UnternehmenSonnen fordert Tesla heraus

Bevor der junge Chinese im schwarzen Anzug in den Wagen steigt, zückt er sein Telefon und schießt noch eilig ein paar Fotos: die Firmenzentrale des Batteriespeicherherstellers Sonnen mit ihren dreieckigen Dächern, die grüne Wiese nebenan, die Allgäuer Alpen, die in der Ferne in der Abenddämmerung glühen. Dann lässt sich der Besucher davonfahren, ab zum Münchner Flughafen.

Immer häufiger kommen Gäste aus aller Welt nach Wildpoldsried, einem bayerischen Postkartenidyll in der Nähe von Kempten. Gerade war eine Gruppe aus dem Nordirak da. Auch das japanische Fernsehen hat hier schon gedreht. Das 2500-Einwohner-Örtchen ist ein Musterdorf der Energiewende, in dem sich anschauen lässt, wie die Stromversorgung der Zukunft funktioniert. Schon heute produzieren die Wildpoldsrieder fünfmal so viel Strom aus Wind, Sonne, Biogas und Wasserkraft, wie sie benötigen.

Neuerdings haben auch die Chinesen Wildpoldsried entdeckt – was vor allem an Sonnen liegt, dem mit 270 Mitarbeitern größten Unternehmen am Ort. Sonnen sitzt am Rande des Dorfes, zwischen sanften Hügeln und grünen Wiesen, auf denen im Sommer Kühe grasen. In der Firmenzentrale löten und schrauben Mitarbeiter per Hand an hüfthohen Kästen, in denen mehrere Reihen Lithium-Ionen-Akkus und jede Menge Kabel stecken. Mit den Batteriesystemen können Haushalte mit Solaranlage den Strom von ihrem Dach speichern und auch dann verbrauchen, wenn die Sonne nicht scheint.

Sonnens Firmenzentrale im 2500-Einwohner-Dorf Wildpoldsried steht neben grünen Wiesen
Sonnens Firmenzentrale im 2500-Einwohner-Dorf Wildpoldsried steht neben grünen Wiesen. In den Fenstern spiegelt sich die Landschaft des Oberallgäus
© Tanja Kernweiss

Noch ist der Markt für solche Heimspeicher für den Keller oder die Garage überschaubar. Aber er wächst rasant – und Sonnen, der Weltmarktführer aus der südbayerischen Provinz, ist längst auf dem Radar großer internationaler Investoren. Vergangenen Sommer hat sich der US-Technologiekonzern GE an dem 2010 gegründeten Start-up beteiligt. Im Herbst folgte Chinas zweitgrößter Windturbinenhersteller Envision Energy. Bei dieser Finanzierungsrunde sammelte Sonnen satte 76 Mio. Euro als Eigenkapital ein – fast viermal so viel wie in den drei vorherigen Runden zusammen. „Envision ist der perfekte Brückenkopf, um Geschäft in Asien aufzubauen“, sagt Christoph Ostermann, der Mitgründer und Chef von Sonnen.

Kaum ein deutsches Greentechunternehmen hat in den vergangenen Jahren solch eine Expansion hingelegt wie die Allgäuer. 2013, als die Gründer zum ersten Mal Investoren anzapften, lag der Umsatz bei 4,5 Mio. Euro. Seitdem hat ihn Ostermann Jahr für Jahr verdoppelt. 2016 waren es um die 50 Mio. Euro – mit einem Rekordauslandsanteil von 40 Prozent. Die Unternehmensberatung Deloitte führt Sonnen unter den Top Ten der am schnellsten wachsenden Technologiefirmen in Deutschland. Investmentbanken buhlen bereits um das Mandat für einen Börsengang, den die Eigentümer anstreben. Kapitalmarktexperten schätzen den Unternehmenswert auf 100 bis 200 Mio. Euro.

Fast im Monatstakt hat Sonnen seine Auslandsexpansion vorangetrieben. Mitte 2015 startete das Unternehmen mit einem eigenen Team in Italien, ein Jahr später in Großbritannien, dann in Australien. Im Februar 2016 ging es in den USA los, dem Heimatmarkt des größten Rivalen Tesla. Mit ihm liefert Sonnen sich längst ein wildes Gefecht um die Vorherrschaft in amerikanischen Häusern – doch dazu später mehr.

„Gerade gehen viele Märkte auf“, sagt Firmenchef Ostermann, 45, ein gebürtiger Münchner, der schon in seiner Zeit als Unternehmensberater hobbymäßig an Batterien und Elektroautos herumbastelte. Derzeit müsse man sich bei Sonnen eher die Frage stellen: Was machen wir nicht? Wenn ein Unternehmen zu schnell wachse, sei die Gefahr, dass es „ausfranst“. Intern hat Ostermann ausgegeben: „Wir müssen auch mal stolz sein auf ein Geschäft, das wir nicht gemacht haben.“