HandelskonfliktUSA vs. China: „Wer vermag schon, Donald Trump vorauszusagen“

Beim G20-Gipfel in Buenos Aires Anfang Dezember 2018 vereinbarten Chinas Präsident Xi Jinping (l.) und US-Präsident Donald Trump (r.) eine Art Waffenstillstand im Handelskrieg
Beim G20-Gipfel in Buenos Aires Anfang Dezember 2018 vereinbarten Chinas Präsident Xi Jinping (l.) und US-Präsident Donald Trump (r.) eine Art Waffenstillstand im Handelskriegdpa

Capital: Professor Sandschneider, was für Folgen des Handelsstreits sind in China bisher bemerkbar?

EBERHARD SANDSCHNEIDER: Die Unternehmen in den betroffenen Branchen haben Schwierigkeiten, ihre Wertschöpfungsketten aufrechtzuerhalten. Wie man an den jüngsten Zahlen zur Entwicklung des Außenhandels der Volksrepublik China sieht, gehen die Umsatzzahlen auch zurück, was in einer solchen Situation aber eher normal ist.

Trotzdem ist Chinas Überschuss im Handel mit den USA im letzten Jahr gewachsen. Gefährdet das eine Einigung?

Um das einzuschätzen, müsste man wissen, wie Donald Trump tickt. Der amerikanische Präsident ist in seinen Reaktionen auf solche Zahlen und Daten aber leider relativ unkalkulierbar. Üblicherweise würde man erwarten, dass er die Entwicklung weiter kritisiert und weiter auf die Fortsetzung seiner rigiden Handelspolitik insistiert. Dabei würde er insofern falsch kalkulieren, dass er sich rein auf diese Zahlen bezieht. Arbeitsplätze, die es in den Vereinigten Staaten wegen des China-Engagements amerikanischer Unternehmen gibt, berücksichtigt er beispielsweise gar nicht. Und auch deren Einflüsse auf die Kaufkraft in den Vereinigten Staaten lässt er außer Acht. Aber wer vermag schon, Donald Trump vorauszusagen. Die Vermutung, dass ihn das ärgert und er wieder mal mit Twitter-Tiraden reagiert, ist relativ naheliegend.

Allgemein ist der chinesische Export 2018 hingegen auf einen Tiefstand seit 2013 gesunken. Woran liegt das?

Das kann ich Ihnen so genau nicht sagen, da müssten sie einen Wirtschaftswissenschaftler fragen, der sich mit Analysen solcher Entwicklungstrends beschäftigt. Aber Schwankungen in diesem Bereich sind eigentlich eher normal. Man sollte solche absoluten Zahlen nicht überbewerten. Zumal die Verlässlichkeit der Zahlen, die aus China kommen, nicht unbedingt weit reicht.

Der Rückgang hat also gar keine so große Bedeutung für China?

Ich würde ihn zumindest nicht überinterpretieren.

Unterstützt Trumps Handelspolitik am Ende Chinas eigenen Plan, sich von einer Exportwirtschaft hin zu einer Wirtschaft mit mehr Binnenkonsum und Technologie zu entwickeln?

Das vermuten zumindest einige meiner wirtschaftswissenschaftlichen Kollegen. China muss nach Ersatzwegen suchen, wenn außenwirtschaftliche Kanäle durch solche handelspolitische Maßnahmen verstopft werden. Am Ende kann sich das tatsächlich positiv auf die chinesische Binnenwirtschaft und die Konsumorientierung auswirken, die ja längst als Slogan ausgegeben ist. Aber es ist zu früh, das jetzt schon einzuschätzen.

Was wird passieren, wenn mittelfristig keine Einigung mit den USA gelingt?

Das wird Auswirkungen auf beide Volkswirtschaften haben – und zwar keine positiven. Und es wird auch Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Sie sehen Nervosität an den internationalen Börsen, die sicherlich mit dem Brexit, aber eben auch mit der Entwicklung des Handelskonflikts zu tun haben.

Und wird es eine Einigung geben?

Ich gehe nicht davon aus, dass es in absehbarer Zeit eine gütliche Einigung geben wird. Da sind zwei sehr unterschiedliche Positionen und beiden Parteien fällt es schwer, sie zu ändern. Es wird vielleicht einen Formelkompromiss geben, bei dem beide Seiten erklären können, dass sie sich mit ihrer Position durchgesetzt haben.

Wird Trumps derzeitige Strategie trotzdem am Ende erfolgreich sein?

