GastbeitragWarum die Energiewende zu scheitern droht

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Viele für eine energie- und umwelteffiziente Zukunft wichtigen Schlüsselindustrien sind physikalisch bedingt sehr energieintensiv. Elektroautos und Windräder, aber auch Wärmepumpen oder Handys benötigen im steigenden Maße Kupfer, Aluminium, Silizium- oder Carbonwerkstoffe. Ganz zu schweigen von den stromintensiven Data- und Cloudcentern, ohne die die zunehmende Digitalisierung gar nicht möglich wäre. Diese Produkte werden – ob es uns gefällt oder nicht – weltweit zu einheitlichen Börsen- und Marktpreisen gehandelt. Auch wenn manche Politiker diese Deindustrialisierung Deutschlands geradezu herbeizusehnen scheinen: Sie ignorieren den Fakt, dass damit nicht nur der Wirtschaftsstandort Deutschland verliert, sondern insbesondere der globale Umweltschutz. Fachleute sprechen hier von Carbon Leakage: Die gleiche Produktionsmenge oder Leistung wird dann an Standorten mit geringeren Umwelt- und Emissionsauflagen hergestellt, der ökologische Fußabdruck deutlich verschlechtert.

Studien bestätigen, dass Deutschland zu den Ländern mit den strengsten Umweltauflagen gehört, Carbon Leakage ist somit fast immer umweltschädlich. Ein paar Beispiele: Es werden zunehmend Kupferprodukte in der EU verbraucht – allerdings verursacht eine Tonne Kupfer in Deutschland produziert nur etwa halb so viele Emissionen wie der weltweite Durchschnitt. Das Bedarfswachstum der EU wurde in den letzten Jahren jedoch im Wesentlichen durch Standortinvestitionen in außereuropäische Standorte gedeckt.

Auch die in Neuss geschlossene Aluminiumschmelze gehörte zu den energieeffizientesten und saubersten weltweit – bis ihr nicht wettbewerbsfähige Stromkosten den Garaus machten. Bei den für die IT-Zukunftstechnologien wichtigen Cloud- und Datacentern ist Deutschland international mit großem Abstand spitze – bei den Stromkosten. Alles schlecht für die Umwelt.

Kein Masterplan in der Energiepolitik

Wind- und Solarstrom sind nicht grundlastfähig – oder ganz praktisch: Egal, wie viele Solarmodule und Windräder durch Umlagen gefördert installiert werden: Nachts beziehungsweise bei Großwetterlagen mit wenig Wind fehlt der genau zu dieser Zeit benötigte Strom (sogenannte Dunkelflauten). Da hilft es auch nicht, wenn zu anderen Zeiten viel zu viel Strom produziert wird und das irrelevante „Jahressaldo“ positiv ist. Das System muss daher immer die gesamte (gegebenenfalls optimierte) Bedarfskapazität über ein zusätzliches Backup-System vorhalten, also grundlastfähige Kraftwerke, zu denen Kohle-, Gas-, Kern-, aber auch Wasser- und Speicherkraftwerke zählen.

Enexion-Chef Björn Vortisch

Das kennt man aus der Praxis: Wenn Sie Hunger haben und eine Pizza bestellen, hilft es Ihnen nichts, wenn der Pizzadienst erst drei Tage später kommt, dafür aber gleich fünf Pizzen liefert. Auch der Europäische Strommarkt (ein sogenannter Energy-Only-Market) ist genauso geregelt und organisiert: Ein am EU-Markt tätiger Kraftwerksbetreiber muss im Stromnetz vereinfacht gesagt jede Viertelstunde ziemlich exakt und regelmäßig die Kilowattstunden liefern, die vorher verkauft und angemeldet wurden. Nur für die gelieferten Kilowattstunden erhält er einen Arbeitspreis. Liefert er unzuverlässig, muss er die Kosten des Ausregelns (Regel- und Ausgleichsenergiemärkte) bezahlen.

Daraus folgt rein physikalisch: Der Zubau von fluktuierenden Erneuerbaren-Anlagen muss immer halbwegs passend zum parallelen Ausbau der Transport- und Verteilnetze erfolgen. Schließlich müssen auch mal fünf Pizzen transportiert werden, obwohl nur eine benötigt wird. Noch wichtiger ist der Ausbau der verlässlich verfügbaren Backup-Kapazitäten. Denn es ist ökonomisch und ökologisch nicht intelligent oder nachhaltig, mal viel zu viel (teuer geförderten) Strom zu produzieren und diesen dann ins europäische Ausland billig zu verramschen beziehungsweise. bei Erzeugungslücken immer wieder Atom- und Kohlestrom von unseren Nachbarn einzukaufen, während man hier die – im Vergleich – sicheren und effizienteren Kraftwerke abschaltet. Soweit die physikalischen und wirtschaftlichen Fakten.

Dazu die entsprechenden Zahlen: 2018 wurden nur für die Photovoltaik-Stromerzeugung circa 10,5 Mrd. Euro EEG-Subventionen von den Verbrauchern aufgebracht, dafür wurde Strom mit einem mitteleuropäischen Marktwert von lediglich 1,2 Mrd. Euro erzeugt. Im Stromexport wurden nur rund 4,2 Cent pro Kilowattstunde erzielt, jedoch Erneuerbaren-Strom im Mittel mit circa 12,5 Cent pro Kilowattstunde subventioniert. Es macht also keinen Sinn, zu viele nicht nachgefragte Pizzen teuer zu produzieren. Zur Erinnerung: Alle Stromerzeuger sind Teil des europäischen Emissionshandels, der die Gesamtemissionen sowieso marktwirtschaftlich effizient begrenzt.

Leider fehlt der deutschen Energiepolitik der dringend notwendige, integrierte und effiziente Masterplan. Trotz permanenter Ergebnisabweichung – ökologisch wie ökonomisch – gibt es schlichtweg keinen verlässlichen Pfad zur Markt- und Systemintegration. Damit wird ein marktwirtschaftlicher Übergang verhindert, und exportfähige, intelligente Kombilösungen werden gerade nicht angereizt.