Interview„Unternehmen haben bei der Integration gute Arbeit geleistet“

Integration: Geflüchtete stehen in einer Schlange am frühen Morgen im Sommer 2016 in Berlin vor der Leistungsstelle im Berliner ICC
Geflüchtete stehen in einer Schlange am frühen Morgen im Sommer 2016 in Berlin vor der Leistungsstelle im Berliner ICC dpa

CAPITAL: Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung bedarf Deutschland jährlich etwa 260.000 Migranten als neue Arbeitskräfte. Welche Rolle spielen Geflüchtete in Deutschland als neue Arbeitskräfte?

PANU POUTVAARA: Es stimmt, dass Deutschland aufgrund des demografischen Wandels Arbeitskräfte aus dem Ausland braucht. Damit ist das Potenzial für die Integration von Geflüchteten, die nach Deutschland gekommen sind, jetzt besser als in den Jahren hoher Arbeitslosigkeit. Meine Erwartung ist aber, dass die gesamtfiskalischen Effekte von Geflüchteten für mindestens die erste Generation negativ bleiben werden.

Warum?

Das deutet zum Beispiel die hohe Arbeitslosenquote für 2017 an. Hier ergibt die Arbeitslosenquote nach Staatsbürgerschaft für die Gruppe nicht-europäischer Herkunftsländer für Oktober 2017 43 Prozent. Glücklicherweise geht diese Zahl im Laufe der Zeit zurück. Trotzdem ist weiterhin zu erwarten, dass sie auch in zehn Jahren noch ziemlich hoch ist.

In welchen Branchen sind Geflüchtete aktuell hauptsächlich beschäftigt?

Viele Geflüchtete arbeiten in Branchen mit geringen Löhnen und vielen Beschäftigten, die den Mindestlohn erhalten. Zwischen Oktober 2017 und September 2018 erfolgte die sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsaufnahme von Personen aus acht nichteuropäischen Asylherkunftsländern meist in Arbeitnehmerüberlassung, also Leiharbeit, wirtschaftlichen Dienstleistungen und dem Gastgewerbe.

Aktuell ist jeder dritte Geflüchtete, der seit 2015 nach Deutschland gekommen ist, erwerbstätig. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten ist schneller als erwartet vorangeschritten, das sind gute Neuigkeiten sowohl für die Geflüchteten als auch für Deutschland. Ein Teil dieser Entwicklung folgt aus dem guten Konjunkturzyklus, der sich bis vor Kurzem durchgesetzt hat, sich aber nun schnell abschwächt. Ein wichtiger Teil der Erklärung ist jedoch auch die Alterung der Bevölkerung, die sich in den kommenden Jahren fortsetzen wird. Die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten wird helfen, den Folgen dieser demografischen Entwicklung entgegenzuwirken, auch wenn die Wirtschaft abkühlt.

Als die Flüchtlingsbewegung 2015 zugenommen hat, gab es die Hoffnung, Geflüchtete könnten den Fachkräftemangel lösen. Was ist daraus geworden?

Die Aussage, dass man die Flüchtlingskrise als Lösung für den Fachkräftemangel sehen kann, verliert etwas Wichtiges aus dem Blick: Geflüchtete kommen aufgrund von humanitären Notlagen nach Deutschland und nicht mit dem Ziel, zu arbeiten. Daher ist die Integration von Geflüchteten schwieriger als die Integration von Arbeitskräften, die mit dem Ziel kommen ihr Potential in den Arbeitsmarkt einzubringen. Aber natürlich tragen Geflüchtete, die erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert werden, auch zur Abmilderung des Fachkräftemangels bei.

Wo sehen Sie dabei Hürden in der Arbeitsmarktintegration?

Ein wichtiger Punkt sind die Sprachkenntnisse. Denn viele Arbeitsplätze bedürfen guter Deutschkenntnisse, die wenige Geflüchtete haben. Natürlich gibt es auch Erfolgsgeschichten, aber der Spracherwerb braucht Zeit. Auch die Qualifikationen entsprechen oftmals nicht den Standards am europäischen Arbeitsmarkt. Allerdings gibt es auch auf Seiten Deutschlands zu viel Bürokratie.

Können Sie da ein Beispiel nennen? 

In den ersten Jahren der Flüchtlingskrise wussten Unternehmen, die Geflüchtete als Auszubildende eingestellt haben, nicht, ob ihre Auszubildenden auch bis zum Ende der Ausbildung in Deutschland bleiben können. Jetzt hat sich das gebessert, aber die Unsicherheit für die Unternehmen und die Auszubildenden hat es beiden Seiten erschwert, in die Ausbildung zu investieren.

Welche Schritte wären notwendig, um die Integration zu verbessern?

Ein Punkt wäre natürlich, dass es Bleibeperspektiven gibt für die Arbeitnehmer von Unternehmen, die einen Arbeitsplatz anbieten. Gleiches gilt für die Aufnahme von Studienplätzen. Das kann vielleicht nicht immer für jeden Fall gelten, aber wenn ein Mensch sich auf der Arbeit einbringt und nicht längerfristig bleiben kann, ist das ein Verlust für das Unternehmen, dass den Arbeitsplatz anbietet und für den Arbeitnehmer, der sich Mühe in seiner Arbeit gegeben hat. 

Würden Sie sich hier mehr Mitsprache der Unternehmen wünschen?

Ja, denn die Unternehmen können gut einschätzen, wer zu ihren Arbeits- oder Ausbildungsplätzen passt. Und die Unternehmen, die Geflüchtete eingestellt haben, haben bei der Integration sehr gute Arbeit geleistet.

Welche Rolle kommt dabei dem Bürokratieabbau zu?

