Krisenstab Von Italien lernen? Wie ein General die Impfkampagne durchorganisiert

Italiens Sonderbeauftragter für die Impfkampagne gegen Corona, der General Francesco Figliuolo.
Italiens Sonderbeauftragter für die Impfkampagne gegen Corona, der General Francesco Figliuolo.
© IMAGO / Pacific Press Agency
Mit seiner Impfquote gegen Covid-19 liegt Italien in der Pandemie vor Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Die Kampagne wird von einem hochrangigen Militär generalstabsmäßig koordiniert

Der designierte Bundeskanzler Olaf Scholz scheint sich in der Corona-Pandemie von Italiens Regierungschef Mario Draghi inspirieren zu lassen. Als dieser die Europäische Zentralbank verließ, blieb vielen das Versprechen im Gedächtnis, er werde „alles tun, was nötig ist“, um den Euro zu retten. Nun tritt Scholz mit einem „whatever it takes“ auf Twitter den Kampf gegen Covid-19 an. Im März holte sich Ministerpräsident Draghi einen krisenerprobten Militär, um die lahmende Impfkampagne in seinem Land auf Trab zu bringen. Nun soll auch in der Ampel der neue Corona-Krisenstab von einem Bundeswehrgeneral geleitet werden.

Inzwischen hat Italien eine der besten Impfquoten Europas. Dabei waren im ersten Quartal keine fünf Millionen Dosen verimpft, nur 1,5 Millionen Menschen zweifach immunisiert. Die Verteilung von den Städten in die Peripherie funktionierte nicht. Die Regionen mobilisierten zu wenige Hausärzte, die Kampagne stockte. Derweil war Draghi mit einer Wirtschaft konfrontiert, die 2020 um neun Prozent geschrumpft war und 2021 zum Aufschwung zurückfinden sollte. Er verlangte nach dem besten Krisenmanager der Armee – und bekam Francesco Figliuolo: einen Dreisternegeneral mit erprobten Talenten in der Logistik.

Bei seinen Auftritten mit einem opulenten Gebirgsjägerhut wirkt der Süditaliener ein wenig aus der Zeit gefallen. Doch dekorieren mehr als 20 Ordensbänder die Brust der olivgrünen Uniform. Der 60-Jährige war Befehlshaber des nationalen Kontingents in Afghanistan und der Nato-Truppen im Kosovo. Covid-19 forderte ihn schon als Logistikkommandeur des Heeres heraus, als er in einer truppenübergreifenden Operation die Rückführung aller Italiener aus dem chinesischen Wuhan organisierte, von wo die Pandemie Anfang 2020 ihren Ausgang nahm.

Gesicht der Impfkampagne

General Francesco Figliuolo ohne Hut und Maske
General Francesco Figliuolo ohne Hut und Maske
© Italy Photo Press / IMAGO

Seitdem ist der General zum Gesicht von Italiens Impfkampagne geworden. Steht er nicht neben Gesundheitsminister Roberto Speranza der Presse Rede und Antwort, dann tourt er durch Italiens Präfekturen und inspiziert Impfstationen, die das Heer in vielen Kasernen auf dem Land eingerichtet hat. Im November ehrte ihn der Pharmazieverband mit einem Preis. Dass er Apotheker in die Impfkampagne einbezog, ist Teil seiner Strategie, neben dem klassischen Gesundheitspersonal so viele Helfer wie möglich einzuspannen. Dazu gehören auch Freiwilligenorganisationen, Zivilschutz und Armee.

Die Logistikkette organisierte er von Rom aus und standardisierte die Verteilung der Vakzine, obwohl eigentlich die Regionen zuständig gewesen wären. Die Luftwaffe wurde gleich zu Beginn der Impfkampagne zur Unterstützung hinzugezogen. Aber entlegene Gebiete gingen oft leer aus. Figliuolo gab den Regionen Vorgaben, wie viele Dosen sie an wen zu verimpfen hatten. Denn im April hatte er eine Lage vorgefunden, in der nur 15 Prozent an die Schwächsten, Anfälligsten und Ältesten der Gesellschaft verabreicht wurden. Das, so würde er später verraten, wurde zum Dreh- und Angelpunkt seiner Kampagne: eine strikte Staffelung nach Gefährdungs- und Altersgruppen.

Vertrauen hat sich der Sonderkommissar offenbar erarbeitet, indem er seinen Part einhielt – und ausreichend Impfstoff besorgte. In Rundschreiben oder Videobotschaften gibt er Etappenziele aus – und Planungshorizonte. Wie nach der Sommerpause, als gezielt junge Menschen unter 19 Jahren eine Schnellspur in den Impfzentren bekommen sollten. Und wie jüngst im November, als er den Regionen und autonome Provinzen zusagte, es sei ausreichend Personal für Booster-Impfungen bis zum 31. Juli 2022 unter Vertrag genommen. Natürlich im Einvernehmen mit dem Gesundheitsministerium.

Stolz auf die Jugend

Dass junge Leute sein Impfangebot so gut angenommen haben, erfüllt Figluolo mit besonderem Stolz. Obwohl ihnen später als anderen die Immunisierung ermöglicht wurde, ist ihre Impfquote fast so hoch wie die der älteren Jahrgänge. „Die Jungen erteilen uns eine großartige Lektion“, sagte er Studenten der Universität Genua. „Sie vertrauen der Wissenschaft, sind bereit für die Zukunft… und großzügig genug, ihre Großeltern mit in Sicherheit zu bringen.“

Seit Mitte September werden Auffrischungen verabreicht. Auch das ist für die kommenden Monate organisiert. Seit dem 22. November sind bereits die 40- bis 59-Jährigen an der Reihe, mit fünf Monaten Abstand zur Zweitimpfung. Ausreichend Infrastruktur stehe zur Verfügung, ließ Figluolo wissen. Die Spitze der täglichen Nachfrage erwartet der Krisenmanager zwischen Dezember und Februar. Schrittweise sollen die monatlichen Zielgruppen für die Booster erweitert, weitere Impfstellen und eine hohe Verabreichungskapazität gewährleistet werden.

Booster-Rekord

Schon im November wurde ein erster Rekord von 164.000 Booster-Dosen am Tag erreicht. „Das Ergebnis platziert Italien an der Spitze Europas“, klopfte sich der Krisenmanager zuletzt selbst auf die Schulter. „Eine Fallstudie für eine kollektive Reaktion, die zeigt, dass Italien gewinnt, wenn es ein Team bildet.“ Schnell reagieren, handeln an den Impfstellen. Ein wiedergeborenes Italien habe sich zusammengetan: Freiwillige, Verbände, Unternehmer, Allgemeinmediziner, Apotheker, Kinderärzte.

Anfangs wurden so in wenigen Wochen 500.000 Injektionen pro Tag erreicht. Am Ende des Jahres will Figliuolo 90 Prozent der Bevölkerung über zwölf Jahren mindestens einen Piks verabreicht haben. Ende November waren es mehr als 87 Prozent, mehr als 83 Prozent wurden voll immunisiert.

„Ich glaube“, sagt Figliuolo, „dass der italienische Erfolg auf eine wirklich flächendeckende Impfkampagne zurückzuführen ist, an der die gesamte Bevölkerung überzeugt teilgenommen hat.“ Italien habe ein Schutzschild in der vierten Welle, obgleich die Infektionen auch zwischen Bozen und Palermo wieder steigen. „Die Krankenhäuser halten durch“, so der General, „und der Impfstoff trägt seinen Teil dazu bei“.

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