KolumneVom Feeling her ein analoges Gefühl

Amazon Store
Der Digitalriese Amazon wagt sich mit seinen Pop-up Stores in die analoge Welt vor - auch in Berlin.Amazon

Irgendwas stimmt hier nicht, denke ich, als ich an einem grauen Novembertag durch die deutsche Hauptstadt spaziere. Wir schreiben das Jahr 2018 und ich laufe vorbei an einer klassischen Plakat-Kampagne (!) von Airbnb, stehe an der Bushaltestelle neben einem Poster (!) von Facebook und lande schließlich vor einem Ladengeschäft (!) von Amazon. So analog waren die Digitalen wohl noch nie.

Was ist hier eigentlich los? Laufen die digitalen Uhren rückwärts? Das erste stationäre Amazon-Geschäft Deutschlands ist – natürlich – ein Pop-Up-Store und liegt am Ku’damm zwischen Apple und Tesla, angemessen. Das richtige Umfeld suchen, offline wie online, na klar. Der Laden ist tatsächlich echt, mit echten Verkäufern und Produkten zum Anfassen. Es gibt sogar frisch gebackene Kekse – und das nicht nur für Prime Kunden. Das Hashtag vorne an der Tür ist hier Programm: #HomeOfChristmas.

Während ich den Laden betrete und von übertrieben freundlichen Mitarbeitern begrüßt werde, ruft ein Freund an. Als ich ihm erzähle, dass ich im Amazon-Store stehe, ist seine Reaktion: „Braucht kein Mensch!“ Da mag er recht haben, aber sind wir mal ehrlich: Wie oft entstand schon das Bedürfnis mit dem Angebot? Ich hatte ja schließlich auch noch keinen Hunger auf Kekse, bevor ich den Laden betreten habe. Und jetzt schmecken sie mir verdammt gut, so warm und frisch aus dem Ofen (Kekse backen kann man hier in „Workshops“ lernen!).

Ein ganz klarer Offline-Vorteil: Nicht mal bei same day delivery wären online bestellte Kekse noch warm. Naja. Als ich hier so durch den Laden streife, wo alle wie verrückt Kaffee trinken, aus Maschinen, die es natürlich bei Amazon zu kaufen gibt, denke ich daran, dass in diesem Moment der letzte Otto-Katalog gedruckt wird. Während Otto die digitale Transformation erfolgreich gemeistert hat, eröffnen nun originär Digitale, wie Amazon, eigene Läden und bringen in den USA pünktlich zum Weihnachtsgeschäft sogar einen Print-Katalog (!) heraus – die mysteriöse Ironie des Einzelhandels.

Der Amazon-Laden auf dem Ku’damm soll im Übrigen gar nichts verkaufen, sondern nur „inspirieren“ – oha! Es lässt sich indes erahnen, wie das Shopping der Zukunft wohl aussehen soll: Beim Betreten des Ladens wird man registriert, damit alle Daten vorliegen noch bevor man das erste Produkt auch nur angesehen hat.

Dann muss man nur noch zugreifen und braucht beim Bezahlen nie wieder Schlange stehen, denn Amazon weiß ja, wie man bezahlen möchte und hat ohnehin bereits alle Informationen. Und wer keine Lust hat, seinen Einkauf zu schleppen, lässt ihn sich zuschicken – die wissen ja, wo Dein Haus wohnt. Schöne neue, alte Welt. Stationärer Handel 4.0, straight outta Seattle. Werden jetzt ausgerechnet die, die den Einzelhandel in Bedrängnis gebracht haben, ihn wieder retten? Absurd, aber denkbar.

Ich überlege derweil, wie der berühmte Empfehlungs-Algorithmus „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch…“ wohl im Laden funktioniert und flaniere hinaus aus dem #HomeOfChristmas in die kalte Berliner Luft. Gedankenverloren stehe ich nun am U-Bahnhof neben einer jungen Frau. Wir schauen auf das Plakat (!) vom Online-Dating-Dienst Bumble, das vor uns hängt und lesen quasi gemeinsam die atemberaubende Zeile „Empowering connections in dating, friendship & business.“ Sie schüttelt den Kopf, lächelt mich an und wir verstehen uns ohne Worte. Manches funktioniert dann doch in der analogen Welt noch am besten.