ReferendumWagt die Schweiz die Vollgeld-Revolution?

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Die Schweiz verfügt über einen überdimensionierten Finanzsektor. Trotz ihrer geringen Größe ist sie das weltweit größte Zentrum für die Verwaltung grenzüberschreitender Vermögen. Jetzt wird das kleine Land zu einem Testfall für eine radikale Reform, weil im Schweizer System der direkten Demokratie nur 100.000 Unterschriften erforderlich sind, um ein Referendum zu erzwingen.

Die Grundidee von Vollgeld ist die Abschaffung des „fractional reserve banking“ – der Basis für Finanzsysteme weltweit. Beim Bankgeschäft mit Mindestreserve wird nur ein Teil der Einlagen gedeckt, die von den Banken im Namen ihrer Kunden gehalten werden. Das geschieht durch „Zentralbankgeld“ bestehend aus Banknoten und Münzen, oder durch Einlagen, die die Banken bei der Zentralbank halten. Das Ergebnis: Wenn Banken neue Kredite an Unternehmen oder Privatpersonen vergeben, schaffen sie dabei häufig neues Geld.

Unter Vollgeld-Bedingungen würde der Geldbetrag, der für die Wirtschaft zur Verfügung gestellt wird, von der Zentralbank überwacht – und nicht von nach Gewinn strebenden Banken. Das, so argumentieren die Vollgeld-Befürworter, würde kreditgetriebene Auf- und Abschwungzyklen verhindern. Die Nationalbank bekäme zudem die Möglichkeit, der Regierung – oder sogar direkt der Öffentlichkeit – zur Verfügung zu stellen, obwohl dies die Angst vor einer inflationären Geldpolitik schüren könnte.

Der Baseler Bankier Jean-Marc Decressonnière war erstaunt, als ihm bewusst wurde, dass er für die Schaffung von Geld verantwortlich ist. „Es war eine Überraschung – wir waren uns dessen einfach nicht bewusst.“ Er ist einer von drei Geschäftsführern bei der Freien Gemeinschaftsbank in Basel, einem gemeinnützigen Finanzhaus, das sich auf die Kreditvergabe an ökologische, kommunale und pädagogische Projekte konzentriert. Die Bank hat sich einem „ethischen“ Geschäftsmodell verschrieben.

Geldschöpfung nur noch unter staatlicher Kontrolle

„Ein Kunde rief an und erwähnte die Vollgeld-Idee“, erzählt Decressonnière. „Er sagte: ‚Du erschaffst Geld, wie kann das sein?’ Und ich sagte: ‚Nein, wir schaffen kein Geld, wir sind nur Vermittler’. So wurden wir mit der Vollgeld-Initiative konfrontiert, die uns über die Frage nachdenken ließ, inwieweit wir an der Schaffung von Geld beteiligt sind.“

Laut Decressonnière war für sein Umdenken ein im Jahr 2014 von der Bank of England veröffentlichtes Forschungspapier verantwortlich. In der Studie wurde darauf hingewiesen, dass entgegen der landläufigen Meinung das meiste Geld in einer modernen Wirtschaft elektronisch von Geschäftsbanken geschaffen werde. In Großbritannien sind es rund 97 Prozent, in der Schweiz rund 90 Prozent, so die Vollgeld-Kampagne.

Decressonnière vertritt jetzt die Ansicht, dass die Geldschöpfung unter der Kontrolle einer staatlichen Institution stehen sollte – und nicht von Bankern, die auf ihre Boni achten. „Wir sind der Meinung, dass Geld ein öffentliches Gut ist, und dass eine makroökonomische Perspektive richtig ist. Eine Geschäftsbank hat eine sehr enge Perspektive – nämlich Geld zu verdienen.“

Decressonnière ist einer der wenigen Bankiers in der Schweiz, die die Vollgeld-Kampagne unterstützen. Wie sich das für die Schweizer Banken genau auswirken würde, weiß noch niemand – der Referendumstext enthält keine Details zur Umsetzung. Die großen Privatbanken des Landes blieben wohl weitgehend unberührt – die Verwaltung des Reichtums der Reichen der Welt ist ihr Hauptgeschäft, nicht die Kreditvergabe in der Schweiz. Die beiden größten Banken des Landes UBS und Credit Suisse sind international tätig, auch hier wären die Auswirkungen gering.