ReportageWie Sodastream in den Strudel des Nahostkonflikts geriet

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„Ich bin Ali Jafar“

Von ihrem letzten Arbeitstag hat Sodastream ein Video veröffentlicht: Frauen mit Kopftuch fallen ihren israelischen Kolleginnen weinend um den Hals, ein Arbeiter mit Kippa legt den Arm um einen Palästinenser, am Ende formen alle gemeinsam auf dem Vorhof der Fabrik ein Peace-Zeichen. Der Clip ist professionell geschnitten und mit Klaviermusik unterlegt. Es ist leicht, ihn als PR abzutun, ebenso wie ein zweites Sodastream-Video, in dem israelische und palästinensische Angestellte, wieder zu Pianoklimpern, gemeinsam lachen und scherzen.

Ali Jafar aber sagt: „Sodastream war mein zweites Zuhause. Unser Chef hat sich immer für uns eingesetzt.“ Er hält mit früheren Kollegen Kontakt, Palästinensern wie Israelis. Bis heute hängen in den Sodastream-Büros Zettel mit dem Slogan: „Ich bin Ali Jafar“ – eine selbst gedruckte Solidaritätserklärung, die kein PR-Experte von Sodastream sich besser hätte ausdenken können.

Es war Birnbaum, der kurz nach seinem Antritt 2006 die ersten palästinensischen Arbeiter anstellte, weniger aus Idealismus als ökonomischer Notwendigkeit: Seit 1996 produzierte Sodastream an dem Standort, und die Zweite Intifada, der palästinensische Aufstand mit seiner Welle von Selbstmordattentaten, lag bei seinem Antritt erst wenige Jahre zurück – es fanden sich schlicht zu wenige Israelis, die bereit waren, zwischen den arabischen Dörfern des Westjordanlands zu arbeiten. Anfangs seien palästinensische und israelische Arbeiter unter sich geblieben, erinnert sich Birnbaum, doch mit der Zeit hätten sie sich angenähert und angefreundet. Und was an seinen Fließbändern funktioniert hat, meint Birnbaum, ließe sich im großen Maßstab wiederholen. „All die Anschläge auf Israelis kommen von jenen 170.000 Palästinensern im Westjordanland, die keine Jobs haben. Was würde passieren, wenn wir weitere 100.000 von ihnen in Israel anstellten? Sie hätten einen Grund zu leben. Der Aufstand würde stoppen.“

Bio statt Cola

Birnbaum hat immer wieder so argumentiert, wenn er die Arbeitsgenehmigung für die 74 Palästinenser einforderte. Doch die Regierung blieb hart. Offizielle Stellen geben sich bei dem Thema wortkarg: „Die Politik der israelischen Regierung ist es, der Anstellung von Israelis den Vorzug zu geben“, heißt es. Birnbaum wiederum ist überzeugt, dass sie ihn auch persönlich treffen wollten. Im Kampf der Slogans und Schlagzeilen hat er eine neue Front eröffnet, diesmal gegen Israels Premierminister Benjamin Netanjahu. „100.000 Palästinenser arbeiten in Israel, und trotzdem blockiert die Regierung meine 74“, ruft er. „Sie kann mich nicht ausstehen, weil ich nicht nett über Netanjahu rede: Er hält den Konflikt am Leben, um seinen Job zu retten, das ist kriminell. Er wäre nicht an der Macht, wenn wir Frieden hätten.“

Birnbaum hat in den vergangenen Monaten etliche Interviews gegeben, in denen er seine Vision für einen neuen Nahen Osten ausbreitet. Einmal forderte er sogar, Israel solle syrische Flüchtlinge aufnehmen, er selbst würde Arbeitsplätze für sie schaffen. Beinahe ließe sich darüber vergessen, dass er nebenbei ein börsennotiertes Unternehmen führt, zuletzt mit einigem Erfolg. Nach schwachen Jahren und sinkenden Verkäufen – 2015 sackte der Aktienkurs auf den Stand der Erstplatzierung 2010 – änderte Birnbaum die Strategie: Galt Sodastream bis dahin als günstige Alternative zu Cola und Pepsi, ist das Unternehmen nun auf den Gesundheits- und Nachhaltigkeitstrend aufgesprungen. Mittlerweile verkauft es Sirups in Geschmacksrichtungen wie Bio-Holunderblüte und wirbt damit, Plastikflaschen überflüssig zu machen. Der Schwenk zahlt sich aus: Im zweiten Quartal 2016 stieg der Umsatz im Jahresvergleich um 17,2 Prozent, der Aktienkurs um 16 Prozent.

Sodastream International Ltd Aktie

Sodastream International Ltd Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

T-Shirts für Soldaten

Wirtschaftlich läuft es also, auch ohne Palästinenser. Was treibt Birnbaum dann wieder und wieder mit politischen Einlassungen an die Öffentlichkeit? „Mir geht es nicht um Politik, sondern um Humanismus“, beteuert er. „Ich bin überzeugt, dass Israelis und Araber gemeinsam eine friedliche, sichere und prosperierende Region schaffen können. Und ökonomischer Frieden ist ein erster Schritt hin zu einem breiteren Frieden.“

Birnbaum dürfte damit auf seinen Absatzmärkten im Westen den richtigen Nerv treffen. Aber eine linke Friedenstaube ist er auch nicht. Er nennt sich selbst einen „pragmatischen Rechten“ und „guten Zionisten“. Für einen Palästinenserstaat tritt er aus rein praktischen Erwägungen ein, und das Westjordanland nennt er selbst „befreit, nicht besetzt“. Während des zweiten Libanonkriegs spendete er, damals noch CEO von Nike in Israel, Shirts und Socken für israelische Soldaten. „Mein Vater hat nur knapp den Holocaust überlebt, seine gesamte Familie wurde ermordet. Er hat mich gelehrt, wie wichtig Israel als sicherer Hafen für die Juden ist“, sagt er. „Aber wir müssen empathisch gegenüber anderen bleiben. Nicht jeder Palästinenser ist ein Terrorist. Wir müssen Brücken bauen.“

An einem heißen Freitagmittag sitzt Ali Jafar in einem Containerbüro südlich von Jerusalem. Er hatte Glück: Nach zwei Monaten ohne Job hat er eine Stelle in einer israelischen Transportfirma gefunden. Auf dem Handy zeigt er ein Foto seiner Tochter mit ihrem Schuldirektor: „Da gratuliert er ihr, weil sie Klassenbeste ist.“ Haya ist 17, nächsten Sommer beendet sie die Schule, sie träumt davon, Augenärztin zu werden. Das Studium an einer palästinensischen Universität kostet aber mehrere Tausend Euro im Jahr. Doch dank des neuen Jobs hat Jafar Hoffnung. „Israelische Firmen zahlen doppelt so viel wie palästinensische“, sagt er. „Wenn man eine Tochter hat, die studieren will, macht das einen entscheidenden Unterschied.“

Bloß: Nach Ansicht der BDS-Aktivisten ist auch Jafars neuer Arbeitgeber kriminell. Genau wie Sodastream sitzt er in einer israelischen Siedlung im Westjordanland.