ReportageWie Sodastream in den Strudel des Nahostkonflikts geriet

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Boykottaufrufe gegen Sodastream

Die Geschichte von Sodastream reicht zurück bis 1903, als in London der erste Wassersprudler erfunden wurde. Von Großbritannien aus wurden die Geräte im Laufe des Jahrhunderts populär – obwohl die Sprudler für den Privatgebrauch, die in den Fünfzigern auf den Markt kamen, noch einige Macken hatten. Der Sodastream-Vertreter für Israel war Anfang der 90er-Jahre angeblich so frustriert von den Geräten, dass er unter dem Namen Soda-Club ein eigenes entwickelte. 1998 übernahm er mit seiner neuen Firma seinen alten Arbeitgeber und vertrieb die Sprudler später wieder unter dem Namen Sodastream.

Daniel Birnbaum trat 2006 den Chefposten bei Sodastream an, und spätestens 2010, als er das Unternehmen an die Börse brachte, wusste er um das Konfliktpotenzial der Fabrik im Westjordanland. In der Registrierungserklärung für die US-Börsenaufsichtsbehörde heißt es: „Da unsere wichtigste Produktionsstätte in umstrittenem Territorium liegt, könnten wachsende politische Spannungen und negative Publicity die Nachfrage nach unseren Produkten negativ beeinflussen.“ Die Warnung erwies sich als weitsichtig. Unter Birnbaum wuchs Sodastream ordentlich – aber je bekannter die Firma wurde, desto stärker geriet sie ins Visier propalästinensischer Aktivisten. Die international vernetzte BDS-Bewegung (Boycott, Divestment, Sanctions) organisierte in Europa, den USA und Australien Proteste vor Geschäften, die Sodastream-Produkte führen, startete Boykottkampagnen und randalierte vor lokalen Firmensitzen.

Sticker mit Boykottaufruf ­gegen Produkte, die in Israel hergestellt werden
Sticker mit Boykottaufruf ­gegen Produkte, die in Israel hergestellt werden
© Jonas Opperskalski

In Skandinavien wurde der Druck so groß, dass Sodastream 2011 versichern musste, nur noch Produkte nach Skandinavien zu liefern, die in China gefertigt werden – der „Mutter der Menschenrechte“, wie Birnbaum später sarkastisch anfügte. 2014 verkündete Sodastream, die umstrittene Fabrik zu schließen und die gesamte Produktion in die israelische Wüste Negev zu verlegen. Die BDS-Bewegung feierte das als Sieg gegen „kriminelle Unternehmen“, die an „Israels Apartheid und Kolonialismus“ teilnähmen.

„Die Fabrik damals war alt, klein und überfüllt. Sie hat unseren wachsenden Ansprüchen nicht mehr genügt“, sagt dagegen Birnbaum. „Mit BDS hatte der Umzug nichts zu tun.“ Er will seinen Gegnern – dieser „kleinen Randgruppe von Wirtschaftsterroristen“ – den Triumph nicht gönnen. Und das betriebswirtschaftliche Argument zieht durchaus: So wie Sodastreams Umsatz stieg, mussten natürlich auch die Kapazitäten ausgebaut werden. Allerdings investiert Birnbaum einiges, um einen Widersacher zu bekämpfen, den er vorgeblich für „nicht besonders mächtig“ hält. Birnbaum selbst trat 2015 vor dem US-Kongress auf und drängte die Abgeordneten, juristisch gegen die BDS-Bewegung vorzugehen. In Frankreich klagte Sodastream erfolgreich gegen einen Boykottaufruf. Und im vergangenen Sommer prangerte er die Aktivisten vor den Vereinten Nationen an. Es liegt nahe, dass die Boykottkampagne in die Entscheidung für den Standortwechsel zumindest eingeflossen ist.

Die neue Sodastream-Fabrik steht 70 Kilometer südöstlich der alten, in der Negev-Wüste nahe der Beduinenstadt Rahat. Weiße Kästen mit grasgrünen Dächern inmitten graubrauner Ödnis, die sich bis zum Horizont erstreckt. Bis zur Grenze zum Westjordanland sind es keine 15 Kilometer. In der Fabrik brummt es geschäftig, Frauen und Männer stehen in blauer Arbeitskleidung an Fließbändern, schrauben Plastikaufsätze auf Flaschen, packen Kartons. 500 Beduinen arbeiten hier, dazu israelische Araber, jüdische Israelis und russische Einwanderer, 1400 Menschen insgesamt. Rufe auf Hebräisch, Arabisch und Russisch schallen durch die Halle. Ali Jafar, der Palästinenser, hatte viele der neu angestellten Beduinen noch selbst angelernt – aber nun arbeitet er nicht mehr hier.

Denn mit der Schließung der Fabrik in Ma’ale Adumim entließ Sodastream über 500 palästinensische Mitarbeiter. Palästinenser wie Jafar, die keine israelische Staatsbürgerschaft besitzen, brauchen eine Genehmigung, um innerhalb Israels zu arbeiten. Birnbaum sagt, er habe über hundert Genehmigungen beantragt, doch die israelischen Behörden hätten nur 74 bewilligt. Jafar gehörte zu den Glücklichen und konnte zunächst bleiben. Im Februar aber entschieden die Behörden, die Genehmigungen nicht zu verlängern – das Aus für Ali Jafar und seine 73 palästinensischen Kollegen.