Das ist durchaus denkbar, ich halte es aber für relativ unwahrscheinlich. Und zwar deshalb, weil die Idee dahinter unilateral und ein Stück weit autistisch ist. Die Rückbesinnung auf die Stärken eines Landes wird nicht zur tatsächlichen Stärkung dieses Landes führen – vor allem angesichts der technischen Veränderungen, denen alle politischen und wirtschaftlichen Systeme der Welt ausgesetzt sind. Insofern wird Donald Trump vermutlich schon einiges verändern, aber nichts zum besseren.

Nochmal zurück zum Auslöser des Handelskonflikts: Die Strafzölle der USA beziehen sich auf den unfairen Umgang Chinas mit amerikanischer Technologie und geistigem Eigentum. Ist das nicht ein gerechtfertigter Vorwurf der USA?

Natürlich hat Trump da einen Punkt. Den hat er an mehreren Stellen. Das führt dann aber nicht unbedingt zu den richtigen politischen Schlüssen. Der chinesische Präsident benimmt sich in Davos wie der Verteidiger des freien Welthandels, ist aber verantwortlich für ein hoch protektionistisches Wirtschaftssystem, was China immer noch ist. Faire Wettbewerbsbedingungen für ausländische Unternehmen sind letztendlich nicht zu sehen. Auch der Diebstahl von geistigem Eigentum ist ein Thema, das seit 15 bis 20 Jahren nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern auch Europa und insbesondere die Bundesregierung beschäftigt. Die Kanzlerin hat in den letzten Jahren regelmäßig auf dieses Problemfeld hingewiesen. Da ist längst nicht alles gold, was glänzt und einiges an der Kritik ist sicherlich absolut berechtigt. Aber die Frage ist, ob man mit einer so konfrontativen Handelspolitik die Probleme löst oder ob man sie nicht weiter verschärft.

War Chinas Reaktion sinnvoll, die Zölle im Frühjahr 2017 ebenfalls anzuziehen?

Das war eine Reaktion, die Staaten an den Tag legen, wenn sie sanktioniert werden. Solange sie Möglichkeiten haben, zu Gegensanktionen zu greifen, tun sie das – zur Gesichtswahrung. Auch die EU bedroht den einstigen amerikanischen Partner damit, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, sollte er Zölle auf Automobile einführen. Das ist ein normales Verhalten.

Welches Verhalten wäre nun angebracht?

Das ist die Preisfrage. Natürlich ist es sinnvoll, sich vernünftig zusammenzusetzen. An einigen Stellen, das erkennt auch die chinesische Führung, haben die USA natürlich auch ein Argument auf ihrer Seite. Eine rationale Verhandlungspolitik ist in all solchen Fragen ohne Alternative. Ich glaube, China wäre durchaus bereit, sich auf eine solche Strategie einzulassen, aber auf der amerikanischen Seite fehlt es an der notwendigen Rationalität und an der grundständigen Verhandlungsbereitschaft. Wenn ein Präsident in Nullsummenspielen denkt und glaubt, dass Handelskriege „leicht zu gewinnen“ seien, dann funktioniert dieser Denkansatz nicht.

Wird China seine ehrgeizigen Ziele für die Technologie-Führerschaft in einigen Branchen bis Mitte des nächsten Jahrzehnts erreichen?

Ja, mit hoher Wahrscheinlichkeit. Dahinter steckt der gesamte politische Wille, die gesamte wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und das Bewusstsein um ein wesentliches Wettbewerbsfeld. Die chinesische Regierung wird alles tun, um an dieser Stelle entsprechend erfolgreich zu sein.

Einige Beobachter rechnen damit, dass Chinas wirtschaftlicher Aufstieg nicht ewig so linear weitergeht.

Das ist eine einfache Kalkulation. Auch in China werden die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Das Land hat eine ganze Reihe von Risiken, die auch jederzeit aufbrechen können. Aber ich wäre durchaus zuversichtlich, dass der Aufstieg des Landes weitergeht. Der kann sich verlangsamen und auch mal in Schwierigkeiten geraten, aber mit Blick auf die langfristige Perspektive der chinesischen Elite spricht einiges für den weiteren Aufstieg Chinas.

Wird China in 10 Jahren die Supermacht der Welt sein, vor den USA?

Das ist nicht auszuschließen, setzt allerdings voraus, dass die beiden sich nicht militärisch ins Gehege kommen. Insbesondere in den Vereinigten Staaten läuft eine intensive Debatte, was die Möglichkeiten und Risiken, aber auch Chancen einer militärischen Konfrontation mit China angeht. Wir Europäer schauen da eher ungläubig zu. Wir werden die Notleidenden sein, aber in dieser Frage kein großes Mitspracherecht haben.


Das die größten Unternehmen Chinas