Gastbeitrag Unternehmensfinanzierung geht bald anders

Smart Factory: Solche modernen Produktionsstätten erfordern hohe Investitionen
Smart Factory: Solche modernen Produktionsstätten erfordern hohe Investitionen
© Getty Images
Die digitale Transformation rüttelt die deutschen Unternehmen massiv durch und verursacht zurzeit enorme Kosten. Thorsten Beckmann über die Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung bei der Unternehmensfinanzierung

Die Digitalisierung verschlingt viel Geld. Das sind zum einen immaterielle Kosten, verursacht durch notwendig gewordene Change-Projekte, Umbau in Scrum- und agile Organisationen und die damit verbundenen Verwerfungen und Ängsten in der Belegschaft. Und materielle Kosten, denn all die hinter den Schlagworten wie „Industrie 4.0“ oder „Deutschland 4.0“ stehenden Technologien und Entwicklungen kosten Geld. Software-Programme zur Auswertung von Big Data, Einführung von Systemen der Künstlichen Intelligenz, selbststeuernde „Smart Factories“ – ja, auch „nur“ die Anwerbung von „4.0-fähigen“ Nachwuchskräften, Entwicklern, Führungskräften und (externen) Beratern sowie der Aufbau einer entsprechenden HR- und PE-Infrastruktur zur Entwicklung des entsprechenden Mitarbeiter- oder Mitentrepreneur-Stabes sind vor allem eines: teuer. Enorm teuer.

Vielleicht können international aufgestellte Konzerne mit ihrer Finanzkraft und ihrem Finanzierungs-Know-how das stemmen. Und vielleicht erhält ein schickes digitales Start-up mit seiner coolen App-Idee fettes Seed Money oder begeistert technologieaffine Investoren, die auf einen baldigen vergoldeten Exit spekulieren. Doch schauen wir mal zum vielzitierten „Rückgrat der deutschen Wirtschaft“: dem Mittelstand. Wer im Mittelstand soll das eigentlich alles bezahlen? Und wie? Bisher galt der alte Finanziererspruch:„Finance has to fit the business“. Und wenn er weiter gilt, müssen wir überlegen, was sich denn im Business 4.0 ändert – und was in der Finanzierung 4.0.

Worauf müssen wir uns einstellen?

Finanzen und Digitalisierung – da denkt momentan jeder an Kryptowährungen wie Bitcoin, Ethereum, Litecoin und andere Altcoins. Aber das – und die Blockchain schon gar nicht –wird in nächster Zeit nicht das eigentliche Problem der mittelständischen Unternehmen sein. Sondern an das Geld zu kommen, das benötigt wird, um weiterhin auf dem Markt mitspielen zu können. Um den digitalen Umbau – die Zukunft der eigenen Firma – finanzieren zu können. Um vielleicht neue Produkte, neue Marken, neue digitale Geschäftsmodelle an den Markt zu bringen, um Ausgründungen oder neue Tochterfirmen zu finanzieren. Oder auch ganz simpel nur neue, innovative Mitarbeiter zu finden, neue Produktions- und Prozess-Strukturen aufzubauen und agil umzubauen, neue Projekte auszuprobieren, neue Produktideen zu entwickeln.

Bisher geht der Mittelstand ganz klassisch zu seiner Bank. Gegebenenfalls mit deutlich höheren erforderlichen Investitionsvolumina und damit steigendem Kreditbedarf im Nacken. Und das bedeutet in der Konsequenz: noch mehr Herausforderungen. Noch mehr Anforderungen, neues Wissen, neue Ansätze. Beispielsweise:

  • In der Geschäftsführung muss Klarheit über neue Digitalisierungsinvestitionen herrschen und aufgebaut werden, um internetbasierte Finanzierungsinstrumente überhaupt richtig nutzen zu können.
  • Andere Denke und andere Bewertungen: Assets statt Commodities – was schafft eigentlich Wert? Marken und Patente, Software-Entwicklungen und digitale Produkte sind die neuen Werte – machen Sie sich und den Banken klar, wie groß diese zu bewerten sind.
  • Die Finanzkommunikation gerade der mittelständischen Unternehmen muss massiv ausgebaut werden. Sagen wir es geradeheraus: Hier liegt seit Jahren vieles im Argen, gerade der Mittelstand neigt Studien zufolge bisher zu einer eher „verklemmten“ Kommunikation, um Banken, aber vor allem auch anderen Marktteilnehmern und Wettbewerbern möglichst nicht zu viele Daten zu geben. Wie jede andere Kommunikation auch, wird aber die Finanzkommunikation in den nächsten Jahren immer proaktiver, besser aufbereitet, „mitreißender‘“ werden müssen.

