GastbeitragWarum die Energiewende zu scheitern droht

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Versorgungsengpässe und Tricksereien

Der dringend notwendige Netzausbau hinkt immer weiter hinterher. Zudem schaltet Deutschland im weltweit einzigartigen parallelen Kohle- und Atomausstieg Kraftwerkskapazitäten ab, ohne angemessen neue zu realisieren – und das, obwohl Kraftwerks- und Großspeicheranlagen, aber auch neue Stromnetze in Deutschland langjährige Genehmigungs- und Bauzeiten benötigen. Experten sehen hier bereits ab 2025 eine gefährliche Deckungslücke. Schon jetzt verbietet die Bundesnetzagentur mehreren nicht wirtschaftlichen fossilen Kraftwerken die Abschaltung, da sie einen Blackout befürchtet. Die Entschädigungskosten dieser Verbote zahlen die Verbraucher über ihre Netzumlagen. Willkommen in der Planwirtschaft.

Der Ausbau der Erneuerbaren Energien erfolgt somit unkoordiniert nach dem Prinzip „Masse statt Klasse“ ohne den physikalisch notwendigen parallelen Umbau des Stromnetz- und Backup-Systems. Hier behelfen sich Lobbystudien, die sogar noch mehr Ausbau fordern, einiger unschöner Tricks, die sich wie folgt klassifizieren lassen:

Trick 1: Unrealistische Prämissen

Das Problem wird beispielsweise auf 2030 (oder 2040) geschoben, und für 2030 werden zu diesem Zeitpunkt voll laufende neue Kraftwerkskapazitäten im gigantischen Umfang angenommen, die aktuell weder in der Umsetzungsplanung (sondern häufig noch in der Laborforschungsphase), geschweige denn in der Historie jemals so schnell realisiert worden sind. Wenn man natürlich große neue Kraftwerkskapazitäten in ein Modell hineinsteckt, kommt danach wissenschaftlich richtig ein stabiles System heraus. Dann man kann jetzt der Politik suggerieren, schon mal Wind und PV vorlaufend stärker zu fördern, ohne die anderen physikalischen Herausforderungen angemessen gelöst zu haben.

Ein konkretes Beispiel: Die häufig zitierte Greenpeace-Energy-Studie zum Thema Dunkelflaute nimmt als Prämissen unter anderem 231 Gigawatt (GW) in Deutschland installierte PV-Leistung an. Derzeit, nach 20 Jahren Förderung, sind allerdings nur 48,8 GW installiert. Im vergangenen Jahr lag der Zubau bei 2,6 GW. Für Windkraft an Land geht die Studie von 190 GW aus (derzeit installiert: 53 GW, letztes Jahr Zubau von 2,3 GW). Hinzu kommen circa 40 neue Gaskraftwerke mit 67 GW (derzeit: 29,8 GW) sowie Wasserstoff-Speicherkraftwerke mit fantastischen 43 GW (derzeit praktisch 0 und großtechnisch gesehen Neuland). Wie diese gewaltigen Kapazitäten – allein 25.000 neue Windräder bei mangelnder Akzeptanz und inzwischen 1000 Bürgerinitiativen – schnell geschaffen werden sollen, und wer die Investitionen von vielen 100 Mrd. Euro stemmen soll – dazu gibt es in der Studie wie auch bei vielen anderen Experten keine Aussage. Ohne wirtschaftliche und gesellschaftliche Tragfähigkeit scheitern aber die Stromwende und der damit verbundene Umweltschutz.

Trick 2: Hoffen auf das Ausland

Ganz dreist wird für 2030 einfach davon ausgegangen, dass unsere Nachbarländer in fossile und nukleare Kraftwerkskapazitäten investieren und wir uns bei deren Produktion bei Bedarf bedienen können. Im Klartext bedeutet das: Keiner unserer Nachbarn darf die gleiche Stromwende nach deutschem Vorbild umsetzen. Eine solche Prämisse ist allerdings weder nachhaltig noch ökologisch noch ökonomisch, sondern schlichtweg ein Eingeständnis, dass der deutsche Sonderweg als Exportschlager nicht funktioniert. Faktisch ist es schlimmer: Unsere Nachbarländer realisieren mit Phasenschiebern bereits neue elektronische Grenzzäune gegen Deutschland, um von den Risiken nicht angesteckt zu werden. Deutschland verursacht mit seinem Energiewende-Egoismus eine Markt-Desintegration statt Markt-Integration in Europa.

Trick 3: Studien werden themenfremd herangezogen

Außerdem werden Studien themenfremd herangezogen. Ein Beispiel aus einem Gastbeitrag der DIW-Ökonomin Claudia Kemfert: Es wird mit Hilfe einer Studie, die sich vorrangig mit den sogenannten Hellbrisen (also Zeiten mit viel zu viel Wind- und PV-Strom) beschäftigt, argumentiert, dass eine Dunkelflaute kein Problem sei. Nun ist es physikalisch aber viel einfacher, etwas, das zu viel da ist, wegzuschmeißen (etwa durch Abregeln von Windenergieanlagen), als etwas, was fehlt, herbeizuzaubern. Das ist beim Strom nicht anders als bei dem Beispiel mit den Pizzen.

Deutschlands Anteil an den weltweiten Emissionen beträgt lediglich zwei Prozent und liegt somit klar unter dem Anteil Deutschlands am weltweiten Bruttosozialprodukt. Die deutsche Energiewende kann ihre Vorbildfunktion daher nur dann entfalten, wenn sie ökologisch und ökonomisch erfolgreich ist. Statt Fake-News und gefährlichem Halbwissen brauchen wir dringend eine technisch-wissenschaftliche Diskussion und eine ehrliche Analyse, wie wir den Erfolg der Energiewende doch noch ökonomisch und ökologisch verlässlich sicherstellen beziehungsweise retten. Ein unkoordiniertes „Weiter so“ können wir uns – auch im Hinblick auf die nachfolgenden Generationen – nicht leisten.

 


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