US-WirtschaftDiese drei Trends werden 2018 die Märkte bewegen

Kopf der Freiheitsstatue in New York
Kopf der Freiheitsstatue in New York

Der Januar ist der Monat der Prognosen. Wie riskant es ist, sie anzustellen, ist weithin bekannt. Statt also in der ersten Kolumne des Jahres akkurat vorauszusagen, wann der nächste Crash die Wirtschaft belastet, oder wie die Zwischenwahlen zum Kongress ausgehen werden, beschränke ich mich auf die wichtigsten Gradmesser, die Sie 2018 für die Entwicklung von Konjunktur und Geschäftsumfeld in den USA auf dem Schirm haben sollten. Drei von ihnen werden die Märkte bewegen, gleich in welche Richtung.

Als erstes sind da Löhne und Gehälter. Wird es endlich einen nachhaltigen und breiten Anstieg geben? Ein Jahrzehnt lang haben sich die US-amerikanischen Arbeitslosenzahlen erholt und in der Folge auch die Löhne. Der Arbeitsmarkt steht mit einer Arbeitslosenquote von vier Prozent gut da, und die vergangenen zwölf Monate zeigten einen moderaten Lohnanstieg.

Die meisten von uns gingen leer aus

Das ist aber nicht das ganze Bild: Der Anstieg kam spät, fiel zu gering aus und blieb größtenteils auf die Extreme des Lohnspektrums konzentriert. Arbeiter am unteren Ende – wie im Gesundheitswesen, Gastgewerbe oder dem Einzelhandel – und Superstars am oberen Ende – darunter die Finanzdienstleister – profitierten davon. Die meisten von uns haben aber nicht mehr im Geldbeutel.

Warum ist das so? Statistisch ließen sich dafür einige Gründe anführen. Ich glaube aber weiter, dass der Schlüssel für den schwachen Anstieg psychologisch ist. Die größten Kohorten auf dem Arbeitsmarkt sind derzeit Babyboomer und Millennials. Es ist schwer vorstellbar, dass Ü-50er, die sich mit Fragen des Alterns und der Verdrängung menschlicher Arbeitskraft durch Technologie auseinandersetzen, Gehaltserhöhungen fordern – selbst wenn der Arbeitsmarkt anzieht. Die meisten wollen nur weiter ihrer Beschäftigung nachgehen, bis zur Rente.

Dagegen leben und arbeiten die zwischen 1980 und 2000 Geborenen mit ganz anderen Vorzeichen. Freiheit und Flexibilität sind ihnen ebenso wichtig wie ein höheres Gehalt. Man wird sehen, ob dieser Trend anhält, sobald die Generation Kinder bekommt und Häuser kauft. Aber laut dem jüngsten Bericht der US-Notenbank greifen viele Arbeitgeber zu anderen Vergütungen und innovativen Job-Gestaltungen, statt Gehälter anzuheben – und das bei drei Prozent Wirtschaftswachstum und dem einsetzenden Rückenwind der größten Steuersenkung in 30 Jahren. Vielleicht müssen wir doch unser herkömmliches Bild von Arbeitsmärkten wie von vielen anderen Dingen unserer Volkswirtschaften überdenken.

Blase der Unternehmensverschuldung könnte platzen

Der zweite Faktor auf der Watchlist sind Unternehmensausgaben. Während die öffentliche Hand – nun gelähmt von parteipolitischen Umtrieben – seit der Finanzkrise einen großen Schuldenberg angehäuft hat, und ein signifikanter Anstieg der Konsumnachfrage an der schwachen Lohnentwicklung scheitert, fällt es den Unternehmen zu, die Wirtschaft anzukurbeln.

Glaubt man den Republikanern, so war es Sinn und Zweck der Steuerreform, dass Konzerne Barreserven aus Übersee holen und sie in produktive Kapitalanlagen investieren. Wohl haben einige seither neue Boni oder Einstellungen angekündigt – darunter AT&T, CVS und FedEx. Doch werden die meisten sehr wahrscheinlich den Löwenanteil ihrer Steuerersparnisse auf Übernahmen und Fusionen verwenden, Aktien zurückkaufen oder Dividenden ausschütten – wie auch im vergangenen Jahr geschehen. (Der Fed-Bericht deutet genau darauf hin.)

Warum sollten sie das auch ändern, solange die Reform ihnen keine Gegenleistungen abverlangt und das Gros der Unternehmensvergütungen auf künstlich hochgetriebenen Aktienkursen beruht. Mehr Geld in einen Markt zu pumpen, der – wie 2007 – bereits dreieinhalbmal so groß ist wie die Realwirtschaft, mag indes die Jagdinstinkte weitere Quartale befeuern. Dem ist aber entgegenzuhalten, dass die Notenbank ihre Bilanz entlastet und den Leitzins vermutlich weiter anhebt. Diese beiden Faktoren könnten die Blase der Unternehmensverschuldung, die einen Rekordstand erreicht hat, zum Platzen bringen, schwächere Marktteilnehmer wegspülen und eine Korrektur auslösen.

„Die Verschuldung der Unternehmen bereitet mir ziemlich Sorge“, sagt Bricklin Dwyer, der ranghöchste US-Ökonom der BNP Paribas. „Ich denke, wir werden ein sehr unterschiedliches Unternehmens- und Marktverhalten sehen, wenn die Kosten von Fremdkapital etwa 5-7 Prozent ausmachen statt 3-5 Prozent.“

Bleibt es bei Regulierung „light“ für Tech-Konzerne?

Und schließlich: Wenn es vor Jahresende zu einer Korrektur kommt, wo kommt sie her? Unter diesen und vielen anderen Gesichtspunkten werde ich den Technologiesektor beobachten. Von ihm ging im vergangenen Jahr die stärkste Dynamik für globale Anleger aus. Aber die Geschäftsmodelle beruhen auf „Regulierung light“ – und das könnte sich bald ändern.

Einige der Auslöser könnten in nächster Zeit sein, wie die EU auf Bemühungen von Google reagiert, die Auflagen gegen unfairen Wettbewerb zu erfüllen (die Konkurrenten im übrigen nicht weit genug gehen). Auch mögliche Einschränkungen im Handel mit Bitcoin gehören dazu; oder zwischenstaatliche Verfahren gegen den Missbrauch marktbeherrschender Stellung, etwa durch die „FANGs“ – Facebook, Apple, Netflix und Google; oder neue Enthüllungen über russische Wahlmanipulationen durch soziale Medien.

Erst vergangene Woche hat die Regierung gezeigt, dass sie willens ist, stärker regulierend einzugreifen. Die Behörde für Auslandsinvestitionen legte ein Veto gegen die Übernahme des Geldtransferdienstleisters Moneygram durch den chinesischen Alibaba-Ableger Ant Financial ein. Es gab Zweifel an der Sicherheit von Daten amerikanischer Bürger. Schließlich sind Daten das neue Öl – die wertvollste Währung des digitalen Zeitalters. Beobachten wir also genau, wer sie kontrolliert. Denn das werden die Gewinner sein, in diesem Jahr und vielen danach.

Copyright The Financial Times Limited 2018