Unternehmensfinanzierung in Zeiten der Digitalisierung bedeutet aber nicht nur neue Herausforderungen, sondern eröffnet auch neue Möglichkeiten für den „Mittelstand 4.0“. Auf Grund der gebotenen Kürze kann ich hier nur ein paar Aspekte anreißen, die sich im Wesentlichen den beiden Bereichen öffentliche Finanzierungen/öffentliche Zuschüsse und private/privatwirtschaftliche Finanzierungsmodelle zuordnen lassen:

Nutzen Sie neue Förderprogramme:

Gerade kleinere Unternehmen sind – besonders auch finanziell – überhaupt noch nicht auf die digitale Transformation vorbereitet: Weniger als 30 Prozent wollen in den nächsten zwei Jahren ein entsprechendes Vorhaben umsetzen – im Vergleich zu rund 80 Prozent der großen Konzerne, so ein Ergebnis einer aktuellen Umfrage der KfW Bank. Daher hat das BMAS (Bundesministerium für Arbeit und Soziales) ein Förderprogramm für den Mittelstand aufgelegt, das unter dem Titel „unternehmensWert: Mensch plus“ bis 2020 läuft (mehr unter www.unternehmens-wert-mensch.de ). Dieses Programm zielt im Wesentlichen auf die Förderung von Arbeit 4.0 in mittelständischen Unternehmen ab und ist in drei Phasen aufgebaut: Kostenlose Erstberatung, Förderung und Prozessberatung, Ergebnisgespräch ein halbes Jahr nach Abschluss der Fördermaßnahme mit der Überprüfung weiterer möglicher Unterstützungsangebote.

Oder schauen Sie mal nach Förderinitiativen wie KMU-innovativ des BMBF (mehr unter www.bmbf.de/de/kmu-innovativ-561.html ) oder dem „Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand – ZIM“ (mehr unter www.zim-bmwi.de/ ) sowie dem Förderprogramm „Innovationsassistent“ in Ihrem jeweiligen Bundesland.

Zusatztipp: Im Internet finden Sie eine Reihe von Förderprogramm-Navigatoren speziell für das Thema und den Suchbegriff „Industrie 4.0“, auch gerade auf die Bedürfnisse von KMU (Kleine und Mittlere Unternehmen) zugeschnitten.

Prüfen Sie neue Finanzierungsmöglichkeiten

Wenn Unternehmen neue Produktideen entwickeln, die gegebenenfalls neue Geschäftsmodelle eröffnen, packen sie diese meistens in die bisherige Firmenstruktur und verwenden viel Zeit, Entwicklung und Geld darein, um diese voranzubringen. Vielleicht ist es aber möglich, smarte neue Produkte in smarte neue Finanzierungsmodelle zu bringen, z.B. ICOs. Mit diesen Initial Coin Offerings finanzieren sich viele Start-ups – warum sollen klassische Firmen davon nicht profitieren? Auslagern – ausprobieren? Risiken minimieren – Zukunftsoptionen maximieren?

Denn, um es zugespitzt zu sagen, für ICOs braucht man „nur“ eine klare und konkrete Vision des Unternehmens, das man (aus)gründen und der Produkte, die man entwickeln will. Sowie einen „Token Sale“, denn die künftigen Investoren sollen „Tokens“, also eine Art virtueller Währung vergleichbar einer Aktie als Anteil des künftigen Unternehmens, Produktes beziehungsweise Erfolgsversprechens kaufen (mehr siehe z.B. unter de.wikipedia.org/wiki/Initial_Coin_Offering ).

Und damit reden wir über eine Art des Crowdfundings, die in Zukunft mit Sicherheit immer mehr Anhänger finden wird. Erforderlich dafür natürlich: Nicht nur eine (hoffentlich) hervorragend marktfähige Produktidee, sondern vor allem auch eine hervorragende Kommunikation. Die geht los mit einem Whitepaper, in dem alle Informationen bezüglich des geplanten Geschäftsmodells, des neuen, innovativen Produktes oder der Produkte und des ganzen geplanten Businesses dargelegt werden. Dieses Whitepaper wird – und hier sind wir wieder bei dem schon erwähnten Punkt einer extrem verbesserten Finanzkommunikation – dann breit gestreut, um möglichst viele Unterstützer (also eigentlich: Crowd Financiers) zu finden, die dann „Token“ („Wertmarken“) kaufen. Womit sie aber nicht Firmenanteile erwerben, sondern quasi Anteile an dem neuen, vorgestellten Produkt, das danach erst entwickelt wird beziehungsweise entwickelt werden muss.

Klingt abgefahren? Ist es aber nicht – es kommt gerade eher angefahren. Mehr als 60 solcher ICOs hat es nach Informationen des Branchenmagazins Netcoo (Ausgabe 10/2017) bisher gegeben; 35 Mio. US-Dollar hat demnach beispielsweise Brave Software Mitte dieses Jahres eingesammelt, Bancor sogar 153 Mio. Dollar.

Natürlich ist nur ein einziges Beispiel – und sicher kein Aufruf, sich spekulativer Finanzierungsmodelle zu bedienen. Aber machen Sie sich im Mittelstand klar, dass sich in Zeiten der Digitalisierung auch die Finanzierungsmöglichkeiten ändern. Sie müssen riesigen neuen Herausforderungen gerecht werden – dann nutzen Sie auch die neuen Chancen! Denken Sie „out of the Box“. Die digitale Transformation überholt Sie links und rechts, kostet Sie Geld und das letzte Restchen Sicherheit, das Sie bisher auf den Märkten hatten. Dann greifen Sie aber auch nach den neuen (Finanzierungs-)Möglichkeiten, die sie bietet!

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