Interview„Unternehmen haben bei der Integration gute Arbeit geleistet“

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Inwiefern unterstützt die neue Migrationsgesetzgebung die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt?

Ich bin sehr zufrieden, dass die Vorrangprüfung ab dem 1. Januar wegfällt. Die Regelungen könnten natürlich noch flexibler sein. Insgesamt ist aber eine große Verbesserung spürbar, um den Fachkräftemangel zu beseitigen. Wenn man über die Situation der Asylsuchenden nachdenkt, die jetzt in Deutschland sind, dann ist natürlich auch das Thema Spurwechsel (Anm. d. Red.: also ein Wechsel vom Asylverfahren zum Arbeitsvisum) eine wichtige Lösung, die hilft. Ich sehe aber auch den Kritikpunkt, dass man damit falsche Anreize setzt, wenn diese Regelung für künftige Migranten gilt. Denn wer auf normalem Wege keine Chance auf eine Arbeitserlaubnis in Deutschland hat, könnte das System ausnutzen und über diesen Weg versuchen, Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt zu bekommen. Ich denke, es ist ein guter Kompromiss, dass der Spurwechsel vorerst nur für Menschen gilt, die sich schon in Deutschland aufhalten.

In Sachsen und Brandenburg, wo am Sonntag gewählt wurde, hat die AfD einen hohen Anteil der Stimmen erhalten. Wie bewerten Sie für diese beiden Bundesländer die Chancen einer gelungenen Arbeitsmarktintegration?

Die Situation in den neuen Bundesländern ist schwieriger, weil die Arbeitslosenzahlen höher sind und es stärkere Wettbewerbseffekte um die vorhandenen Arbeitsplätze gibt. Gleichzeitig ist klar, dass auch diese Bundesländer Arbeitskräfte aus dem Ausland brauchen, da auch sie vom demografischen Wandel betroffen sind. Die Alternativen sind also entweder ein Rückgang der Gesamtwirtschaftsleistung oder eben die erfolgreiche Integration von Zuwanderern – ein Teil der Bevölkerung fürchtet sich aber genau davor. 

Ihre Studie mit Prof. Max Steinhardt von der FU Berlin hat ergeben, dass die Sorge vor Zuwanderung milieu-übergreifend mit dem Gefühl zusammenhängt, nicht bekommen zu haben, was man verdient. Welche Faktoren bedingen bei Hochqualifizierten und Wohlhabenden die Sorge vor Zuwanderung?

Bei Hochqualifizierten ist im Allgemeinen das Gefühl, im Leben nicht bekommen zu haben, was man verdient unwahrscheinlicher, genauso wie die Sorge vor Zuwanderung. Frühere psychologische Untersuchungen haben gezeigt, dass auf individueller Ebene eine schwere Krankheit, Arbeitslosigkeit, Scheidung oder der Verlust einer nahestehenden Person das Risiko erhöht, das Gefühl zu haben, im Leben nicht bekommen zu haben, was man verdient. Diese Schicksalsschläge können dann auch bei Hochqualifizierten und wohlhabenden Schichten die Sorge vor Zuwanderung erhöhen. Wir wissen auch, dass die Sorge vor Kriminalität mit der Sorge vor Zuwanderung zusammenhängt, aber es ist schwierig zu sagen, ob die Sorge vor Kriminalität die Sorge vor Zuwanderung verursacht, oder ob andere zugrundeliegende psychologische Faktoren beide Arten von Sorge verursachen.