GastkommentarVier-Tage-Woche in Finnland: Fake News? Good News!

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Potenzial an unterbeschäftigten Arbeitskräften

Ich halte dies für eine gesellschaftliche Aufgabe, bei der gerade auch die Unternehmen in Verantwortung stehen, die jetzt und in Zukunft qualifizierte Fachkräfte beanspruchen. Ein Aufsprengen der Norm von langer Vollzeit würde es ermöglichen, mehr Elternpaaren eine gleichberechtigte Verteilung von unbezahlter Sorgearbeit und Erwerbsarbeit einschließlich dem Erwerb von Rentenansprüchen zu ermöglichen.

Sicher: Eine kürzere Wochenarbeitszeit erfordert mehr Beschäftigte. Insbesondere um Produktionszyklen aufrechtzuerhalten, die rund um die Uhr laufen und in denen jede Minute mit Euros hinterlegt ist. Das gleiche gilt auch für Dienstleistungen, die wir rund um die Uhr benötigen. Denjenigen, die hier den Fachkräftemangel als Totschlagargument bemühen, können nicht für alle Teile der Arbeitswelt die Ergebnisse entgegengehalten werden, wonach die Produktivität steigt, wenn die Arbeitswoche kürzer wird. Aber: Wenn Vollzeitarbeit kürzer wird, setzt dies ein erhebliches Potenzial an sogenannten unterbeschäftigten Arbeitskräften frei, die zur Zeit weniger arbeiten, als sie möchten – das sind vor allem Frauen, 2016 waren es 2,6 Millionen. Zum anderen wissen wir noch nicht, welche arbeitsmarktpolitischen Effekte Digitalisierung – insbesondere Automatisierung – und Globalisierung aber auch der Umbau der Wirtschaft im Zuge des Klimaschutzes mit sich bringen.

Wenn Unternehmer verkünden, die Vier-Tage-Woche sei „das Ende“, dann erinnere ich gerne daran, dass sie schon bei der Schaffung des Rechtsanspruchs auf Teilzeit das Ende herbeigeredet haben. Tatsächlich hat bisher kein gesetzlicher oder tarifvertraglicher Anspruch für Beschäftigte, der die lange Vollzeitnorm aufgebrochen hat, die deutsche Wirtschaft zu Grunde gerichtet oder zu einer massenhaften Verlagerung der Produktion in Länder mit längeren Arbeitszeiten geführt.

Dicke Bretter bohren

Dennoch bleibt der Kostenfaktor. Eine Verkürzung der Arbeitszeit bei einem Lohnausgleich – der nicht wie das Elterngeld durch Steuern finanziert wird – konnte in der Vergangenheit nur durch die Gewerkschaften durchgesetzt werden. Sehr erfolgreich, übrigens, wie ein Rückblick auf die Entwicklung der Wochenarbeitszeit in den letzten 100 Jahren zeigt. Gerade in den vergangenen Tarifrunden haben die Gewerkschaften sich dem breit getragenen Interesse ihrer Mitglieder angenommen, mehr Freizeit zu erstreiten. Das ist nicht nur wegen des erbitterten Widerstandes der Arbeitgeber eine große Herausforderung. Sondern auch, weil die Möglichkeiten, Arbeit auf mehrere Schultern zu verteilen und sie zu flexibilisieren je nach Arbeitsplatz und -aufgabe äußerst unterschiedlich ausfallen. Solidarische Lösungen sind holzschnittartig nicht denkbar aber Voraussetzung für gute Arbeitszeitpolitik.

Für alle, die auf mehr Freizeit hoffen, ist nun klar: Es rettet uns kein höheres Wesen – jedenfalls zunächst nicht die finnische Regierungschefin. Für die Gewerkschaften, ihre Mitglieder und solche, die es werden wollen, hat sich die Debatte um kürzere Vollzeitarbeit damit aber sicher nicht erledigt!

 


Dr. Johanna Wenckebach ist Leiterin des Hugo Sinzheimer Instituts für Arbeitsrecht der Hans-Böckler-Stiftung