ReferendumWagt die Schweiz die Vollgeld-Revolution?

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Kryptopioniere halten sich raus

Eine Umfrage des SRF in diesem Monat ergab, dass nur 35 Prozent der Schweizer Stimmberechtigten für die Vollgeld-Initiative sind. Rund 49 Prozent zählen sich zum im Nein-Lager und 16 Prozent sind noch unentschieden. In den vergangenen zwei Jahren lehnten die Schweizerinnen und Schweizer ähnlich radikale Pläne ab, etwa die Abschaffung der Fernsehgebühren oder die Einführung eines „universellen Grundeinkommens“ für alle Bürgerinnen und Bürger.

Bemerkenswert ist, dass es den Vollgeld-Aktivisten nicht gelungen ist, ihre Rebellenkollegen aus dem „Krypto-Tal“, dem Netzwerk der Krypto- und Blockchain-Start-ups in Zug bei Zürich, für ihre Sache zu gewinnen.

Professor Gersbach von der ETH Zürich sieht einen Zusammenhang zwischen digitalen Währungen und der Reform des Finanzsystems. „Wenn eine Zentralbank eine Kryptowährung herausgibt und diese – vielleicht weil sie Zinsen zahlt – enorm populär wird, dann würde sie die von Banken als Zahlungsmittel geschaffenen Bankeinlagen ersetzen. Das ganze System würde sich in Richtung eines Systems bewegen, in dem es nur Zentralbankgeld gibt – es wäre eine Art Vollgeld.“

Aber die Kryptopioniere sehen entscheidende Unterschiede, einschließlich der Verlagerung zu mehr staatlicher Wirtschaftsplanung, die sich aus der stärkeren Beteiligung der Regierung an Kreditentscheidungen ergeben könnte. „Einerseits ist es im wahrsten Sinne des Wortes sehr liberal – andererseits trägt es Züge altmodischer Ökonomie“, sagt Richard Olsen, Gründer und Geschäftsführer des Blockchain-Fintech Lykke.

Was auch immer am 10. Juni passiert, die Vollgeld-Anhänger wollen ihren Kampf fortsetzen. „Das Vollgeld hat zu viel Kritik und Nachdenken über das aktuelle System geführt – und die Frage aufgeworfen, ob es noch angemessen ist. Es ist nicht immun gegen jede Kritik“, sagt Decressonnière.

Der Berner Protestler Wüthrich sagt, die Schweizer seien historisch gesehen langsam im Adaptieren von Ideen. Über Rentenreformen und das Frauenwahlrecht musste mehrmals abgestimmt werden, bevor die Initiativen angenommen wurden. Das Referendum würde die Debatte nicht beenden, denn „die Idee, dass nur die Zentralbank Geld schöpfen soll, ist angemessen und vernünftig“.


Reformideen gehen auf die Große Depression zurück

Die Vollgeld-Vorschläge mögen eine Antwort auf die Finanzkrise 2007/08 sein, aber sie ähneln den Ideen, die in den USA in den 1930er-Jahren nach der Weltwirtschaftskrise kursierten. 1935 schlug der Ökonom Irving Fisher ein „100-prozentiges Reservebankensystem“ vor, um Bank Runs zu verhindern, Konjunkturzyklen zu glätten und die Verschuldung zu reduzieren.

Fishers Ideen wurden nie umgesetzt, aber sie sind nach 2007 wieder in Mode gekommen. Unterstützung kam dabei von unerwarteter Seite. Im Jahr 2012 fand ein vom IWF veröffentlichtes „Arbeitspapier“ empirische Unterstützung für Fishers Behauptungen. Dessen Vorschläge könnten die Wirtschaft ankurbeln und gleichzeitig die Inflation niedrig halten, argumentierten die Autoren des Berichts.

„Dieses Papier stellte das einfache Vorurteil in Frage, dass es kein besseres Finanzsystem geben könnte“, sagt Wirtschaftsprofessor Gersbach.

Ökonomen seien durch mathematische Rechenexempel, die die Rolle der Banken weitgehend ignorieren, „einer Gehirnwäsche unterzogen“ worden, argumentiert Emma Dawnay, Sprecherin der Vollgeld-Kampagne. Die ursprünglichen Befürworter kämen aus der Umweltbewegung. Oder es waren Leute, die sich darüber wunderten, dass die Regierungen den Bankrott von Banken nicht zulassen konnten. „Sie entdecken, dass wir ein Finanzsystem haben, das auf einem unhaltbaren Schuldenwachstum basiert, das von Finanzkrisen unterbrochen wird, und sagen: ‚Wow, wie kann das so funktionieren?’“

Andere, die für Reformen des Finanzsystems eintreten, sind der frühere Chef der Bank of England Mervyn King, der ein Versicherungssystem für Banken vorschlägt. Im Gegenzug für eine „Prämie“ würde die Zentralbank den Banken bei Liquiditätsproblemen Bargeld zur Verfügung stellen.

Aber er glaubt, dass es zu weit gehen würde, das fraktionierte Bankgeschäft ganz abzuschaffen, weil es die notwendige Risikobereitschaft in einer Volkswirtschaft ermöglicht – auch wenn der Prozess nicht vollständig verstanden wird.

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