KolumneVW-Konzern ohne Kontrolle

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Der 4. Mai 2006 war der Tag, als bei der Deutschen Bank die ganze große Misere begann. Finanzvorstand Clemens Börsig übernahm an dem Donnerstag den Vorsitz im Aufsichtsrat des Kreditinstituts. Sein bisheriger Chef Josef Ackermann wollte einen willfährigen Adlatus etablieren, um sein Ein-Mann-Regime weiter auszubauen. Der überforderte, aber ehrpusselige Börsig sah sich selbst jedoch als neue Nummer Eins der größten deutschen Bank.

Deshalb ging von diesem Tag an alles schief, was schief laufen konnte. Falsche Personalentscheidungen in rascher Folge, dauernde Rangeleien und schließlich ein offener Machtkampf. Am Schluss standen beide, Ackermann wie Börsig, als große Verlierer dar. An den Folgen schlechter Corporate Governance leidet die Deutsche Bank bis heute.

Was diese Geschichte mit VW zu tun hat? Sie könnte sich in dem Autokonzern wiederholen. Auch dort soll der bisherige Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch ab November seinen bisherigen Chef Martin Winterkorn kontrollieren. Der 64-Jährige übernimmt den Vorsitz im Aufsichtsrat, weil sich die Porsche-Piëch-Sippe als Mehrheitseigner des Konzerns partout auf keine andere Personalie einigen konnte. Als Nachfolger der Großfigur Ferdinand Piëch wirkt Pötsch wie das, was er auch ist: ein solider und fleißiger, aber völlig uncharismatischer Erbsenzähler und Finanzjongleur ohne jeden eigenen Machtanspruch. Die Schuhe Piëchs sind für Pötsch nicht eine Nummer zu groß, sondern mindestens zehn.

kein System guter Corporate Governance

Hinzu kommt: Sein bisheriger Chef Martin Winterkorn gehört zu den autoritärsten Knochen unter Deutschlands Managern. Mit seinen Vorstandskollegen und Untergebenen geht der 68-Jährige bisweilen um wie ein preußischer Junker mit seinen Dienstboten. Wie soll sich Pötsch von einem solchen Übervater emanzipieren? Entweder der neue Aufsichtsratschef versteht sich weiter als Helfer Winterkorns – oder er sucht den schnellen Konflikt mit ihm wie einst Börsig bei Ackermann. Beides wäre gleich schlecht für VW.

In Wolfsburg gibt es seit vielen Jahren kein System guter Corporate Governance, die ja vor allem vom Grundsatz einer klaren Aufgabenverteilung zwischen Vorstand und Aufsichtsrat lebt. Stattdessen gab es Piëch als ultimativen Mikromanager und letzte Instanz in allen Streitfragen. Alles bei VW war in den letzten Jahren auf diese Konstellation zugeschnitten – hier Winterkorn, dort Piëch. Pötsch aber fehlt die automobile Nase und das technische Fachwissen, um eine derartige Rolle auch nur annähernd auszufüllen.

VW dürfte sich deshalb für die nächsten Jahre in einen Konzern ohne Kontrolle verwandeln. Schuld daran ist die merkwürdige Koalition aus IG Metall, SPD-Landesregierung und saft- und kraftlosen Vertretern der Eigentümersippe wie Wolfgang Porsche, die gegenwärtig VW regiert. Die Folgen werden sich, wie bei der Deutschen Bank, nicht sofort zeigen. Aber in einigen Jahren.