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Bauteile bei Mahr, einem Spezialisten für ­Fertigungsmesstechnik
Bauteile bei Mahr, einem Spezialisten für ­FertigungsmesstechnikJewgeni Roppel


Deutschlands Cluster: Deutsche Unternehmen sind berühmt für ihr Können und ihre Produkte. Marktführer und Konkurrenten sitzen dabei oft dicht beieinander. In einer Serie ergründet Capital das Erfolgsgeheimnis der „German Valleys“. Erste Folge: Silicon Saxony – Chips frisch aus Dresden und Pforzheim – Zahnspangen statt Gold


Mitten in der Halle bleibt Stephan Gais stehen. „50 Nanometer“, ruft er. „Nanometer, das ist zehn hoch minus neun.“ Der Chef des Göttinger Messtechnikspezialisten Mahr zeigt auf einen Kasten, der ein bisschen aussieht wie eine Vitrine mit Display. Es ist eines von Mahrs Messsystemen, die Längen oder Oberflächen von Industriebauteilen vermessen, mit einer Präzision von ein paar milliardstel Metern. „Das ist so unendlich klein, dass es kaum vorstellbar ist“, sagt Gais – nicht mehr, als ein Haar in einer Sekunde wächst.

Eigentlich ist der Schwabe ein nüchterner Mensch: Betriebswirt, Anfang 60, geschäftsführender Gesellschafter und Chef eines mehr als 150 Jahre alten Familienunternehmens – ein Typ, der zu Präzisionsprodukten passt. Doch wenn Gais über seine Maschinen spricht, spürt man auch Begeisterung. „Wir waren die Ersten, die das My gemessen haben“, sagt der Ururenkel des Firmengründers Carl Mahr. Das Gerät, das 1908 zum ersten Mal einen Mikrometer exakt vermessen konnte, steht heute in der Empfangshalle der Mahr-Zentrale in der Göttinger Südstadt. Sein Spitzname lautet „Schaukelpferd“, wegen der Form.

Die Mahr-Gruppe ist eines der Schwergewichte des „Measurement Valley“, des Clusters von Messtechnikspezialisten in Göttingen, der seit dem 19. Jahrhundert auf der ganzen Welt bekannt ist. Heute sitzen hier im Süden Niedersachsens mehr als 50 Unternehmen, die alle möglichen Messgeräte verkaufen – darunter große wie der Laborwaagenhersteller Sartorius oder Lambrecht, der Spezialist für Klima- und Wettermesstechnik. Viele von ihnen sind wie Mahr: traditionsreiche Familienunternehmen, in ihren Nischen unter den Top drei auf dem Weltmarkt. Weit mehr als die Hälfte ihres Umsatzes machen sie im Ausland.

Zu den Kunden von Mahr, einer Firma mit 240 Mio. Euro Umsatz und knapp 1900 Mitarbeitern, gehören Maschinenbauer, die optische Industrie und Hersteller von künstlichen Hüftgelenken. Mehr als die Hälfte seines Umsatzes macht Mahr aber mit den großen Playern der Autoindustrie: mit Daimler, VW oder Hyundai, aber auch mit Bosch, Conti und ZF. Sie alle lassen Kurbel- und Nockenwellen oder gar komplette Motorblöcke mit den Systemen aus Göttingen vermessen.

Stephan Gais ist geschäfts­führender Gesellschafter des Familienunternehmens Mahr
Stephan Gais ist geschäfts­führender Gesellschafter des Familienunternehmens Mahr
© Jewgeni Roppel

Gerade hat ein Autokonzern fast 50 Geräte, die Bauteile mit einer dünnen Nadel oder mithilfe eines Laserstrahls abtasten, für eine neue Fertigungslinie geordert. Listenpreis pro System: 200.000 Euro. Die effiziente Automobilproduktion „wäre ohne Messtechnik gar nicht denkbar“, sagt Gais. Nur die Japaner hat Mahr noch nicht geknackt.

Wohl bei kaum einem anderen Cluster der deutschen Wirtschaft lässt sich die Keimzelle so genau bestimmen wie bei der Göttinger Messtechnik. Die Georg-August-Universität, die schon Ende des 18. Jahrhunderts in den Naturwissenschaften Weltruf genoss und bis heute mehr als 40 Nobelpreisträger hervorgebracht hat, wirkte für die Mess- und Regeltechnik wie ein großer Inkubator. Sie lockte weltberühmte Mathematiker, Physiker und Chemiker in die noch stark von der Landwirtschaft geprägte Kleinstadt im Kurfürstentum Hannover: erst Georg Christoph Lichtenberg, dann Carl Friedrich Gauß, Wilhelm Weber, den Chemiker Friedrich Wöhler.