KommentarMit Diess zurück in die Zukunft

Aufsichtsratschef Pötsch und der neue Konzernchef Herbert Diess
Aufsichtsratschef Pötsch und der neue Konzernchef Herbert Diess Getty Images

Volkswagen ist in vielen Dingen ganz vorne: Der Konzern stellt mehr Autos her als alle Konkurrenten. Er ist das mit Abstand umsatzstärkste Industrieunternehmen Europas. Vor allem aber hat man es bei Volkswagen in einer rhetorischen Disziplin zur Meisterschaft gebracht: Die Vertreter des Konzerns können unendlich lange reden – ohne dabei etwas Konkretes zu sagen.

In Wolfsburg, beim ersten öffentlichen Auftritt von Herbert Diess nach dessen Beförderung zum neuen Vorstandsvorsitzenden war diese Fähigkeit wieder einmal in Reinkultur zu beobachten. Diess und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch dankten ausführlich dem scheidenden CEO Matthias Müller. Sie stellten länglich die neue Führungsstruktur vor, die vorsieht, dass die Marken des Konzerns künftig in die drei Gruppen Volumen, Premium und Super-Premium aufgeteilt werden. Die Fragen aber, die über allen im Raum schwebten – und in diversen Formulierungen auch immer wieder gestellt wurden – beantworteten die beiden im Grunde nicht: Warum musste Müller gehen? Warum ist die neue Struktur besser als die alte? Und warum braucht man für die neue Struktur zwingend einen neuen Vorstandsvorsitzenden? Dass Diess etwas jünger ist als Müller und damit – wie Pötsch sagte – auch dann noch da sein dürfte, „wenn die Auswirkungen seiner Entscheidungen messbar sind“, ist ja als Grund ein wenig dürftig. Zumal man das auch schon vor drei Jahren wusste.

Müllers Bilanz ist beileibe keine schlechte: Er hat Volkswagen übernommen, als es Leute gab, die dem Unternehmen den baldigen Zusammenbruch prophezeiten – und die Stimmung beruhigt. Er hat Rekordzahlen im vergangenen Jahr vorgelegt und mit neuen Leuten wie Johann Jungwirth tatsächlich so etwas wie digitalen Schwung in den Laden gebracht. Selbst das Risiko durch die Diesel-Krise, die Müller auch irgendwann tatsächlich so nannte, erscheint mittlerweile überschaubar. Ein echter Kulturwandel, bei Volkswagen eine Mammutaufgabe, erschien zumindest vorstellbar.

Einfluss der Arbeitnehmerseite im Vorstand wächst

Jetzt aber kommt Diess. Und das Merkwürdige ist: In gewisser Hinsicht knüpft Volkswagen damit an seine Identität aus der Zeit vor der Krise an. Diess galt damals als Kronprinz von Ex-CEO Martin Winterkorn, eine Ansage, die sich nun, nach einer Abkühlphase, erfüllt. Er nimmt die Verantwortung für die Kernmarke mit in sein neues Amt und kopiert damit Winterkorn. Dass ein noch zu benennender Chief Operating Officer für die Marke die tägliche Arbeit machen soll, unterstreicht diese Machtfülle eher noch, als dass es sie begrenzt. Denn natürlich wird dieser Helfer von Diess selbst installiert.

Vor allem aber wird der Einfluss der Arbeitnehmerseite im Vorstand noch stärker zementiert als es ohnehin bei Volkswagen üblich ist. Mit der Ernennung von Gunnar Kilian zum Personalvorstand zieht ein enger Vertrauter von Betriebsratschef Bernd Osterloh in die Führung ein. Diess selbst räumte ein, er habe lernen müssen, wie wichtig die Rolle der Betriebsräte bei Volkswagen nun einmal ist. Es wirkt ein bisschen, als habe man bei Volkswagen beschlossen, dass die Zeit der Demut und Krisenbewältigung jetzt vorbei ist und man wieder dort weitermachen kann, wo man 2015 aufgehört hat. „Winterkorn light“ nannte das ein Journalist in Wolfsburg, was bei Diess ein fuchsartiges Lächeln zur Folge hatte.

Natürlich ist durchaus denkbar, dass all das funktionieren kann. Diess ist ein erfahrener Kostensenker, der es in seiner bisherigen Amtszeit geschafft hat, die maue Rendite der Kernmarke fast zu verdoppeln. Auch er weiß, dass Volkswagen immer noch unter der Beobachtung des amerikanischen Monitors Larry Thompson steht, der einen wirklichen Wandel sehen will. Ein System also, in dem ein aus falscher Autoritätsgläubigkeit entstandender Skandal wie die Diesel-Affäre nicht mehr passieren kann. „Integrität und Compliance bilden weiterhin das Fundament unseres Handelns“, sagte Aufsichtsratschef Pötsch in Wolfsburg. Das zu beweisen, ist zumindest nicht leichter geworden.