EssayWarum die Welt nicht schlechter wird

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es gibt Erfolge

Auch in der Bildung macht die Menschheit große Fortschritte. Im Vergleich zu 1999 sind heute 48 Millionen Kinder mehr eingeschult. Die Analphabetenrate ist seit dem Jahr 2000 von 18 auf 14 Prozent gefallen. Im Jahr 2000 schlossen je 100 Jungen noch 81 Mädchen die Sekundarstufe ab, heute sind es 93. „Die Welt hat große Fortschritte hin zu ,Bildung für alle‘ gemacht“, verkündete in diesem Jahr die UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova.

Ihre Botschaft war freilich eine andere: Das reicht nicht. Klar, noch immer gehen über 100 Millionen Kinder nicht zur Schule. Aber es gibt Erfolge, Früchte der harten Arbeit.

So könnte man das beliebig fortsetzen, durch Statistiken, Bildungs- und Armutsberichte und Datenbanken pflügen. Der Human Development Report der Uno bringt es in etwa auf die Formel: Wir haben seit 1990 mehr erreicht, als wir zu träumen gewagt haben.

Wenn also viele Zahlen so erfreulich sind, warum haben viele Menschen dennoch das Gefühl, dass die Welt aus den Fugen ist, dass die Krisen sich verdichten?

Weniger Hunger

Das Problem hat zunächst viel mit unserer Wahrnehmung zu tun. Natürlich werden manche Pessimisten schnell Statistiken herbeischaffen, die darlegen, wie schlimm die Welt ist. Dass es 2015 weltweit 214 Millionen Malaria-Erkrankungen und 438 000 Todesfälle gab. Dass in Afrika rund 232 Millionen Menschen hungern, sogar 50 Millionen mehr als 1990 (aber weniger im Vergleich zur stark gewachsenen Gesamtbevölkerung – das ist wichtig!).

Die Glas-halb-leer-Zahlen haben es nun mal leichter: Ebola ist dramatischer als die Erfolge bei Malaria und Masern. Die UNESCO warnt mehr, als über Erfolge zu sprechen. Zu einem Gutteil ist das ihr Job, sie braucht schließlich Geld, um die unerreichten Ziele zu erreichen. Trotzdem sollte man sich öfter an die Losung des früheren US-Präsidenten Bill Clinton halten: „Follow the trend lines, not the headlines.“

Zahl der bewaffneten Konflikte

Besonders deutlich wird unsere verzerrte Wahrnehmung bei dem Thema, das die meisten Menschen derzeit beschäftigt: Krieg und organisierte Gewalt. Schon das Jahr 2014 galt, so die Zahlen des renommierten Uppsala Conflict Data Program (UCDP), mit rund 126 000 Toten als das mit den höchsten Opferzahlen seit 20 Jahren. Das gleiche Bild findet man bei der Anzahl bewaffneter Konflikte, die das UCDP mit 40 beziffert – sechs mehr als noch 2013.

Diese Zahlen bestimmten die Schlagzeilen. Wer etwas tiefer in die Untersuchungen der schwedischen Forscher schaut, findet aber auch solche Sätze: „Verglichen mit der großen Anzahl zwischenstaatlicher Kriege des 20. Jahrhunderts war die Zahl der Todesopfer relativ klein.“ Die Welt, so heißt es in der jüngsten Studie, „ist dennoch viel weniger gewalttätig als zu Zeiten des Kalten Krieges“. Und: „Sieben Konflikte, die 2013 registriert wurden, waren ein Jahr später befriedet.“ Und: „Eine positive Entwicklung seit 2011 ist die Anzahl der geschlossenen Friedensabkommen.“ Etwa in Kolumbien.

Wer auf die Zahlen schaut, sieht den Trend: Ja, die Zahl der bewaffneten Konflikte nimmt seit einigen Jahren wieder zu, von 31 im Jahr 2010 auf 40 im Jahr 2014. Aber: 1990 wurden noch 49 Konflikte gezählt, 1994 waren es 48. Von 1997 bis 1999 lag die Zahl konstant bei 40.