UnternehmenDieser Mann soll VW retten

Seite: 3 von 3

Von Daimler zu Apple, von Apple zu VW

VW-Chef Müller beim Besuch des Digital Labs in Berlin
Neuland: VW-Chef Müller beim Besuch des Digital Labs in Berlin
© Getty Images

Jungwirths vielleicht größter Vorteil ist es, dass er es gewohnt ist, irgendwo neu anzufangen. Er wurde in Siebenbürgen in Rumänien geboren, als Kind einer jener deutschsprachigen Familien, die dort vor Jahrhunderten eingewandert waren. Bis heute spricht er mit leicht rollendem R. Als der Ostblock zusammenbrach, machten die Jungwirths sich nach Westen auf. Der 17-jährige Johann kam zu Verwandten ins hessische Haiger, „direkt an der A 45“, wie er sagt. Es war die Zeit, in der deutsche Autos Symbole des Wohlstands und der technischen Perfektion waren. Jungwirth schmiss sich in die Elektrotechnik, verschickte schon während des Abiturs Bewerbungen für Berufsakademien und landete in Stuttgart. Daimler, Porsche, das Mekka der Motoren. „Ich war immer ein Car Guy, schon als Kind“, sagt er.

Sein erster Arbeitgeber, Mercedes-Benz, schickte ihn nach der Jahrtausendwende in die USA. Der Junge aus Siebenbürgen kam bald dort an, wo sie nacheinander jede Branche auseinandernahmen und wieder neu zusammensetzten: im Silicon Valley. Jungwirth leitete die Forschungsabteilung von Mercedes für Nordamerika, bis Apple ihn 2014 holte. Schon damals galt der Wechsel als Fanal: Ein führender Mitarbeiter eines großen Autokonzerns geht in die IT-Welt. Das konnte nur heißen, dass Apple es jetzt wirklich ernst meinte mit den Plänen für ein eigenes Auto. Doch bis heute ist nicht ganz klar, ob Apple wirklich jemals ein Fahrzeug bauen wird – und nicht vielleicht einfach nur ein Betriebssystem für ein Auto. Und der Car Guy Jungwirth war ja bald wieder weg.

Was fehlt Ihnen, was es in Kalifornien gab, Herr Jungwirth?

„Diese Vibrance, diese Intensität im Networking, diese Fähigkeit, wirklich groß zu denken. Die extreme Arbeitsweise. Da gibt es nur ganz wenige Orte auf der Welt, wo das so intensiv ist.“

Und was gibt es in Deutschland, das Ihnen im Valley gefehlt hat?

„Gutes Brot, Milchprodukte. Aber auch die Infrastruktur. Die Qualität der Verwaltung.“

Der Chief Digital Officer berichtet direkt an Müller

Zwei Welten. Was aber bewegt einen wie ihn, die eine gegen die andere auszutauschen? Man kann davon ausgehen, dass Volkswagen einiges auf den Tisch gelegt hat, um Jungwirth zum Wechsel zu bewegen. Zugleich spielte eine Rolle, dass Jungwirths Frau wieder nach Deutschland wollte, zu ihrer Familie. 25 Wochen lang flog Jungwirth jeden Freitagabend von San Francisco nach Stuttgart und am Montagabend wieder zurück. Irgendwann reichte ihm das, und er begann, sich nach angemessenen Jobs in Deutschland umzusehen. Aber VW-Chef Müller gab Jungwirth auch eine Rolle, die man bei einem der größten Autohersteller der Welt wohl nur in Ausnahmesituationen angeboten bekommt: Der Chief Digital Officer berichtet direkt an Müller, das heißt, er hat große Freiheiten und muss sich nicht durch unzählige Instanzen durchwühlen, wenn er etwas umsetzen will. „Das war ein kluger Schachzug, diese Position so hoch aufzuhängen“, sagt ein hochrangiger Mitarbeiter eines Konkurrenzunternehmens.

Im Future Center in Potsdam schaut Jungwirth nun auf den Tiefen See vor der Tür, es ist ein sonniger Tag mit klarem Himmel. Er erzählt von seiner ältesten Tochter, die einmal keinen Führerschein mehr brauchen soll – weil in der Welt von morgen autonom fahrende Autos herumsausen werden. „Die Vision ist Mobilität für alle, eine Demokratisierung der Fortbewegung. Für Blinde, für Alte, für Kranke, für Kinder“, sagt Jungwirth. Es klingt sehr nach kalifornischen Heilsversprechen.

Warum sind Sie eigentlich nur so kurz bei Apple geblieben, Herr Jungwirth? „Es waren 13 Monate“, sagt er. „13 Monate sind im Silicon Valley eine lange Zeit.“

Es ist die Zeit, die Jungwirth nun auch bei VW hinter sich hat.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 1/2017 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon