PandemieVon Ebola lernen: Afrika und das Coronavirus

Kampf gegen die Ebola-Epidemie: In solchen Quarantänezelten wurden Patienten in Kongo behandelt.
Kampf gegen die Ebola-Epidemie: In solchen Quarantänezelten wurden Patienten in Kongo behandelt.WHO / Eugene Kabambi

Knapp zwei Jahre hat die Demokratische Republik Kongo gebraucht, um die jüngste tödliche Ebola-Epidemie zu besiegen. Die letzte Patientin verließ am 3. März lachend und tanzend die Klinik. Noch steht offiziell die Entwarnung aus: Bis Mitte April darf kein neuer Fall auftreten, dann kann die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Ausbruch für beendet erklären. Und doch ist es nur ein kurzes Aufatmen, denn der nächste Erreger hält bereits Einzug. Am Tag der Entlassung der Ebola-Patientin Masika Semida in Kivu in Nordost-Kongo meldete Kinshasa den ersten Corona-Fall: ein 52-jähriger Kongolese, der aus Frankreich eingereist war.

Mittlerweile zählt die DR Kongo 81 Fälle von Covid-19. In Subsahara-Afrika sind es mehr als 3000 – drei mal soviel wie eine Woche zuvor. Blickte der Kontinent anfangs sorgenvoll nach China – allein in der Provinz Hubei studieren 5000 afrikanische Studenten –, so schleppten nun vor allem Reisende aus Europa den neuartigen Coronavirus ein. Die meisten Länder handelten schnell, stellten den internationalen Flugbetrieb ein und verhängten drastische Ausgangssperren. Das mögliche Ausmaß einer exponentiellen Ausbreitung mag sich niemand ausmalen. „Afrika muss sich auf das Schlimmste einstellen“, warnte die WHO. Aber was kann der Kontinent dabei aus dem Kampf gegen Ebola lernen?

Wohl ist der Ebola-Virus weitaus ansteckender und tödlicher als der Covid-19-Erreger, schon die Atemluft kann die Krankheit übertragen. Im Kongo zeigte sich bei 3400 Infizierten eine Sterblichkeitsrate von 60 Prozent, 20 mal höher als der Covid-19-Durchschnitt. Die Epidemie 2013 und 2014 in den westafrikanischen Ländern Liberia, Guinea und Sierra Leone forderte 11.000 Tote. Aber quer über den Kontinent, von Westafrika über einen von Wissenschaftlern definierten „Gürtel von Seuchen-Hotspots“ bis zum Horn von Afrika, haben Regierungen in der Folge Mechanismen der Abschottung an so genannten „Points of Entry“, zumeist an den Grenzen entwickelt.

Besser übervorsichtig als überreagieren

„Es gibt kein Land in Afrika, das nicht beobachtet hat, was Westafrika während des Ebola-Ausbruchs widerfahren ist und wie er das wirtschaftliche und soziale Leben zerstört hat“, sagt Gyude Moore, der im Krisenstab von Liberia den Kampf gegen Ebola an vorderster Front geführt hat und heute am Washington Centre for Global Development lehrt. Lieber übermäßig gut vorbereitet sein, meint er, als später in schwachen Gesundheitssystemen reagieren zu müssen.

Eine zentrale Lehre für die Abwehr des Coronavirus sieht Moore darin, die Erkrankten außerhalb von bestehenden Ärztezentren zu versorgen: in speziellen isolierten Einrichtungen, wie den Ebola-Kliniken. Um Risikogruppen zügig einzugrenzen müsse vor allem in Test-Kits investiert werden. Dank der WHO, die im gesundheitlich unterversorgten Afrika eine starke Antriebskraft beim Aufbau von Infrastruktur und technischem Krisenwissen war, sind viele jetzt besser gewappnet. In 36 Ländern hat die UN-Organisation Rapid Response Teams geschult, die nun wissen, wie Kontakte von Infizierten zu tracken sind.


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So verfügt Liberia über ein staatliches Gesundheitsinstitut, das Kontaktpersonen ausfindig machen kann. „Unsere Vorbereitung stützt sich auf das System, das wir für Ebola aufgebaut haben“, sagt der Leiter Mosoka Fallah. „Davor hatten wir weder das Wissen noch die Manpower noch die Infrastruktur.“ Kritisch wird die Verteilung von Test-Kits und Schutzausrüstung sein, die WHO und Uno in einer weltweiten humanitären Anstrengung in ärmere Länder verschickt. Noch kritischer die Zahl von Laboren, die auf Covid-19 testen können. Immerhin 45 Länder haben dafür jetzt die nötigen Geräte.

Imame, Pastoren und Bischöfe als Botschafter

Ebola hat zugleich vor Augen geführt, wie eine Krise die Politik in einem Raum kultureller Eigenheiten überfordert, wenn nicht weitere Botschafter, denen die Menschen vertrauen, an das kollektive Verhalten appellieren. Wo der tägliche Existenzkampf in der Schattenwirtschaft die Regel und das Homeoffice die Ausnahme für eine privilegierte Mittel- und Oberschicht ist, bleibt „Social Distancing“ nicht nur wirtschaftlich eine Illusion. Jedenfalls jenseits von rigorosen Ausgangssperren.

In den Infektionsherden Nordkongos gelang die Eindämmung schließlich, weil Gesundheitshelfer in Siedlungen und Dörfer ausschwärmten, um Verhaltensweisen zu demonstrieren, Handwaschstationen aufzubauen, Seifen zu verteilen und – vor allem – Verbündete zu gewinnen: Dorfvorsteher und Stammesführer, Imame, Pastoren und Bischöfe schlugen ebenso Alarm wie örtliche Radiosender. Als Krankenstationen in Gemeinden damit begannen, Diagnosen anzubieten – alternativ zur zentralen Ebola-Klinik – gingen die Menschen dort auch hin, anstatt auf Zauberformeln von Heilern zu vertrauen.

Senegal, Liberia, Sierra Leone, die Elfenbeinküste und auch Nigeria haben Ex-Minister Moore zufolge nun bessere Abwehrkräfte gegen das Coranavirus als so manches reichere Land. Kenia und Tansania im östlichen Afrika sind nach den WHO-Kategorien weniger gut gegen Gesundheitsgefahren gewappnet. Vergangene Woche rief die WHO Afrika zu entschlossenem Handeln auf, da die Infektionsrate täglich um 25 Prozent in die Höhe schnellte. Südafrika und Algerien mit den meisten Erkrankten reagierten mit einem totalen und teilweisen Lockdown von mehreren Wochen.