InterviewWie Verena Bahlsen die Lebensmittelbranche aufmischt

Sie ist das zweitjüngste von vier Kindern von Werner Bahlsen, dem Oberhaupt der Süßwarendynastie. Die 25-Jährige studierte in London und New York Kommunikation und Management, allerdings ohne Abschluss. 2017 gründete sie in Berlin das Hermann’s.
Sie ist das zweitjüngste von vier Kindern von Werner Bahlsen, dem Oberhaupt der Süßwarendynastie. Die 25-Jährige studierte in London und New York Kommunikation und Management, allerdings ohne Abschluss. 2017 gründete sie in Berlin das Hermann’s.Tobias Wirth/Verband deutscher Unternehmerinnen

Berlin-Mitte, Torstraße: „Hermann’s“ steht in grünen Buchstaben über der Tür. Drinnen ein Restaurant mit viel Licht und Raum, Holztische, Sessel, eine weiße Theke. „Wasser Kefir – probiotisch, lecker, gesund“ steht auf einem Schild am Tresen, in einem Regal Bücher wie „Green Kitchen at Home“ und „Ocean Greens“. An der Seite ist ein Shop, wo es Hanfnüsse und Öko-Emmer-Vollkornmehl zu kaufen gibt. Verena Bahlsen kommt in den Raum, schwungvoll, offen, sie entfaltet sofort eine Präsenz, die für eine 25-Jährige beeindruckend ist.

Capital: Frau Bahlsen, Sie haben 2017 in Berlin das Restaurant Hermann’s eröffnet, der Name erinnert an Ihren Urgroßvater, der 1889 Bahlsen gegründet hat. Von hier aus wollen Sie die Lebensmittelbranche aufmischen. Wie kamen Sie darauf?

VERENA BAHLSEN: Als ich 20 war, war ich in London am King’s College und ehrlich gesagt total gelangweilt. Ich hatte zuvor nichts mit dem Unternehmen meiner Familie zu tun, mein Vater hat das von uns ferngehalten – weil es bei ihm anders war und es dadurch viele Konflikte gab. Als wir Kinder Gesellschafter wurden, hat sich das geändert. In London habe ich dann meine Mitgründerin Laura Jaspers kennengelernt. Sie war zuvor Assistentin meines Vater und dann eine Art Ziehkind und arbeitete in Großbritannien im Marketing.

Was haben Sie gemacht?

Wir sind eines Tages durch Supermärkte gelaufen, haben Produkte angeschaut und diskutiert, dass ein völliger neuer Markt für Lebensmittel entsteht. Und wir merkten, dass wir das nicht mit dem zusammenbringen können, was wir von Bahlsen in Hannover kennen. Das sind zwei Welten und Systeme. Das war der Beginn unserer Freundschaft.

Das Unternehmen Ihrer Familie ist Teil des alten Systems, Bahlsen prägt seit 125 Jahren den Markt für Süßgebäck, hat 5000 Produkte auf den Markt gebracht …

Gerade diese Ambivalenz finde ich reizvoll. Mein Urgroßvater hat die Industrialisierung in der Lebensmittelindustrie maßgeblich geformt. Was er und seine Nachkommen erreicht haben, ist wertvoll. Der Leibniz-Keks bleibt großartig. Unsere Generation aber hat eine neue Aufgabe: Wir müssen uns ändern und sind als Industrie dafür nicht gewappnet. Ich sitze noch zu oft in Räumen und Meetings, in denen alle wie bisher reden und planen, und ich denke dann immer an diesen Cartoon mit dem Hund, der in dem brennenden Haus sitzt und sagt: „This is fine!“ – So verhalten wir uns gerade.

Werden diese Veränderungen in der Branche nicht diskutiert?

Nicht genug. Aber nicht, weil die zu blöd dafür sind. Die Industrie lebt momentan noch in einer anderen Welt. Alle Innovationen kommen von außen, von Forschern, Restaurants, Bloggern. Dieser Markt ist für die Industrie völlig unsichtbar.

Und deshalb kommen Sie auch von außen, mit dem Hermann’s. Was machen Sie genau hier?

Wir bauen ein Vehikel, das in dem neuen Markt zu Hause ist, Brücken zur Industrie schlägt und trotzdem Geld verdient. Dies Restaurant ist nur der Ausgangspunkt. Wir bauen ein Ökosystem: Mit einem Restaurant, einer Plattform und Community, die den Handel, Produzenten und alle, die an neuen Lebensmitteln arbeiten oder darüber schreiben und forschen, zusammenbringen will, den Austausch fördert und in einer Datenbank erfasst – und wir wollen Unternehmen beraten.

Es geht also über Bahlsen hinaus?

Ja, wir beraten auch andere traditionelle Marken. Bisher suchen alle noch, keiner hat einen Fahrplan.

Müssen die Veränderungen von unten oder von oben kommen?

Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, Junior Brandmanager zu sein. Ich wurde im Alter von 20 Jahren Gesellschafter, damals haben wir Geschwister und mein Vater mithilfe von Coaches an mehreren Wochenenden daran gearbeitet, wie wir Kinder uns bei Bahlsen einbringen. Und ich habe einen Vater, der bei jeder bescheuerten Idee, die ich hatte, gesagt hat: „Lass uns darüber reden.“ Er nimmt mich ernst.