GastbeitragWarum der Euro auf die Blockchain muss

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Einige Unternehmen sind in diesem Bereich bereits aktiv und bieten heute oder in Kürze den Euro auf Blockchain-Basis in verschiedenen Varianten an. Die Commerzbank hat den Euro auf Blockchain-Basis für Testprojekte bereits realisiert; er wurde in den Untiefen der Bankbilanz bereits gebucht. Das deutsche Start-up Cash on Ledger bietet bereits Euro-notierte Smart Contracts für die Realisierung erster Projekte an. Das Start-up Finbc aus Frankfurt wickelt Rechnungen mit einem Blockchain-Euro ab und wird diese Dienstleistung in Kürze anbieten. Monerium aus Island bietet demnächst den Euro und auch andere Währungen auf dem Ethereum-Netzwerk an. Stasis, ein Start-up aus Malta, hat einen an den Euro-gekoppelten Token auf der öffentlichen Ethereum-Plattform im Angebot. Fnality International — ein Projekt, an dem auch deutsche Banken mitwirken — bietet in Kürze den Blockchain-Euro für Transfers zwischen Banken an. Diese Projekte sind bereits real und funktionieren. Ankündigungen von ähnlichen Plänen gibt es weiterhin etwa von der US-Bank JP Morgan und auch dem Dax-Konzern Allianz.

Die Identität auf der Blockchain

Der Euro auf Blockchain-Basis ist nur die eine Seite der Medaille. Denn eine Transaktion findet zwischen zwei Parteien statt. Natürlich sind dies zunächst Personen und Firmen, können aber auch „Dinge“, wie Geräte oder Maschinen sein. Das Thema Identität auf der Blockchain ist sehr weitreichend und zielt darauf ab, dass Menschen mit ihrer physischen Identität beispielsweise in Form eines Personalausweises, Firmen mit deren Handelsregistereintrag und letztlich Maschinen einen „digitalen Ausweis“ auf der Blockchain erhalten. Dann können Transaktionen zwischen Mensch und Unternehmen (Beispiel: Carsharing) aber auch zwischen Mensch und Maschine (Beispiel: Personentransport eines autonomen Autos) oder aber zwischen zwei Maschinen (Beispiel: autonomes Auto parkt auf einem gebührenpflichtigen Parkplatz) effizient — also schnell und kostengünstig — abgewickelt werden.

In Zukunft werden Gelder zwischen Menschen, Firmen und Maschinen transferiert werden. Wenn im Jahr 2025 mehr als 20 Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden sein werden und ein Teil dieser Geräte beginnt, am Zahlungsverkehr teilzunehmen, wird nicht nur eine komplett neue (möglicherweise dezentrale) Zahlungsinfrastruktur erforderlich sein. Menschen, Organisationen und Maschinen müssen mit ihren Identitäten auf Blockchain-Systemen registriert sein. Daher kommt dem Identitätsmanagement auf Blockchain-Basis eine Schlüsselfunktion zu.

Natürlich darf dies nur unter Einhaltung der Datenschutzregeln geschehen. Allerdings ist die fundamentale Blockchain-Kritik aus Ecke der Datenschützer nicht angebracht, da gerade die Blockchain-Technologie mit ihren Zugriffssystemen und Verschlüsselungsprozessen besser in der Lage ist als Nicht-Blockchain-basierte Systeme, erstens Daten „by design“ zu schützen, zweitens das Eigentum an den Daten zu organisieren, und drittens die Monetarisierung der Daten auch denjenigen zu ermöglichen, die diese Daten generieren. Angemerkt sei hier, dass ein Blockchain-System keinen Ersatz für eine konventionelle Datenbank darstellt, sondern diese für bestimmte transaktionale oder unverfälschbare Daten nur ergänzt.

Auch hier gibt es in Deutschland bereits Unternehmen, die vor allem in zahlreichen Experimenten an diesem Thema arbeiten. Ein Live-Einsatz ist hierzulande noch nicht möglich, wird aber früher oder später kommen. Die Commerzbank ist ein Blockchain-Vorzeigeunternehmen und fällt sehr positiv durch Projekte mit dem Sovrin-Framework auf. Auch die Deutsche Telekom und Daimler sind in diesem Bereich sehr aktiv. Bezüglich der Identität von Maschinen und Sensoren ist vor allem Bosch zu nennen. Zudem bietet das Start-up Spherity plattformübergreifende Identitäts- und Registerlösungen zum Beispiel für Autos und Maschinen an. Die Frankfurter Firma Esatus bietet Blockchain-basierte Zugangssysteme (beispielsweise Keycards, Zugangskontrolle für Gebäude) an, schlicht eine andere Perspektive auf das Identitätsmanagement. All diese Unternehmen — und noch weitere — experimentieren mit Identitäten aller Couleur auf Blockchain-Basis. Früher oder später wird es zum Live-Einsatz in der Breite kommen. Auch hierfür bedarf es größerer Budgets, um das Identitätsmanagement auf der Blockchain voranzutreiben. Natürlich sind auch Unternehmen aus dem Ausland in diesem Bereich sehr aktiv.

Und was nun?

Entscheidungsträger in Unternehmen, Regierungen et cetera müssen akzeptieren, dass sie sich mit der Blockchain-Technologie intensiv beschäftigen müssen. Sie müssen Budgets schaffen, Blockchain-basierte Projekte initiieren, Entscheidungen treffen, Teams zusammenstellen, neue Kollegen einstellen und ihre Mitarbeiter technologisch weiterbilden. Der wichtigste Fakt ist, dass die Blockchain-Technologie zumeist IT‘ler im eigenen Haus erfordert, da IT von strategischer Relevanz ist und in zahlreiche Prozesse direkt eingreift. Wenn der Euro und Identitäten auf einem Blockchain-System laufen, so ist indirekt jedes Produkt und jeder Zahlungsempfänger betroffen. Ein Auslagern an einen IT-Dienstleister oder das Wegdelegieren an die „EDV-Abteilung“ wird nicht funktionieren.

Das Hoffen darauf, dass die Blockchain-Technologie erst später relevant wird, wenn der Nachfolger den eigenen Sessel erklommen hat, ist insofern unsinnig, weil die Technologie bereits da ist. Es ist grob fahrlässig, die Entwicklungen um Libra, die chinesische digitale Währung und Binance, und auch Bitcoin, nicht sehen zu wollen. Der Kelch geht nicht vorüber, sondern er ist uns direkt in die Hand gegeben worden. Bitcoin wird nicht mehr verschwinden — wie viele immer noch glauben — sondern zu einem IT-System internationaler Bedeutung auswachsen. Dies mit der Hand ignorierend wegzuwischen ist gefährlich und bringt die Zukunft unserer Wirtschaft und unserer Unternehmen in Gefahr.


Prof. Dr. Philipp Sandner ist Leiter des Frankfurt School Blockchain Center (FSBC) an der Frankfurt School of Finance & Management. Er gehört zu den „Top 40 unter 40“ von Capital. Die Expertise von Prof. Sandner umfasst insbesondere Blockchain-Technologie, Krypto-Assets, Distributed Ledger-Technologie (DLT), Euro-on-Ledger, Initial Coin Offerings (ICOs), Security Token (STOs), Digital Transformation und Entrepreneurship.
Jonas Groß ist Project Manager und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Frankfurt School Blockchain Center (FSBC). Seine Interessengebiete sind vor allem Kryptowährungen. Außerdem analysiert er im Rahmen seiner Doktorarbeit die Auswirkungen der Blockchain-Technologie auf die Geldpolitik der weltweiten Zentralbanken.