ReferendumWagt die Schweiz die Vollgeld-Revolution?

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Dennoch sind die Schweizer Bankiers fast alle der Meinung, dass die Vollgeld-Vorschläge ihre inländischen Geschäftsmodelle gefährden, das Wirtschaftswachstum behindern und die Schweiz im Wettbewerb benachteiligen würden. Das Vollgeld könne auch künftige Krisen nicht verhindern, sagen Kritiker. „Es wird das System nicht zu 100 Prozent sicher machen“, sagt UBS-Chefökonom Daniel Kalt. „Es gäbe ein geringeres Risiko für einen Ansturm auf Banken durch panische Sparer. Aber das Problem im Jahr 2008 war, dass die Banken den Zugang zu Großhandelsfinanzierungen verloren hatten, und das könnte auch mit Vollgeld immer noch passieren.“

UBS-CEO Sergio Ermotti sagte kürzlich unverblümt vor Journalisten: „Ich rechne nicht damit, dass das Schweizer Volk selbstmordgefährdet ist.“

SNB-Präsident Thomas Jordan
SNB-Präsident Thomas Jordan (Foto: dpa)

Für die SNB ist es keine leichte Debatte. Normalerweise hält sie sich aus politischen Kontroversen raus. Aber in dieser Frage sieht Jordan keine andere Möglichkeit, als sich an der Diskussion zu beteiligen. „In einer Angelegenheit, die in direktem Zusammenhang mit unserem Mandat steht, ist es unerlässlich, dass die SNB ihre Ansichten so klar wie möglich darlegt“, sagte er zu einem Vollgeld-Anhänger auf der Jahreshauptversammlung der Zentralbank.

Der SNB-Präsident argumentiert, dass neues Geld aus Bankkrediten für das Funktionieren von Volkswirtschaften unerlässlich sei, Vollgeld würde das System verkomplizieren und verteuern. Zudem würde Vollgeld die Schweiz zum „monetären Targeting“ zurückbringen – wo die Zentralbank versucht, die Geldmenge in einer Volkswirtschaft zu kontrollieren. Ein System, das sich nach Ansicht der Nationalbank vor 20 Jahren diskreditiert hat und aufgegeben wurde.

Unsere Macht sollte sich auf das beschränken, was wir zur Erfüllung unseres gesetzlichen Auftrags benötigen. Mehr ist weder notwendig noch sinnvol

Thomas Jordan

Vollgeld-Anhänger bestreiten diesen letzten Punkt: Sie argumentieren, die SNB könnte weiterhin Zinsänderungen nutzen, um die Wirtschaftstätigkeit zu beeinflussen, und nicht künstliche Geldmengenziele.

SNB-Chef Jordan befürchtet aber auch, dass Vollgeld die Zentralbank überfordern könnte. Das würde zu Zweifeln an ihrer politischen Legitimität führen, insbesondere wenn etwas schief läuft. Geldspritzen für die Wirtschaft, die Regierung oder die Bürger seien in guten Zeiten einfach zu vermitteln; Geld aber zu entziehen, wenn die Zentralbank es für notwendig hielte, wäre viel schwieriger.

„Unsere Macht sollte sich auf das beschränken, was wir zur Erfüllung unseres gesetzlichen Auftrags benötigen. Mehr ist weder notwendig noch sinnvoll“, sagte Jordan der FT. Darüber hinaus würden die Vollgeld-Initiatoren die Regulierungsreformen nicht berücksichtigen, die das Bankensystem seit 2008 gestärkt hätten.

„Es wird immer Ökonomen geben, die einige Ideen sehr interessant finden und die sich ein sehr spezifisches Modell oder ein Extremszenario ausdenken, in dem Vollgeld besser funktioniert als das bestehende System. Aber wir müssen uns mit den Realitäten auseinandersetzen“, sagte der SNB-Präsident. „Wir sind überzeugt, dass das bestehende System mit all den Verbesserungen, die es in den letzten Jahren gab, der Einführung eines Vollgeld-Systems weit überlegen ist.“