InterviewViele „Einhorn“-Start-ups werden untergehen

Seite: 3 von 3

„Ihr Deutschen seid doch die klügsten Leute der Welt“

Was braucht Europa noch? Mehr Geld von Investoren?

Ich war auf vielen Konferenzen in Deutschland, und auf nahezu jeder gibt es ein Panel über die EU. Das letzte Mal habe ich gesagt: „Leute, ich bin jetzt seit zwölf Jahren hier. Ich kann an diesem Panel nicht mehr teilnehmen. Entweder Ihr tut jetzt was, oder Ihr hört auf, darüber zu reden.

Und was sollte man tun?

Wissen Sie, als der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani 2008 für die Präsidentschaft kandieren wollte, kam er zu uns ins Valley und fragte: „Wenn ich Präsident werde, was kann ich für Euch tun?“ Wir sagten ihm: „Zwei Dinge: Am ersten Tag im Amt schaffst Du das Sarbanes-Oxley-Gesetz ab. (Anm. d. Red.: Das Gesetz wurde 2002 nach den Finanzskandalen wie Enron geschaffen und regelt die Berichterstattungspflicht von Unternehmen am Kapitalmarkt). Er fragte: „Und was ist die zweite Sache?“ Wir sagten: „Versprechen Sie uns, dass Sie niemals wiederkommen.” Wir glauben, dass eine Regierung uns nicht helfen kann, und wenn sie es versucht, dann bremst sie uns nur aus. Das gleiche sehe ich in Europa. Ein Start-up hat den Vorteil, dass es schneller agieren kann als Konzerne. Wenn es zu viele Regeln und Vorschriften für Start-ups gibt, scheitern noch mehr – und dabei habt ihr ohnehin schon zu wenig Gründungen.

Die digitale Revolution wälzt ja alle Branchen um – und in mehreren ist Deutschland stark. Sehen Sie das als Chance für Deutschland?

Nein.

Warum nicht?

Weil sich die Transformation in der Regel nicht innerhalb der Industrie vollzieht. Sie kommt von außen, indem neue Unternehmen geschaffen werden. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Die deutsche Autoindustrie hat sich gerade den Kartendienst Here von Nokia gekauft. Warum? Wenn ich mich künftig in ein Auto setze, will ich Android oder Apple als System haben und es gibt Waze, das ist eine kostenlos App.

Die deutsche Autoindustrie will sich Wissen sichern und ein eigenes Ökosystem aufbauen.

Eine schlechte Idee. Ich mag Eure Autos, ich habe allein drei Porsches. Aber immer wenn ich in meinem Cayenne fahre und mir die Knöpfe anschaue, frage ich mich: Wenn ich den drücke, werde ich dann rauskatapultiert? Deutsche Ingenieure denken immer: Wir machen einen besseren Standard. Aber die Menschen wollen keinen anderen Standard. Wenn sie sich ins Auto setzen, wollen sie sagen: “Siri, spiel das.” Oder: “Siri, ruf den an.” Apple und Google steigen in das Autogeschäft ein, und ich bin mir nicht sicher, ob die deutschen Hersteller in zehn Jahren noch so dominant sein werden wie heute.

Was sollte Deutschland machen?

Nun, Ihr Deutschen seid doch die klügsten Leute der Welt. Ihr seid besser ausgebildet als die meisten Amerikaner. Ihr arbeitet hart, und nun erlebt ihr die so genannte vierte industrielle Revolution. Ihr müsst aufstehen und Euch sagen: Wir wollen Start-ups mehr ermutigen und dafür auch Gesetze ändern. Wenn man zum Beispiel ein Start-up hat, dass mit Wagniskapital finanziert wurde und unter 100 Leuten beschäftigt, könnte man, falls es scheitert, spezielle Regeln aufstellen.

„Die Technologie wird Jobs vernichten“

Aber in der Geschichte ist es deutschen Unternehmen oft gelungen sich anzupassen – die Fließbandproduktion etwa wurde von Henry Ford in Detroit erfunden. Die deutschen Hersteller brauchten 20 Jahre, um ihre Fertigung anzupassen und sind nun Weltspitze.

Damals war das so, ja. Was ich aber gelernt habe, dass man im Zeitalter der Digitalisierung vor allem schnell sein muss. Die Zukunft gehört den Schnellen. Das ist das Geheimnis des Silicon Valleys. Wenn die Deutschen nun denken, dass sie 20 Jahre Zeit haben und sich zurücklehnen können…

Sie lehnen sich ja gar nicht zurück.

Es wird eine Herausforderung. Ich habe von einer neuen Rolls-Royce-Fabrik in England gehört, die nur noch von 17 Leuten betrieben wird. Wenn Mercedes mal eine Fabrik mit 17 Arbeitern hat – was macht der Rest der Deutschen?

Gilt das nicht auch für die USA?

Ja, und das ist das größere Problem, vor dem wir alle stehen, Europa und die USA. Die Technologie wird Jobs vernichten, die im Industriezeitalter geschaffen wurde. Das ist ein soziales Problem, mit dem jedes Land wird umgehen müssen. Und das wird zu sozialen Unruhen führen.

Herr Schoendorf, wir danken für das Gespräch.

Lesen Sie in der neuen Capital „Uber den Wolken“ über das Ende des Einhörner-Booms. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.