EssayWarum die Welt nicht schlechter wird

Seite: 3 von 3

Eine Sache der Wahrnehmung

Wenn die Welt also heute aus den Fugen ist, sollten wir fragen, in welchem Zustand sie war, als in Europa die Bürgerkriege auf dem Balkan wüteten. Oder in Ruanda die Horden der Hutu so viele Tutsi abschlachteten, dass man den Völkermord oft aus den Statistiken ausklammert und extra aufführt, weil diese sonst verzerrt werden.

Es sind nicht immer die Zahlen, die sich verändern, sondern unsere verdichtete Wahrnehmung: Die Heckenschützen in Srebrenica waren trotz allem weit weg, man sah, wenn überhaupt, kurze Ausschnitte des Grauens in der „Tagesschau“. Heute filmt jeder Terrorist, der einen Arzt oder Journalisten als Ungläubigen enthauptet, seinen bestialischen Akt und stellt ihn ins Internet.

Die Bilder sind so zahlreich, so überwältigend, so unmittelbar und vor allem: verfügbar. Der Akt ist archaisch und hochmodern zugleich, Kopf ab und Daumen hoch auf Facebook. Eine widerliche Intensität.

Capital 01/2016
Der Text stammt aus der aktuellen Capital

Die Propaganda der Terroristen wird dann zur Contentschlacht. Auch unserer Gesellschaft gelingt es, und das ist trotz Medienkrise fast ein Wunder, Weltereignisse wie Charlie Hebdo innerhalb von 48 Stunden komplett zu durchleuchten, zu rekonstruieren und durchzudeklinieren. Alles wird so schnell gedeutet und bis in den letzten Winkel erklärt, dass unser Gehirn die Ereignisse vielleicht noch verarbeiten kann. Aber nicht der Rest, ob man das nun Herz oder Seele nennt.

Also bleibt die Angst, dieses diffuse Gefühl der Bedrohung.

Der Berliner Politikwissenschaftler Eberhard Sandschneider, der unserer Welt einen „Overkill an Krisen“ diagnostiziert, spricht von einem „Wissensparadox“: Wir wissen mehr, aber verstehen weniger. Man könnte auch sagen: Wir wissen alles ganz schnell, jedes Detail im Liveticker-Modus, können aber die Komplexität nicht erfassen.

Deshalb bieten Ideologien oder Religionen auch vermeintlich einfache Lösungen für die Komplexität. Und wir versuchen mit einfachen Mustern und Übertreibung zu deuten: Erst wankten Banken, dann die Staaten, nun die ganze Welt. Die Welt ist aus den Fugen. Weltkrieg III.

Was aber können wir tun, damit die Welt um uns herum nicht permanent versinkt?

Zunächst: die Probleme wieder in ihre Analyseabschnitte zerlegen. Die Ukraine-Krise etwa war von Anbeginn eine klassische außenpolitische Krise; schwierig, aber mit Diplomatie lösbar. Die Flüchtlingskrise ist eine immense Herausforderung, aber nicht größer als die Herkulesaufgabe der deutschen Einheit oder die Finanzkrise 2008. Es gibt Hebel, Wege, Ideen, Lösungsansätze.

Wir können das!

Neben der Wahrnehmung, die oft verzerrt oder kurzsichtig ist, geht es aber auch um unsere Einstellung. Wo ist unser Grundvertrauen, dass vom Menschen gemachte Krisen vom Menschen lösbar sind? Immerhin hat die Welt innerhalb einer Dekade mehrere Megakrisen bewältigt, die oft als epochal bezeichnet wurden.

Lehman- und Euro-Krise drohten seit 2008, die Welt ebenfalls aus den Angeln zu heben. Sie sind nicht ganz verarbeitet, siehe Griechenland, aber den meisten Ländern, allen voran Deutschland, geht es heute wieder besser. So gut wie noch nie.

Wir feiern Rekorde, die wir 2009, als die Wirtschaft um fünf Prozent einbrach, als Mittelständler die Hälfte ihres Umsatzes verloren, als wir panisch Milliarden ausgaben, um unseren Wohlstand zu verteidigen, nicht für möglich gehalten hätten. Diese Erkenntnis ist auch die Lehre für die Flüchtlingskrise: Man kann den Kuchen, den wir Wirtschaft oder auch BIP nennen, größer machen.

Und dazu brauchen wir noch etwas, das besonders unserer Gesellschaft in Deutschland verloren gegangen ist: ein Glaube daran, dass wir in der Zukunft mithilfe von Innovationen Probleme lösen können, die uns heute unlösbar erscheinen.

Zahl der Smartphone-Nutzer

Das Smartphone gibt es seit acht Jahren. Heute benutzen es zwei Milliarden Menschen. Darunter viele, die vor einigen Jahren von einem solchen technologischen Schlüssel zur Welt nur träumen konnten.

Warum etwa glaubt niemand mehr an die Kernfusion (das Gegenteil der gefährlichen Kernspaltung)? In den USA haben Tech-Milliardäre, darunter Peter Thiel und Amazon- Chef Jeff Bezos, in Forschungsprojekte investiert. Sie glauben an die Lösbarkeit von Problemen, wir analysieren zu oft die Unlösbarkeit.

Anfang Dezember gab Mark Zuckerberg bekannt, dass er 99 Prozent seiner Facebook-Anteile spenden möchte, insgesamt 45 Mrd. Dollar. Er schrieb keine Pressemitteilung, sondern einen Brief an seine neugeborene Tochter. In diesem Brief, ein Manifest des Glaubens, dass Probleme lösbar sind, heißt es: „Während sich Schlagzeilen oft auf das konzentrieren, was schiefläuft, wird die Welt in vielerlei Hinsicht besser. Die Menschen werden gesünder. Die Armut schrumpft. Das Wissen wird größer. Leute verbinden sich. Der technische Fortschritt bedeutet, dass Dein Leben deutlich besser sein sollte als unseres heute.“

Das sollte uns allen gefallen.

Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.