ReportageWas sich Dyson vom Brexit verspricht

Manchmal ist der Abstand zwischen Erfolg und Scheitern sehr klein. An diesem Tag sind es zwei Zentimeter. Abendelang hatten die Ingenieure von Dyson getüftelt, gebastelt und verworfen. Jetzt wollen sie ihre Konstruktion – ein Miniatur-Hovercraft – vorführen. Aber ein elektrisches Kabel hat sich gelöst. Und keiner der Anfang 20-Jährigen, die aufgeregt um das Wasserfahrzeug herumhampeln, hat Tesa dabei. Also war’s das.

„Warte“, sagt einer und knibbelt mit dem Daumen ein Stück des klebrigen schwarzen Deckbelags vom Boot ab. „So geht’s.“ Kurz darauf gleitet das Schwebefahrzeug röhrend durch das dekorative Wasserbecken vor dem Eingang der Firmenzen­trale im britischen Malmesbury. Ein Stück Pappe sinkt wirbelnd auf den Grund des Pools. Ein paar Kollegen auf dem Weg in die Kantine bleiben stehen und gucken amüsiert zu.

Gestern zählt nicht

Der Chef sitzt eine Etage darüber und stört sich nicht im Geringsten an den vergnügten Aktivitäten seiner Angestellten unter seinem Fenster. Sir James Dyson, Alleineigentümer des nach ihm benannten Staubsaugerherstellers, mehrfacher Milliardär und Ritter Ihrer Majestät, sitzt selbst ungern am Schreibtisch. Am glücklichsten ist der 69-Jährige an der Werkbank mit seinen im Schnitt 26 Jahre alten Entwicklern. Dyson stellt fast nur Leute frisch von der Uni ein. „Nicht weil ich Erfahrung ablehne. Aber wir brauchen sie nicht“, sagt der weißhaarige Mann, der drei Kinder und sechs Enkel hat. „Wir wollen nicht wissen, was früher Erfolg hatte. Wir wollen etwas Neues und anderes voranbringen.“

Vorwärts ohne zurückzuschauen? Es ist eine Debatte, die überall im Land tobt, seit die Briten für den Brexit gestimmt haben. Die letzten Monate waren turbulent. Eine neue Regierung, das Pfund im Abwärtssog, erste ausländische Investoren sagen bye-bye. Viele Briten fürchten, dass sie zu viel aufs Spiel gesetzt haben: den Zugang zum europäischen Markt, die Führungsrolle der Londoner City, die Zukunft als Investitionsstandort. Dyson kennt das alles. Aber er teilt die Sorgen nicht. Die Entscheidung für den Ausstieg sei richtig gewesen, „selbstverständlich“, sagt er mit einem kurzen Auflachen. „Meine Gründe sind sehr einfach: Ich glaube an Souveränität.“

Der Grandseigneur der Industrie trägt Strickjacke, gepunktetes Hemd, weiße Sneaker. Mit Krawatte wurde er zuletzt gesichtet, als ihn die Queen 2007 zum Ritter schlug. Spätestens seitdem ist er für die Briten eine Ikone, quasi der Chefingenieur Ihrer Majestät. Einmal im Jahr stellt Dyson seinen Mitarbeitern verrückte Aufgaben. Autos aus Pappe zu bauen zum Beispiel, die einen Parcours durch Feuer und Wasser überstehen. Oder Flugobjekte aus Staubsauger-Ersatzteilen zu konstruieren. Im Grunde aber ist die Aufgabe immer die gleiche: Halte dich nie damit auf, was unmöglich ist. Tu es.

Wenn Dyson vom „Ingenieurwesen“ spricht, dann strahlen seine blauen Augen hinter der Eulenbrille noch heller. Auch diesen sonnigen Herbst-Vormittag hat er im „RDD“ verbracht, der Abteilung, die in anderen Firmen „R&D“ (Research & Development“) heißt, und bei ihm das „Design“ als Kernkompetenz dazubekommen hat. Dyson ist reich damit geworden, Alltagsgeräte wie den Staubsauger, Ventilator und neuerdings auch den Haarföhn neu zu erfinden. Hinter dem überdimensionierten Schreibtisch des Unternehmers stehen seine Sauger Spalier: Plastikgeschöpfe in Pink oder Gelb, die mehr an moderne Mondfahrzeuge als an Haushaltsgeräte denken lassen.

Dyson-Staubsauger werden in China gefertigt
Dyson-Staubsauger werden in China gefertigt
© Philippe Psaila / Dyson

Es war 1978, als dem damals noch jungen Designer beim Staubsaugen zu Hause auffiel, dass die Leistung der Geräte rasch nachließ, weil die Beutelporen verstopften. Er biss sich fest an dem Problem – und fünf Jahre und 5 127 Prototypen später hatte er den beutellosen Staubsauger erfunden. Doch auch dann nahm ihn niemand ernst. Wenn es eine bessere Art des Saugens gäbe, dann „hätten Hoover oder Electrolux die doch erfunden“, bekam er zu hören. Und er wolle allen Ernstes den Hausfrauen den Blick in einen transparenten Schmutzbehälter zumuten? Igitt! Es dauerte lange, bis Dyson in Japan einen Partner für die Produktion des Saugers fand.

Heute hält sein Unternehmen 3000 Patente, setzt über 2 Mrd. Euro jährlich um, beschäftigt 7 000 Mitarbeiter – und der einstige Platzhirsch Hoover hat seine damalige Arroganz öffentlich bereut. In Europa haben Dysons Zyklone die Marktführerschaft übernommen und in Deutschland Miele beim Umsatz vom Siegerpodest gestoßen. Dyson fertigt in Singapur und Malaysia und verkauft in 65 Ländern der Welt. 90 Prozent des Umsatzes erzielt er außerhalb der Heimat. Das Herz seines Unternehmens aber schlägt dort, wo er mit seiner Frau Deirdre seit Jahrzehnten lebt: tief in der Provinz, in Malmesbury, dem ältesten Städtchen Großbritanniens mit 4600 Einwohnern. „Ich hab RDD gerne unter meiner Nase, und meine Nase ist hier“, begründet er das schlicht.

Für 250 Mio. Pfund hat Dyson zwischen den grünen Hügeln der Gegend gerade einen neuen „Campus“ hochgezogen – einen rundum verspiegelten Quader, dessen Inhalt so geheim ist, dass nicht einmal die eigenen Mitarbeiter das Gebäude ohne guten Grund betreten dürfen. Hier wird an den Produkten der Zukunft geforscht. Bis 2020 will er die Zahl der Ingenieure auf 3000 verdoppeln.