wirtschaftsleistung fiel also wesentlich geringer aus, als Ökonomen es ohne die Eingriffe erwartet hatten. Im Nachgang mussten auch die Konjunkturforscher ihre BIP-Prognosen ändern.

Prognosen müssen also gar nicht genau sein. Sie können aber zeigen, wie sich die Wirtschaft entwickeln würde, wenn alles beim Status Quo bliebe und Szenarien aufzeigen, wie es anders kommen könnte. Darin liegt ihr wahrer Wert. Nach der aktuellen Prognose sind die Konjunkturforscher einig: Wenn die Lieferschwierigkeiten sich ab Anfang des kommenden Jahres legen, dann wird das auch den Unternehmen im Land helfen. Das ist doch eine gute Prognose.

 


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