KernenergieWarum der Ausstieg aus dem Atomausstieg keine gute Idee ist

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„Eine Laufzeitverlängerung ist für uns keine Option“

Die Reaktionen der Kraftwerksbetreiber etwa auf die Pro-Atomkraft-Proteste Ende September waren tatsächlich deutlich. Darauf angesprochen sagte etwa Guido Knott, Chef von Preussen Elektra, der Atomsparte von Eon, dem „Handelsblatt“: „Wir akzeptieren diese politische Entscheidung, die von einer breiten Mehrheit getragen wurde.“ Sein Unternehmen bereite sich schon lange auf den Rückbau vor. Zwei Anlagen seien fast vollständig abgerissen, in anderen liefe der Rückbau auf Hochtouren und die drei noch laufenden Kraftwerke würden seit langem auf den Rückbau vorbereitet, ließ er wissen. „Eine Laufzeitverlängerung ist für uns keine Option.“ Die Stimmung bei den übrigen Betreibern RWE, EnBW und Vattenfall dürfte aus folgenden Gründen ähnlich sein.

Nachdem der Bundestag am 30. Juni 2011 – rund drei Monate nach der Katastrophe von Fukushima – den vorzeitigen Ausstieg aus der Kernkraft mit überwältigender Mehrheit von 513 Ja- gegen 79 Nein-Stimmen beschlossen hatte, wehrten sich die Unternehmen zwar gegen das schnelle Aus. Doch dabei ging es vor allem um eine milliardenschwere Entschädigung, die ihnen letztlich auch zugesprochen wurde. Und es ging um die Frage, wie Rückbau und Endlagerung organisiert werden sollten. Damals entledigten sich die vier Unternehmen einer unangenehmen Aufgabe. Zwar verpflichteten sie sich, 24 Milliarden Euro für den Atomfonds aufzubringen. Damit war das Thema dann jedoch erledigt. Mit der Suche nach einem passenden Endlager und allen damit verbundenen Fragen haben sie nichts mehr zu tun. Warum sollten die vier Konzerne das Risiko eingehen, diese Einigung nach einer möglichen Laufzeitverlängerung neu verhandeln zu müssen?

Und warum folgt Deutschland nicht dem Ansatz anderer europäischer Staaten und erwägt zumindest den Bau neuer Atomkraftwerke? Weil es schwierig ist, auch dafür rationale Argumente zu finden. „Die Umsetzungszeiträume bei Atomkraftwerken betragen in Europa 10 bis 20 Jahre. Das heißt, ein Kraftwerk, das wir heute beginnen zu planen, wäre 2040 am Netz“, sagt Podewils von der Denkfabrik Agora. Der CO2-arme Strom aus diesen Anlagen käme also zu spät, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. „Hinzu kommen schwer oder nicht zu beantwortende Fragen: Wer will so ein Kraftwerk in seiner Gemeinde stehen haben? Was machen wir mit dem Atommüll?“ Auch im globalen Maßstab hält er das Potenzial einer Atomkraft-Renaissance für begrenzt. „Um die Klimaerhitzung zu verhindern, müssten zudem sehr viele Kraftwerke gebaut werden. Kernenergie macht derzeit einen Anteil von weniger als fünf Prozent am weltweiten Energiemix aus. Um die CO2-Emissionen fossiler Kraftwerke damit zu vermeiden, wären also gigantisch viele Neubauten von Kernkraftwerken notwendig.“

Den Optimismus bezüglich der Neubauten in anderen europäischen Staaten teilt er nicht. „Die beiden Kraftwerke, die in Frankreich und Finnland gebaut werden, sind jeweils viele Jahre im Verzug“, sagt Podewils. Die Kostenübersteigerung bei beiden Projekten sei deutlich schlimmer als beispielsweise beim Skandal-Flughafen BER. „Wenn die beiden Reaktoren fertig sind, wird man sich dort vermutlich fragen, ob man derartige Projekte noch einmal beginnen soll.“ In Großbritannien hat sich der Planer des Neubaus in Wales aus dem Projekt zurückgezogen – offiziell mit der Begründung, dass wegen Corona das Investitionsklima zu unsicher geworden sei. „Aber auch beim Bau von Hinkley Point C war es nur mit massivem politischen Anreizen möglich, Unternehmen zu finden, die bauen. Jede Kilowattstunde wird deshalb etwa mit dem Doppelten des gegenwärtigen Marktpreises gefördert. In Europa war es gar nicht möglich, eine Finanzierung zu finden. Deswegen sind die Chinesen mit an Bord.“ Und damit ist er beim nächsten wichtigen Punkt: den Kosten.

