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Im Allianz Zentrum für Technik werden auch mutmaßlichen Versicherungsschäden analysiert
Im Allianz Zentrum für Technik werden auch mutmaßlichen Versicherungsschäden analysiert
© Markus Burke

Die Geschichte mit den Eiern kam dem Mann von der Allianz irgendwie komisch vor: Seine Kinder, so hatte ihm der Kunde erzählt, hätten das Familienauto des Nachbarn mit Eiern beworfen – und dabei die Metalliclackierung ruiniert. Die Haftpflicht sollte es nun richten. Der Schaden ging in die Tausende, aber stammten die merkwürdigen Kratzer wirklich von Eiern? Der Sachverständige witterte Betrug.

Es wäre der Klassiker gewesen: Nach einem selbst verschuldeten Malheur bieten sich Freunde oder Bekannte an, den Schaden über ihre Haftpflicht zu regeln. „Wozu hat man denn eine Versicherung?“, heißt es dann oft. Von Unrechtsbewusstsein keine Spur. Bei jedem zehnten von insgesamt rund 24 Millionen Versicherungsfällen im Jahr wird mutmaßlich getrickst oder manipuliert. Auf 4 Mrd. Euro schätzt die Branche den jährlichen Schaden durch Betrug. Leidtragende sind die Versicherten selbst, denn sie müssen die Mehrkosten über höhere Prämien mitbezahlen.

Zurück im Büro wählte der Sachverständige die Nummer von Melanie Kreutner im Allianz Zen­trum für Technik (AZT). Das AZT in Ismaning bei München gleicht einer großen Werkstatt, im Keller befindet sich sogar eine Crashtestbahn. Kreutner ist Versuchsingenieurin und Unfallanalytikerin. Die 31-Jährige leitet die Abteilung und prüft mögliche Versicherungsfälle auf Plausibilität. Sie muss heute noch lachen, wenn sie an den Anruf denkt. „Kennen Sie sich mit Eierschäden aus?“, fragte der Kollege. Nein, das tat sie nicht. Noch nicht.

Betrug oder Schummelei?

Kreutner besorgte eine identische Autotür. Und zehn Eier. Dann verschwand sie in der Küche, setzte Wasser auf und kochte einige der Eier. Die einen weich, die anderen hart. Drei ließ sie roh. Sie installierte Hochgeschwindigkeitskameras rund um die Autotür, griff zum ersten Ei, holte weit aus und schmetterte es gegen den Lack. So tat sie es mit allen zehn Eiern. Anschließend wertete sie die Aufnahmen in Zeitlupe aus, analysierte die Kratzspuren und verglich sie mit einem Foto, das der Kollege ihr geschickt hatte.

Der Aufwand ist immens, aus Sicht der Branche aber nötig. Sie will gegenhalten. Versicherungsbetrug gilt in den Köpfen vieler immer noch als kleine Schummelei. Meist geht es lediglich um geringe Summen, in der Regel um nicht mal 250 Euro.

Landen die Fälle vor Gericht, sieht die Sache schon anders aus: In der aktuellen Kriminalstatistik liegen die erfassten Schäden bei durchschnittlich 18 600 Euro. In besonders schweren Fällen drohen den Tätern bis zu zehn Jahre Gefängnis.