KolumneWarum VW die Wahrheit nicht wissen will

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Da haben sich Vorstand und Aufsichtsrat von VW wieder einmal etwas sehr Schlaues ausgedacht. Seit Monaten reden die Spitzenmanager über die „vollständige Aufklärung“ des Dieselbetrugs in ihrem Konzern. Dann hieß es: Man könne die internen Untersuchungen – leider, leider – erst nach einer Einigung mit den Behörden und Gerichten in den USA veröffentlichen. Und nun, nach dieser Einigung, kommt aus Wolfsburg die Ansage: In dem „Statement of Facts“, das Grundlage des Vergleichs in den USA ist, stehe ja alles Wesentliche drin. Deshalb werde es keinen weiteren Bericht über den Dieselbetrug geben.

Wieder einmal versucht die VW-Spitze damit, die Öffentlichkeit auszutricksen. Das „Statement of Facts“ kann man auf keinen Fall mit einem vollständigen Bericht über die interne Untersuchung bei VW gleichsetzen. Die Juristen des Konzerns haben mit den US-Behörden um jede Formulierung und jedes Komma der Faktensammlung gerungen. Wie bei jedem Vergleich, so gibt es auch in diesem Fall jede Menge Kompromisse. Mal setzte sich das Justizministerium durch, mal VW. Viele Dinge, die für die Amerikaner nicht so wichtig waren, konnten die Deutschen aus dem „Statement of Facts“ heraushalten. Das gilt zum Beispiel für die Frage, welches Unternehmensklima in Wolfsburg die Betrugsaffäre überhaupt erst möglich machte.

Fällt Winterkorn, ist auch Pötsch nicht zu halten

Der größte Aufklärungsbedarf besteht nach wie vor in der Frage, wann der damalige VW-Chef Martin Winterkorn erste Informationen über den Einsatz der Betrugssoftware erhalten hat – und was er danach angeordnet hat. Das „Statement of Facts“ berührt dieses Thema zwar an einer Stelle, zieht jedoch keine finalen Schlüsse. Man darf nicht vergessen: Sowohl in den USA als auch in Deutschland gehen die staatsanwaltlichen Ermittlungen weiter. Schon deshalb ist das „Statement of Facts“ nicht mehr als ein Zwischenbericht.

Die jetzige VW-Führung hat jedoch kein Interesse daran, die vollständige Wahrheit zu ermitteln. Von Anfang an ging es dem Aufsichtsrat des Konzerns darum, jede Verantwortung des früheren Vorstands mit allen juristischen Mitteln zu vernebeln. Als Winterkorn am 23. September 2015 seinen Hut nehmen musste, gab der gesammelte Aufsichtsrat eine Ehrenerklärung heraus: Winterkorn habe „keine Kenntnis von der Manipulation von Abgaswerten“ gehabt. Diese Verteidigungslinie versuchen die Juristen von VW bis heute um jeden Preis zu halten. Nun wissen wir spätestens seit dem „Statement of Facts“, dass zumindest ein Mitglied des Markenvorstands von VW und engster Vertrauter von Winterkorn nachweislich eine Schlüsselrolle in dem Skandal spielte. Bisher fehlt aber noch das „missing link“ – die direkte Verbindung zu Winterkorn und dem Zentralvorstand des Konzerns. So soll es nach dem Willen der Oberen in Wolfsburg auch unbedingt bleiben.

Schließlich geht es um weitere Milliarden Euro – und um Macht. Wenn Winterkorn früher informiert war als er bisher behauptet, wächst die Chance für die Aktionäre, die wegen des Kursverfalls der VW-Aktie auf Schadenersatz klagen. Und fällt Winterkorn, dann lässt sich auch der jetzige Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch wahrscheinlich nicht mehr halten. Und das Organversagen des gesamten VW-Vorstands kommt endlich auf den Tisch.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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