Atomstrom ist nicht billig

Lange galt Atomkraft vor allem als günstig. Betrachtet man nur die Kosten für den Brennstoff und die fixen und variablen Betriebskosten der Kraftwerke, ist das auch richtig. So lassen sich sogenannte Stromgestehungskosten von etwa fünf bis zehn Cent pro Kilowattstunde errechnen. Doch alle Akteure auf dem Energiemarkt dürften sich inzwischen über die gewaltigen Folgekosten nuklearer und fossiler Energieerzeugung im Klaren sein. Die sind bei Kohle hoch und bei Atomkraft gigantisch: Der Rückbau der Kraftwerke, die Entsorgung von strahlendem Material, die Endlagersuche – all das verschlingt Unsummen.Deutsche Behörden und Forschungsinstitute rechnen deswegen bei Atomstrom mit bis zu 34 Cent pro Kilowattstunde – mit Abstand der höchste Preis aller Energieformen.

„Es ist auch aus Sicht der Energiekonzerne vielversprechender auf Wind- und Solarkraft zu setzen, denn diese Anlagen lassen sich sehr schnell errichten und sie liefern Strom konkurrenzlos günstig“, sagt Podewils. Auch in anderen Ländern wachsen die Kapazitäten der Erneuerbaren teilweise rasant. In der chinesischen Provinz Qinghai ist Anfang Oktober ein Solarpark mit einer Leistung von 2,2 Gigawatt ans Netz gegangen. Das entspricht der Leistung von mehr als zwei Atomkraftwerken. Daneben steht ein Energiespeicher mit einer Leistung von rund 200 Megawatt. Die Bauzeit betrug knapp ein Jahr und der Strom wird für umgerechnet ungefähr 4 Cent pro Kilowattstunde verkauft. In Portugal ist ein Solarkraftwerk in Planung, bei dem der Strom nur gut 1 Cent kosten soll. „Mit Erneuerbaren Energien lässt sich klimafreundlicher Strom aber viel schneller bereitstellen und deutlich günstiger erzeugen. Sie sind daher die vielversprechendere Alternative.“

Dennoch steht Deutschland hinsichtlich der Energiewende noch vor vielen unbeantworteten Fragen. Die Stahlindustrie etwa, die hierzulande für rund ein Drittel aller industriellen Emissionen verantwortlich ist, rechnet damit, dass eine CO2-neutrale Stahlproduktion bis 2050 „technisch erreicht werden kann“ – so steht es in einem Positionspapier der Wirtschaftsvereinigung Stahl aus dem vergangenen Jahr. Für die dafür nötigen rund 130 Terawattstunden Strom, rechnet der Verband vor, müssten in Deutschland etwa 12.000 zusätzliche der großen 5-Megawatt-Windkraftanlagen installiert werden. Das ist noch einmal eine deutliche Steigerung des Bestands von derzeit knapp 30.000 Anlagen.

Ungeklärt ist außerdem weiterhin, wie die Elektrizität aus dem windigen Norden dorthin transportiert werden soll, wo sie benötigt wird. Gleiches gilt für die großen Photovoltaik-Anlagen. Der Ausbau der Stromtrassen stockt seit Jahren. Vor allem in der Industrie gibt es zudem Zweifel, ob die Versorgungssicherheit auch gewährleistet ist, wenn kein Wind weht und die Sonne einmal nicht scheint. Auf diese und viele andere Fragen gibt es bisher keine lückenlosen Antworten. Sicher ist aber, dass Atomkraft in Deutschland nicht dabei helfen wird, das Problem zu lösen.

Der Beitrag ist zuerst erschienen bei ntv.de