KolumneVW in den Fängen der Strafjustiz

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Wer fährt zur nächsten Automesse in Detroit? Diese Frage war früher bei VW leicht zu beantworten: Selbstverständlich die Chefs! Doch bei der nächsten Show, die am 13. Januar beginnt, könnte es ganz anders kommen. Für Vorstände und hohe Manager, die schon länger für den VW- Konzern arbeiten, ist jede Reise in die USA zu einem großen Risiko geworden. Die strafrechtlichen Ermittlungen wegen des Dieselbetrugs laufen auf hohen Touren. Und niemand aus Wolfsburg kann sich sicher sein, dass sich bei der Ankunft am Flughafen in Detroit nicht Handschellen um seine Gelenke legen. Die Ermittler des FBI geben keine Auskunft darüber, gegen wen sie heimliche Untersuchungen führen. Sie können nicht nur Verdächtige in Haft nehmen, sondern auch wichtige Zeugen. Gefängnis in den USA – das ist gegenwärtig der schlimmste Alptraum eines VW-oder Audi-Managers.

In den nächsten zwei Wochen fallen die ersten Urteile gegen angeklagte Manager des Konzerns. James Liang und Oliver Schmidt müssen mit mehreren Jahren Gefängnis rechnen, obwohl sie beide mit der Justiz kooperieren. Liang kann immerhin auf Bewährung hoffen, Schmidt bleibt wahrscheinlich in Haft. Beide haben gegen weitere VW-Manager ausgesagt – gegen wen ist nicht bekannt. Auf jeden Fall bemüht sich das US-Justizministerium um die Auslieferung des Italieners Giovanni P. aus deutscher Untersuchungshaft. Ihm winkt eine noch empfindlichere Strafe. Will die amerikanische Justiz auch deutsche Vorstände strafrechtlich belangen? Wir wissen es nicht, aber man kann damit rechnen. Sie müssen allerdings solange nichts befürchten, wie sie in Wolfsburg bleiben: Deutschland liefert eigene Staatsbürger grundsätzlich nichts ins Ausland aus.

Vorstände mit Auslandsreiseverbot

Doch für die Verantwortlichen des Konzerns löst das nur einen Teil ihres Problems: Ein Vorstand, der keine Auslandsreisen mehr unternehmen darf, kann sein Amt nicht länger wahrnehmen. Genau das aber droht einigen Managern je länger die strafrechtlichen Ermittlungen laufen. Und wer das Vorgehen der amerikanischen Staatsanwälte in Wirtschaftsverfahren kennt, der weiß: Sie drücken immer erst Urteile gegen niedrigere Manager durch, um sich dann mit den rechtskräftigen Urteilen im Rücken den ganz Großen zuzuwenden. Man kann deshalb getrost die These wagen: Die jetzigen beiden Urteile werden gewiss nicht die letzten sein.

Hat der Aufsichtsrat von VW, wie es seine Pflicht und Schuldigkeit ist, Vorsorge für ein solches Szenario getroffen? Die Antwortet lautet Nein. Seit dem Beginn der Betrugsaffäre versucht man in Wolfsburg alles, um die obersten Ränge mit allen Mitteln zu schützen. Wer erinnert sich beispielsweise noch an den Persilschein des Aufsichtsrats für den ehemaligen VW-Chef Martin Winterkorn? Als die Ermittlungen noch gar nicht richtig liefen, geschweige denn abgeschlossen waren, sprachen die Aufsichtsräte Winterkorn bereits von jeglicher Verantwortung für die Betrugsaffäre frei. Und seitdem lassen die Aufsichtsräte grundsätzlich nur die Manager fallen, die absolut nicht mehr zu halten sind. Dieses verantwortungslose Verhalten wird sich noch schwer rächen.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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