Das ist ein weiterer Punkt. Viele Menschen haben Kenntnisse, die aber nicht – wie in Deutschland erforderlich – formell dokumentiert sind. Andere Kenntnisse sind gar nicht unbedingt nötig. Ich sage nicht, dass man die Qualitätsstandards herunterschrauben soll, aber bei bestimmten Arbeitsplätzen sind Sprachkenntnisse nicht unbedingt wichtig. Da müsste man in den Regelungen flexibler werden.

Aktuell sind viele Flüchtlinge in geringfügiger Beschäftigung, Leiharbeit und Zeitarbeit beschäftigt. Wie wirkt sich das auf die deutsche Wirtschaft aus?

Grundsätzlich bekommen Geflüchtete in geringfügiger Beschäftigung staatliche Unterstützung. Die Auswirkungen auf die öffentlichen Finanzen sind also negativ. Gleichzeitig tragen auch Niedriglohn-Arbeitsplätze dazu bei, die Gesamtbelastung der öffentlichen Finanzen zu verringern. Daher ist auch Arbeit in einem Minijob besser als keine Arbeit.

Wie könnte man hier die Integration weiter vorantreiben?

Das hängt von der Bildung und anderen Qualifikationen ab. Allerdings ist es hier wichtig zu betonen, dass auch niedrige Produktivität eine Chance zur Integration bietet. Wenn die Geflüchteten zum Beispiel ihre Deutschkenntnisse verbessern, hat ein Teil von Ihnen auch das Potential, eine bessere bezahlte Beschäftigung zu bekommen. 

Wo sehen Sie Potential der Integration von Geflüchteten in die deutsche Wirtschaft?

Was Hoffnung macht ist, dass viele Geflüchtete relativ jung sind. Wenn sie sich in Deutschland weiterbilden, haben sie noch viel Gelegenheit ihre Sprachkenntnisse und Qualifikationen für den Arbeitsmarkt zu verbessern.

Das heißt die nächste Generation – also die Geflüchteten, die jetzt im Kindes- und Jugendalter sind – hätte das Potential, positiv auf den Fachkräftemangel einzuwirken?

Sicherlich, dabei spielen aber vor allem die Integration in der Schule und dort insbesondere der Deutschunterricht eine wichtige Rolle. Damit das Potential dieser jungen Generation nicht verloren geht.

Inwiefern unterstützt die neue Migrationsgesetzgebung die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt?

Ich bin sehr zufrieden, dass die Vorrangprüfung ab dem 1. Januar wegfällt. Die Regelungen könnten natürlich noch flexibler sein. Insgesamt ist aber eine große Verbesserung spürbar, um den Fachkräftemangel zu beseitigen. Wenn man über die Situation der Asylsuchenden nachdenkt, die jetzt in Deutschland sind, dann ist natürlich auch das Thema Spurwechsel (Anm. d. Red.: also ein Wechsel vom Asylverfahren zum Arbeitsvisum) eine wichtige Lösung, die hilft. Ich sehe aber auch den Kritikpunkt, dass man damit falsche Anreize setzt, wenn diese Regelung für künftige Migranten gilt. Denn wer auf normalem Wege keine Chance auf eine Arbeitserlaubnis in Deutschland hat, könnte das System ausnutzen und über diesen Weg versuchen, Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt zu bekommen. Ich denke, es ist ein guter Kompromiss, dass der Spurwechsel vorerst nur für Menschen gilt, die sich schon in Deutschland aufhalten.

In Sachsen und Brandenburg, wo am Sonntag gewählt wurde, hat die AfD einen hohen Anteil der Stimmen erhalten. Wie bewerten Sie für diese beiden Bundesländer die Chancen einer gelungenen Arbeitsmarktintegration?

Die Situation in den neuen Bundesländern ist schwieriger, weil die Arbeitslosenzahlen höher sind und es stärkere Wettbewerbseffekte um die vorhandenen Arbeitsplätze gibt. Gleichzeitig ist klar, dass auch diese Bundesländer Arbeitskräfte aus dem Ausland brauchen, da auch sie vom demografischen Wandel betroffen sind. Die Alternativen sind also entweder ein Rückgang der Gesamtwirtschaftsleistung oder eben die erfolgreiche Integration von Zuwanderern – ein Teil der Bevölkerung fürchtet sich aber genau davor. 

Ihre Studie mit Prof. Max Steinhardt von der FU Berlin hat ergeben, dass die Sorge vor Zuwanderung milieu-übergreifend mit dem Gefühl zusammenhängt, nicht bekommen zu haben, was man verdient. Welche Faktoren bedingen bei Hochqualifizierten und Wohlhabenden die Sorge vor Zuwanderung?

Bei Hochqualifizierten ist im Allgemeinen das Gefühl, im Leben nicht bekommen zu haben, was man verdient unwahrscheinlicher, genauso wie die Sorge vor Zuwanderung. Frühere psychologische Untersuchungen haben gezeigt, dass auf individueller Ebene eine schwere Krankheit, Arbeitslosigkeit, Scheidung oder der Verlust einer nahestehenden Person das Risiko erhöht, das Gefühl zu haben, im Leben nicht bekommen zu haben, was man verdient. Diese Schicksalsschläge können dann auch bei Hochqualifizierten und wohlhabenden Schichten die Sorge vor Zuwanderung erhöhen. Wir wissen auch, dass die Sorge vor Kriminalität mit der Sorge vor Zuwanderung zusammenhängt, aber es ist schwierig zu sagen, ob die Sorge vor Kriminalität die Sorge vor Zuwanderung verursacht, oder ob andere zugrundeliegende psychologische Faktoren beide Arten von Sorge verursachen.