FußballVon Rahn bis Kroos: Deutschland - die Comeback-Nation

Der deutsche Stürmer Helmut Rahn – im legendären WM-Finale von 1954
Der deutsche Stürmer Helmut Rahn – im legendären WM-Finale von 1954dpa

Gary Lineker konnte es nicht lassen. Als die deutsche Nationalmannschaft Schweden in letzter Minute besiegt hatte und dem WM-Aus von der Schippe gesprungen war, packte der frühere englische Stürmer eine Variation seines berühmtesten Spruches aus: „Football is a simple game“, schrieb Lineker auf Twitter. „22 men chase the ball for 82 minutes and the Germans get a player sent off so 21 men chase the ball for 13 minutes and at the end the Germans somehow fucking win.“ Die Botschaft im Kern und jenseits der nicht ganz jugendfreien Wortwahl: Was auch während eines Spiels geschieht, am Ende gewinnen immer irgendwie die Deutschen.

An sich stimmt das natürlich nicht, es hat ja im Fußball auch schon eine ganze Reihe großer deutscher Niederlagen gegeben. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass Linekers Urteil auch von der schmerzhaften Erfahrung mehrerer verlorener Elfmeterschießen Englands gegen deutsche Mannschaften geprägt ist. Worum es ihm und vielen anderen Beobachtern des Sports aber vor allem geht, ist die Fähigkeit, sich aus scheinbar aussichtslosen Situationen doch noch zu befreien. Eine Eigenschaft, die den deutschen Mannschaften seit jeher zugeschrieben wird.

Aber stimmt das überhaupt?

Zunächst einmal: Im laufenden WM-Turnier war das Schweden-Spiel erst das zweite, in dem es einer Mannschaft gelang, einen Rückstand noch in einen Sieg zu verwandeln. Das kommt allerdings insgesamt bei Weltmeisterschaften noch vergleichsweise häufig vor. Sehr viel seltener sind Spiele, in denen größere Rückstände aufgeholt werden. Wer die seit 1930 andauernde WM-Geschichte durchforstet, stellt fest: Es gab in all diesen Jahren tatsächlich nur neun Begegnungen, in denen ein Team mit zwei oder mehr Toren zurücklag und danach noch als Sieger vom Platz ging. Die meisten dieser Spiele liegen schon länger zurück, was auch an der besseren taktischen Grundausbildung der Defensivreihen liegen dürfte.

Aber jetzt kommt es: In diesen neun Spielen ging dreimal der Sieg an eine deutsche Mannschaft. Also in einem Drittel aller Fälle. Und das sauber über die Jahrzehnte verteilt. Alle drei Spiele sind legendäre Partien: Es beginnt mit der Mutter aller Fußball-Comebacks, dem WM-Finale von 1954. Die Ungarn führten 2:0, die Deutschen glichen aus, aus dem Hintergrund musste Helmut Rahn schießen, der Rest ist Geschichte. 1970 dann die Viertelfinal-Hitzeschlacht im mexikanischen Leon. Auch hier wieder: 0:2-Rückstand, dann zwei Tore, darunter ein kurioser Hinterkopf-Treffer von Uwe Seeler. Und der Sieg für Deutschland in der Verlängerung. Und schließlich das Halbfinale gegen Frankreich 1982, an Dramatik kaum zu überbieten. 1:1 stand es nach der normalen Spielzeit, und die spielerisch überlegenen Franzosen gingen in der Verlängerung 3:1 in Führung. Aus? Nein. Die Deutschen glichen noch aus, das 3:3 war ein Fallrückzieher von Klaus Fischer, ein Jahrhunderttor. Es folgte ein Sieg im Elfmeterschießen.

Die Fähigkeit der deutschen Mannschaften zum Comeback lässt sich also ganz gut belegen, zumal die Partien allesamt in den K.O.-Phasen der Turniere stattfanden. Das Kunststück, einen Zweitore-Rückstand in einem Halbfinale oder Finale zu drehen, haben überhaupt nur deutsche Teams geschafft.

In einem Fall übrigens hat es die Deutschen selbst erwischt. Bei der WM 1938 führte das Team Nazi-Deutschlands in Paris 2:0 gegen die Schweiz – und verlor dann noch 2:4. Es heißt ja, dass die Nationalsozialisten sich nie so richtig für Fußball begeistern konnten. Das Spiel ist einfach zu unberechenbar.