E-MobilitätSonnen fordert Tesla heraus

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Strom zum Nulltarif

40 bis 50 Speicher werden pro Tag bei Sonnen in Handarbeit produziert
40 bis 50 Speicher werden pro Tag bei Sonnen in Handarbeit produziert. Batteriezellen, Wechselrichter und andere Komponenten kommen von Zulieferern
© Tanja Kernweiss

In der neuen Energiewelt gelten Batterien als wichtige Ergänzung zu den vielen dezentralen Produktionsanlagen. Sie können helfen, die schwankende Einspeisung von Solarstrom auszugleichen – und damit die Netze entlasten, die unter den wachsenden Mengen an Ökoenergie ächzen. Weil die Fördersätze für Solarstrom kräftig gestutzt wurden und die einst horrenden Batteriepreise sinken, lohnt es sich bei neuen Fotovoltaikanlagen, die Energie vom Hausdach selbst zu verbrauchen, statt sie ins Netz einzuspeisen. Zusammen mit einer Batterie können Haushalte bis zu 80 Prozent ihres Bedarfs decken, wenn der tagsüber produzierte Strom für den höheren Verbrauch am Abend gespeichert wird.

Für Deutschland, einen der führenden Solarmärkte, prognostizierte der Bonner Marktforscher EuPD Research im Oktober für 2016 ein Absatzplus bei Heimakkus von etwa 40 Prozent. Insgesamt wären demnach bis zu 25.000 Batterien verkauft worden – und tatsächlich war der Fördertopf, mit dem der Bund den Batteriekauf bezuschusst, schon im September leer. Für den globalen Speichermarkt erwartet die US-Beratungsfirma Cairn Energy Research Advisors eine Verdopplung auf 13 Mrd. Dollar bis 2020.

Auch für Sonnen war 2016 ein Rekordjahr. Der Absatz stieg auf rund 8000 Batterien – über die Hälfte der insgesamt 15000 Sonnenbatterien, die seit der Firmengründung verkauft wurden. Im November knackte Sonnen auch dank einer hohen Nachfrage in Italien erstmals die Marke von mehr als 1000 ausgelieferten Speichern in einem Monat. Noch vor zwei Jahren waren es um die 50 im Monat. In der Produktion in Wildpoldsried gab es zum ersten Mal Schichten am Wochenende.

Marktanteile der Heimspeicherhersteller

Parallel zu der Expansion im Ausland investierte Sonnen in neue Produkte, die die Megatrends Energiewende und Digitalisierung zusammenbringen. Längst schraubt das Unternehmen, das bis 2015 Sonnenbatterie hieß, nicht mehr nur Batteriezellen und andere Teile von Zulieferern zusammen und verkauft die Speicher an Hauseigentümer. Von einer Hardwarefirma hat sich Sonnen zu einem digitalen Energiedienstleister und -versorger entwickelt.

Seit Anfang 2016 vernetzt das Unternehmen seine Kunden in der Sonnencommunity, einem dezentralen Verbund von Privathaushalten. Mithilfe digitaler Stromzähler, einer Softwareplattform und einer Smartphone-App macht Sonnen Besitzer von Solaranlagen mit Batterie zu kleinen Energiehändlern, die selbst produzierten Ökostrom virtuell untereinander austauschen. Wenn in Bayern kräftig die Sonne scheint, können Kunden dort ihren überschüssigen Solarstrom an die Community abgeben, etwa für Haushalte im trüben Hamburg, die Energie aus dem Netz benötigen.

Für Zeiten, in denen der insgesamt produzierte Strom nicht ausreicht, kauft Sonnen Energie aus Biogas im günstigeren Großhandel zu und gibt den Preisvorteil an die Kunden weiter. Sie zahlen für die Kilowattstunde aus der Community ein paar Cent weniger als die knapp 30 Cent bei ihrem Stromanbieter – und können auf diese Weise ihren gesamten Energiebedarf selbst mit günstigem Ökostrom decken.

Für die mehr als 10000 Haushalte in diesem virtuellen Kraftwerk sind die alten Energiekonzerne schon heute überflüssig. Stattdessen bekommen sie ihren Reststrom aus dem Netzwerk sogar kostenlos, wenn sie einen kleinen Teil ihrer Batterie zur Verfügung stellen, damit der Sonnen-Verbund auf Anforderung der Netzbetreiber kurzfristig Strom aufnehmen oder abgeben kann, um das Netz zu stabilisieren. Den Flatratetarif refinanziert Sonnen über die besondere Vergütung, die Netzbetreiber für diese Regelenergie bezahlen. Seit Neuestem können auch Elektroautos Teil des virtuellen Kraftwerks werden – über ein selbst entwickeltes smartes Ladegerät, das die Batterie der Autos dann auflädt, wenn viel Grünstrom im Netz ist. 5000 E-Mobile will Sonnen im ersten Jahr in seinen Pool holen, gerne auch solche des Konkurrenten Tesla.

Das Community-Konzept sei „einfach genial“, sagt der Greentechinvestor Thomas Pütter. Der langjährige Chef der Allianz-Beteiligungstochter Allianz Capital Partners hat sich ebenfalls an der jüngsten Finanzierungsrunde beteiligt – mit seinem privaten Geld. Pütter war es auch, der beim Einstieg des chinesischen Investors Envision half. Er sitzt seit einigen Jahren im Beirat des Konzerns aus Schanghai.