FinanzevolutionVom Kryptozahlungsverkehr zum Kryptolending

Neue Technologien dringen immer stärker in das Finanzwesen vorGetty Images

Der US-Ökonom Clayton M. Christensen schreibt in seinem bekannten Bestseller „The Innovator’s Dilemma“, dass die meisten Innovationen evolutionär und darauf gerichtet seien, die Leistungsfähigkeit vorhandener Produkte zu verbessern. Von Zeit zu Zeit tauchen aber disruptive Technologien auf. Das sind Innovationen, „die die Erfolgsserie einer bereits bestehenden Technologie, eines bestehenden Produkts oder einer bestehenden Dienstleistung ersetzen oder diese vollständig vom Markt verdrängen.“ (Zitat vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie) Beispiele dafür sind MP3-Musikdownloads oder die digitale Fotografie.

Christensen zufolge verbessern disruptive Technologien bei ihrem ersten Erscheinen bestehende Leistungen nicht unbedingt. Die neuen Angebote werden wegen ihrer Mängel zunächst auch nicht in etablierten Bereichen eingesetzt, sondern suchen sich Kunden und Einsatzgebiete außerhalb der eigentlichen Kerngebiete und werden daher kaum wahrgenommenen. So waren nach Christensen die ersten Dampfschiffe den Segelschiffen deutlich unterlegen, weil sie langsamer, wartungsanfälliger und teurer waren. Für Ozeanfahrten waren sie ungeeignet und fuhren nur auf Binnengewässern. Die Segelschiffhersteller ignorierten daher die Dampfturbinen, die aber über mehrere Jahrzehnte stetig weiter bis hin zur Hochseetauglichkeit verbessert wurden und schließlich auch für die Überseeschifffahrt eingesetzt werden konnten. Kein einziger Hersteller von Segelschiffen schaffte diesen Technologiesprung.

Zu den Technologien mit mutmaßlich disruptiven Charakter im Finanzwesen könnten die diversen Spielarten der Distributed Ledger/Blockchain-Technologie gehören (zur Abgrenzung siehe Distributed Ledger Technologie (DLT) ist mehr als Blockchain). Die Distributed-Ledger-Technologie (DLT) hilft, Verfügungsrechte über materielle Güter und immaterielle Rechte über kryptografische Verfahren (daher wird oft der Zusatz Krypto verwendet) manipulationssicher dezentral und digital zu dokumentieren und vor Fälschung sowie Duplizierung zu schützen. Eine aktuelle Deloitte Studie zeigt, dass das Verständnis für die Technologie stetig wächst und sie zunehmend als Lösung für verschiedenste Anwendungen und Industrien gesehen wird.

Regulierung in Deutschland

Aktuell intensiv im Finanzsektor diskutiert werden Stablecoins, die entweder von Zentralbanken (sogenannte Central Bank Digital Currency, siehe dazu diese Kolumne), von Geschäftsbanken oder von Nicht-Finanzunternehmen herausgegeben werden. Zu Letzterem gehört bekanntlich das vieldiskutierte Kryptozahlungsmittel Libra.

Das Handelsblatt titelte Mitte Januar „Die Anarchie an den Kryptomärkten endet“. Ein Grund dafür liegt darin, dass sich Begriffe wie Kryptowert und das Kryptoverwahrgeschäft seit dem 1. Januar 2020 im deutschen Kreditwesengesetz wiederfinden und damit Regulatoren sowie alte und neue Finanzwelt beschäftigen. Hier dürfte die Tokenisierung von Vermögensgegenständen wie Aktien, Anleihen, Fonds, Immobilien und verschiedene Schuldtitel das Finanzgeschäft maßgeblich modernisieren. Ein Token repräsentiert ähnlich wie eine Urkunde Vermögensansprüche, Rechte oder Schuldverhältnisse jedoch in digitaler Form.

Viele Variationen der Technologie werden auch von etablierten Häusern im Finanzwesen erprobt. Während es Stablecoins und die Tokenisierung von Wertpapieren bereits in die Top-Etagen der Politik, Regulatoren und Banken geschafft haben, offenbart ein Blick in den Mikrokosmos der angewendeten Blockchain-Technologie, dass in Zukunft weitere Bereiche des Finanzwesens erreicht werden könnten.

Jonathan Maycock, einer der Gründer des Bielefelder Start-ups Margin, machte mich darauf aufmerksam, dass sich die Krypto-Szene sehr rasant entwickle und es mittlerweile zahlreiche Lending-Plattformen gebe. Auf Lending Plattformen können Guthaben hinterlegt und als Darlehen ausgegeben werden. Kombiniert mit Blockchain-Technologie wird dies auch als Krypto-Lending-Plattform bezeichnet. Sie ermögliche es Inhabern von Krypto- Token , diese zu einem vereinbarten Zinssatz zu verleihen.

Das Beispiel BlockFi

Bereits heute sind unterschiedliche Spielarten im Kryptolending entstanden. Es gibt Anbieter, die als Plattformen, Krypto-Token von Anleger annehmen und diese dann direkt weiter verleihen. Andere tauschen diese um, verleihen Fiat-Währungen und nehmen als Sicherheit Krypto-Token.

In Insiderkreisen bekannt ist das in New York beheimatete Unternehmen BlockFi. Es hat nach Informationen des Fachdienstes Cryptonewmedia von institutionellen Investoren wie Galaxy Digital, Fidelity und Peter Thiel’s Valar Ventures nennenswerte Beträge eingesammelt. Nutzer können dort Kryptowerte gegen Zinsen deponieren. Die auf diesen Konten gehaltenen Vermögenswerte verleiht das Unternehmen an institutionelle und gewerbliche Kreditnehmer. Um die Kreditperformance zu gewährleisten, vergibt BlockFi nach eigenen Angaben nur besicherte Kredite und überwacht die Positionen mit einem automatisierte Risikomanagementsystem.

Daneben kann BlockFi Kredite kündigen und die Sicherheiten zu verwerten, wenn Zins- und Tilgungszahlungen gefährdet sind. Wenn die Sicherheiten nicht ausreichen, soll sogar das Eigenkapital herangezogen werden, um Kundeneinlagen zu schützen. Dies ähnelt den Prozessen einer Bank, wobei bei BlockFI Einlagen nicht durch einen staatlichen Einlagenschutz abgesichert sind.

Bewegung auf dem Markt

Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe dieser Plattformen. Allerdings existieren bisher kaum verlässlichen Statistiken zu den Geschäftsvolumina und der Kreditperformance. Manche Kryptolending-Plattform entwickeln das Prinzip der sogenannten P2P-Kredite weiter. P2P-Kreditanbieter gehörten bekanntlich zu den Pionieren der Fintech-Szene. So haben die Unternehmen Salt and Coinloan Peer-to-Peer-Kreditplattformen aufgebaut. Sie ermöglichen es Nutzern, ihre Krypto-Assets als Sicherheiten für Kredite in herkömmlichen zu hinterlegen.

Bei dem in Estland sitzenden Unternehmen Coin Loan sollen bis zu 70 Prozent des Marktwertes der Kryptoassets als Sicherheit dienen. Wenn die Sicherheit während der Laufzeit des Kredits an Wert verliert, wird der Kreditnehmer aufgefordert. die Höhe der Sicherheit zu erhöhen oder den Kredit zu reduzieren. Das System von Coin Loan soll dabei die Sicherheiten automatisch verwerten und das Kapital an den Kreditgeber zurückgeben können.

Solche blockchainbasierten Kredite können über sogenannte Smart Contracts automatisiert werden. Mit Smart Contracts lassen sich Transaktionen auf Basis der Blockchain an beliebige programmierbare Bedingungen knüpfen. Sie gelten als in Computerprogramme umgesetzte Verträge, mit denen Daten aus verschiedenen Informationsquellen (die Fachwelt spricht hier von Oracles) überwacht und ausgewertet werden. Sind zuvor festgelegte Bedingungen erfüllt, führt der Softwarecode des Smart Contracts selbstständig einen Befehl aus, wie z.B. eine Zahlung oder die Übertragung von Verfügungsrechten.

Es gibt viele weitere Spielarten (siehe etwa hier für Celsius und Nexo oder hier eine weitere Übersicht). Das Geschäftsfeld ist heute sicherlich nicht massentauglich. Die Risiken für Anleger und Kreditnehmer sind erheblich. So kann etwa eine Plattform eingestellt werden. Es ist unklar, ob und wie man dann an seine Token kommt. Einige der Token weisen enorme Marktschwankungen auf. Dazu kann der Kreditnehmer Probleme mit der Rückzahlung haben, die Sicherheiten nicht ausreichen und jede Menge operative Risiken das Ergebnis trüben.

Aber das, was hier zunächst in der Kryptowelt erprobt wird, kann künftig in die traditionelle Kreditwelt schwappen. So könnten etwa heute übliche Darlehenssicherheiten ebenfalls über einen Smart Contract hinterlegt und automatisch verwertet werden, wenn der Kredit notleidend wird. Das setzt aber voraus, dass diese Sicherheiten, wie z.B. Kundenforderungen, ebenfalls über Smart Contracts dokumentiert sind.

Eine weitere Voraussetzung für die Durchsetzung der Technologie bleibt, dass nicht jeder Marktteilnehmer seine eigene Technologie entwickelt. Das wäre in etwa so effizient als wenn jedes Unternehmen eine eigene Währung herausbringen würde. Es bedarf unternehmensübergreifender und idealerweise supranationaler Standards. Sich auf die zu verständigen ist nicht trivial, es sei denn Marktorganisatoren stellen zusammen mit Gesetzgebern und Regulatoren entsprechende Regeln auf. Bis es dazu kommt und sich diese Technologie am Markt etabliert, dürfte noch einige Zeit vergehen. Allerdings hat das Jahr 2019 bereits erheblich Fortschritte gebracht und mit dem Libra-Konzept gezeigt, dass auch private Unternehmen Standards setzen können.

 


Dirk ElsnerDirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Hier finden Sie weitere Kolumnen aus der Reihe Finanzevolution